Das Regierungspräsidium Freiburg hat seine Notfallschutzplanungen für Unfälle in grenznahen Schweizer Atomkraftwerken aktualisiert. Der Trinationale Atomschutzverband (TRAS) nimmt dies zum Anlass, auf die Ergebnisse einer Studie hinzuweisen, die auch für den Landkreis Rottweil erhebliche Risiken bei einem schweren Reaktorunfall beschreibt.
Rottweil. Ein schwerer Unfall in einem Schweizer Atomkraftwerk könnte nach Einschätzung des Trinationalen Atomschutzverbands (TRAS) auch den Landkreis Rottweil und weite Teile Süddeutschlands erheblich treffen. Anlass für die erneute Debatte sind aktualisierte Notfallschutzplanungen des Regierungspräsidiums Freiburg, die Ende Juni veröffentlicht wurden.
Die neuen Planungsgebiete orientieren sich an den Empfehlungen der deutschen Strahlenschutzkommission. Sie unterscheiden künftig zwischen einer Zentralzone bis fünf Kilometer um ein Kernkraftwerk, einer Mittelzone von fünf bis 20 Kilometern sowie einer Außenzone von 20 bis 100 Kilometern. Je nach Entfernung sind unterschiedliche Schutzmaßnahmen vorgesehen – von Evakuierungen über den Aufenthalt in Gebäuden bis zur Ausgabe und Einnahme von Jodtabletten.
TRAS begrüßt zwar die Ausweitung der Planungsgebiete, verweist jedoch gleichzeitig auf die Ergebnisse der Metastudie „Grenzenloses Risiko: Gefährdung Deutschlands durch schwere Unfälle in Schweizer Atomkraftwerken“. Darin wird untersucht, welche Folgen ein schwerer Reaktorunfall in den Schweizer Kernkraftwerken Beznau, Leibstadt oder Gösgen für Deutschland haben könnte.
Auch der Raum Rottweil könnte betroffen sein
Nach den in der Studie ausgewerteten Simulationen endet das Gefährdungspotenzial keineswegs an der Grenze oder innerhalb der neuen 100-Kilometer-Zone. Je nach Wetterlage könnte eine radioaktive Wolke innerhalb weniger Stunden große Teile Baden-Württembergs erreichen.
Der Raum Rottweil gilt aufgrund seiner Lage in Süddeutschland als eine Region, die bei bestimmten Windrichtungen ebenfalls betroffen sein könnte. Die Studie beschreibt Szenarien, in denen radioaktive Stoffe wie Jod-131 und Cäsium-137 über weite Teile Süddeutschlands verteilt würden.
Welche Regionen tatsächlich betroffen wären, hinge entscheidend von Windrichtung, Niederschlag und weiteren Wetterbedingungen zum Zeitpunkt eines Unfalls ab.
Weitreichende Folgen für Bevölkerung und Infrastruktur
Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass ein schwerer Reaktorunfall weit über den unmittelbaren Grenzbereich hinaus Folgen hätte.
Je nach Szenario könnten Hunderttausende bis Millionen Menschen evakuiert oder später dauerhaft umgesiedelt werden. Auch Städte wie Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart oder Ulm werden in den untersuchten Modellen als potenziell betroffen genannt.
Für den Landkreis Rottweil beschreibt die Studie mögliche Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche. Landwirtschaftliche Flächen könnten durch radioaktive Ablagerungen über Jahre oder Jahrzehnte nicht mehr nutzbar sein. Ernte-, Weide-, Jagd- und Fischereiverbote wären denkbar.
Auch die Trinkwasserversorgung wird als kritischer Punkt genannt. Sollte der Bodensee kontaminiert werden, könnte dies Auswirkungen auf die Wasserversorgung von Millionen Menschen haben. Auch zahlreiche Kommunen im Landkreis Rottweil beziehen ihr Trinkwasser ganz oder teilweise aus dem Bodenseeraum.
Studie beschreibt erhebliche Gesundheitsrisiken
Nach Angaben der Studienautoren wären bei einem schweren Unfall neben akuten Strahlenschäden auch langfristige gesundheitliche Folgen zu erwarten. Genannt werden unter anderem ein erhöhtes Krebsrisiko sowie genetische Schäden.
Besonders Kinder gelten wegen des radioaktiven Jods als gefährdet. Deshalb zählt die rechtzeitige Einnahme von Jodtabletten zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen. Diese schützen allerdings ausschließlich die Schilddrüse und nicht vor anderen radioaktiven Stoffen.
Die Studie enthält außerdem Modellrechnungen für besonders ungünstige Wetterlagen. Für einen schweren Unfall im Kernkraftwerk Leibstadt werden darin Szenarien beschrieben, bei denen in Deutschland mehr als 147.000 Todesfälle und über 324.000 schwere Erkrankungen möglich wären. Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich dabei um rechnerische Worst-Case-Szenarien handelt, deren Eintritt von zahlreichen Faktoren abhängt.
Kritik am Katastrophenschutz
TRAS verweist zugleich auf Defizite im grenzüberschreitenden Katastrophenschutz. Nach Auffassung des Verbands seien Behörden und Bevölkerung auf eine großräumige Evakuierung bislang nicht ausreichend vorbereitet.
In der zugrunde liegenden Studie wird unter anderem kritisiert, dass die bisherigen Katastrophenschutzplanungen lange Zeit nur einen vergleichsweise kleinen Bereich um die Schweizer Kernkraftwerke berücksichtigt hätten. Für das Kernkraftwerk Gösgen habe es auf deutscher Seite bislang keine Evakuierungsplanung gegeben.
Mit den nun veröffentlichten Planungsgebieten sei zwar ein entscheidender Schritt erfolgt, erklärt TRAS. Der Verband betont jedoch, größere Schutzzonen könnten lediglich die Folgen eines Unfalls begrenzen, das eigentliche Risiko aber nicht beseitigen.
TRAS fordert deshalb weiterhin die schrittweise Stilllegung der Schweizer Kernkraftwerke sowie eine engere grenzüberschreitende Zusammenarbeit beim Katastrophenschutz. Zudem sollten Kommunen und Bevölkerung umfassender über mögliche Schutzmaßnahmen informiert werden.
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