Offenbar unmittelbar nach den Angriffen von Halle, dem am gestrigen Mittwoch zwei Menschen zum Opfer gefallen sind, hat das Landes-Innenministerium Baden-Württemberg die Sicherung der Synagogen im Land angeordnet. Vor der Rottweiler Synagoge steht seither ein Streifenwagen, ist zudem Kriminalpolizei im Einsatz. Unterdessen hat die jüdische Gemeinde des Landes reagiert.
Die Beamten sind wachsam. Wer fotografiert, wird direkt angesprochen. Sie wolle einfach wissen, wer hier Interesse an der Synagoge habe, so die Beamtin zum Reporter. Dessen Antwort, sie sei nach seinem Wissen ja auch nicht zum Spaß da, erwidert sie mit einem Lächeln.
Seit dem Angriff auf die Synagoge in Halle (Saale), bei dem am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur vom Täter zwei Menschen erschossen worden sind, wird auch die Rottweiler Synagoge bewacht. „Das hat das Landes-Innenministerium angeordnet“, so ein Sprecher des Tuttlinger Polizeipräsidiums auf Nachfrage der NRWZ. Es sei ihm ganz recht, dass die Presse das fotografiere, ergänzt er, so würden die getroffenen Maßnahmen im Rahmen der Sicherheitsabwägungen der Behörden den Menschen im Land transparenter.
Nach dem tödlichen Angriff auf die Synagoge in Halle herrscht derweil Entsetzen bei den jüdischen Gemeinden in Baden und Württemberg. „Wir sind erschüttert und trauern mit den Angehörigen und Freunden der Opfer. Der Jüdischen Gemeinde Halle gilt unsere Solidarität. Damit sind unsere Befürchtungen wahr geworden“, sagt Rami Suliman, der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG Baden), „auch in Deutschland sind Anschläge möglich: Die mörderische Gewalt hat uns erreicht“.
Die IRG Baden ist mit dem Land Baden-Württemberg und den Landespolizeikräften im Gespräch. Notwendige Änderungen in der Sicherheitsstruktur der jüdischen Einrichtungen im Land – personell und baulich – seien analysiert, teilt die Glaubensgemeinschaft mit. Baden-Württemberg hat hinsichtlich der Bekämpfung des Antisemitismus eine Vorreiterstellung eingenommen. Mit Dr. Michael Blume wurde im Frühjahr 2018 der erste Beauftragte gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg berufen, andere Bundesländer und der Bund folgten mit entsprechenden Berufungen. Seit 2. Juli dieses Jahres liegt dem Landtag von Baden-Württemberg nun der 1. Bericht des Beauftragten gegen Antisemitismus vor. „Der Landtag wird in der kommenden Woche, am 17. Oktober, über die Feststellungen des Berichts und die Umsetzung der Handlungsempfehlungen beschließen“ teilt Thorsten Orgonas, Hauptgeschäftsführer der IRG Baden mit.
Die zehn jüdischen Gemeinden in Baden vertreten das Leitbild des offenen Hauses. Jeder ist willkommen, der in Kontakt mit den Gemeinden treten will, Synagogenführungen gibt es an jedem Ort. „Leider müssen wir unsere Gebäude aber auch schützen, wie der Anschlag in Halle und anderen europäischen Städten gezeigt hat,“ so Suliman.
Das Landeskriminalamt habe Gutachten erstellt zu der Frage, in welchen Bereichen in den einzelnen Einrichtungen Verbesserungen an Sicherheitsausstattung und Sicherheitstechnik angezeigt sind. Diese Gutachten hat sich auch der Antisemitismusbeauftragte in seinem Bericht zu eigen gemacht. Rami Suliman erklärt: „Die LKA-Gutachten liegen auf dem Tisch, sie müssen jetzt rasch umgesetzt werden. Ich bin mir sicher, dass die Abgeordneten die richtigen Schlüsse ziehen werden. Die Signale, die wir aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft erhalten, lassen keinen Zweifel daran zu, dass die elementare Bedeutung des Themas Sicherheit jüdischer Einrichtungen und Kampf gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit verstanden wurden. Wir werden gemeinsam für den Erhalt unserer offenen, freien und vielseitigen Gesellschaft eintreten.“
Die IRG Baden ist als Religionsgemeinschaft der Dachverband der Juden im Landesteil Baden mit etwa 5000 Mitgliedern. Ihr untergliedert sind die zehn jüdischen Gemeinden in Baden-Baden, Emmendingen, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz, Lörrach, Mannheim, Pforzheim und Rottweil.
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