Vor einer Woche stand an dieser Stelle ein Text über die Pürschgerichtslinde. Viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, haben geschrieben, dass sie stehengeblieben sind und den Stein zum ersten Mal gelesen haben sowie den Weg zur Heerstraße kennen. Aber sie kennen die Geschichte dahinter nicht. Das hat uns gefreut.
Wer damals stehenblieb, dem ist vielleicht aufgefallen: Die Linde ist nicht der einzige Zeuge. Sieben Gehminuten entfernt, an der Königstraße neben dem Landgericht, sitzt ein anderer. Steinern, thronförmig, mit dem Reichsadler auf der Rückenlehne. Der Hofgerichtsstuhl von 1781 – oder genauer: seine Kopie. Das Original steht im Stadtmuseum.
Auch er hat etwas zu sagen, nämlich: „Ich wurde gemacht …
Das ist der Unterschied zwischen uns. Die Linde dort drüben an der Heerstraße – sie ist gewachsen, hat gewartet, hat vergessen und erinnert zugleich. Ich nicht. Ich wurde 1781 aus Stein gemeißelt, mit Absicht geformt, mit Bedeutung beladen. Jede meiner Linien ist eine Entscheidung. Der Adler auf meiner Rückenlehne: eine Entscheidung. Der Thron, die Schwere, die Verzierung: alles gewollt.
Und doch kam ich zu spät.

Drei Jahre nach meiner Fertigstellung fand hier die letzte Sitzung des Kaiserlichen Hofgerichts statt. Am Magdalenentag 1784 sprach das älteste Zivilgericht des Reiches zum letzten Mal Recht. Ich war neu. Das Gericht war am Ende. Man hatte mich gemeißelt wie ein Versprechen – und die Botschaft war schon gebrochen, bevor die Späne vom Boden gefegt waren.
Vielleicht wussten sie es. Vielleicht war ich deshalb so aufwändig geraten.
Wer hier stand, war im Zentrum von etwas Großem. Das Hofgericht Rottweil – erstmals erwähnt 1299, hervorgegangen aus dem Gericht am Königshof auf der Mittelstadt – war jahrhundertelang eine der bedeutendsten Rechtsinstitutionen des Heiligen Römischen Reichs. Der Sage nach hatte König Konrad III. den Rottweilern das Hofgericht bereits 1146 für geleistete Waffenhilfe verliehen. Ob das stimmt, weiß niemand mehr genau. Aber man erzählte es gern. Städte brauchen solche Geschichten.
Was sicher ist: Sein Zuständigkeitsbereich reichte vom Alpenkamm bis Köln, von den Vogesen bis zum Lech. Wer vor kein anderes Gericht mehr gehen konnte oder wollte, kam nach Rottweil. Theoretisch war es die letzte Instanz für jedermann.
Das ist keine kleine Sache für eine Stadt am oberen Neckar.
Die Aufgaben waren nüchtern, aber mächtig: Zivilrecht, Schulden, Erbschaften, Verträge, Beurkundung von Rechtsgeschäften. Wer nicht zahlte, konnte geächtet werden – und mit ihm seine ganze Stadt. Bern wurde einmal geächtet. Würzburg auch. Das Hofgericht scheute sich nicht, groß zu denken.
Man kam auch, weil es sich lohnte: Die Verfahren in Rottweil galten als schneller und preiswerter als anderswo. Recht als Dienstleistung – auch das war das Hofgericht.
Und dann tagte es hier, an der Königstraße vor dem Hochbrücktor, seit König Sigismund 1418 den Gerichtsplatz von der Heerstraße hierher verlegt hatte. Unter Gerichtslinden. Unter freiem Himmel. Der Hofrichter – jahrhundertelang ein Graf von Sulz, bis das Geschlecht 1687 erlosch – zog im roten Mantel heran, unter dem Klang der Hofgerichtsglocke vom Kapellenturm, begleitet von Trommelwirbel und Geschützdonner. Freitags wurden die Urteile verkündet. Es war Theater und Ernst zugleich – Recht als öffentliches Ereignis, sichtbar für alle. Am Ende der Gerichtswoche warf der Hofrichter seinen Richterstab aus der Hand – das Zeichen, dass das Recht gesprochen war. Dann gingen sie essen.
Ich habe das nicht mehr erlebt. Ich bin 1781 dazugekommen, als die bedeutende Zeit längst vorbei war.
Das Reichskammergericht in Speyer hatte seit seiner Gründung Ende des 15. Jahrhunderts dem Rottweiler Hofgericht das Wasser abgegraben. Städte und Fürsten erkämpften sich Ausnahmen, entzogen sich der Rottweiler Zuständigkeit. Was einmal Pflicht gewesen war, wurde Privileg – und Privilegien können umgegangen werden. Im 18. Jahrhundert fanden kaum noch echte Prozesse statt. Manchmal kam man zusammen, um Beisitzer zu ernennen. Um die Form zu wahren. Um so zu tun, als gäbe es das Gericht noch.
Für mich wurde trotzdem Geld ausgegeben. Ein neuer Stuhl, reich verziert, mit dem Reichsadler, der Krone, dem ganzen kaiserlichen Apparat. Ich frage mich, was die Männer dachten, die mich in Auftrag gaben. Ob sie glaubten, was sie taten. Ob sie dem Stein vertrauten, wo dem Gericht kein Vertrauen mehr blieb.
1784 war es vorbei. 1802 verlor Rottweil seine Eigenständigkeit als Reichsstadt. Was Jahrhunderte gedauert hatte, endete in wenigen Jahren.
Dann lange: Stille. Oder zumindest das, was für Stein Stille bedeutet.
1940 fällten sie die letzte Gerichtslinde an der Königstraße. Der Platz, der einmal ein Gerichtsort gewesen war, war nun nur noch ein Platz. 1949 gestaltete ihn August Steinhauser neu – und tat das mit Bedacht: Er ließ nicht nur den Stuhl stehen, sondern machte den ganzen Gerichtsort sichtbar: Bänke der Beisitzer, Schranken des inneren Gerichtsbereichs. Eine Rekonstruktion in Stein, mitten in der Nachkriegszeit. Menschen, die gerade erlebt hatten, was Recht kosten kann, gaben dem alten Ort eine neue Form. Gegenüber: die Armsünderkapelle. Urteil auf der einen Seite. Stille Erinnerung auf der anderen.
Heute sieht man dem Platz an, dass er sich selbst überlassen wurde. Die Infotafel vor mir ist verwittert, die Schrift kaum noch lesbar. Moos hat sich in die Ritzen gefressen. Wer hier vorbeiläuft – und die meisten gehen vorbei – ahnt nicht, was dieser Ort einmal war. Ein paar Schritte vom Landgericht entfernt, das noch heute tagt, liegt ein Ort, den die Stadt vergessen zu haben scheint.
Das ist vielleicht das Ehrlichste, was man über Erinnerung sagen kann: Sie verwittert, wenn man sich nicht um sie kümmert.
Das Original von mir – der Stuhl von 1781 – steht heute im Stadtmuseum. Drinnen, geschützt, unter geregelten Bedingungen. Was hier draußen steht, ist eine Kopie. Ich habe oft nachgedacht, welcher von uns beiden „ich“ bin. Der im Museum, der die Zeit überstanden hat? Oder der hier, der Wind und Regen aushält, von Moos überwachsen, von Passanten übersehen?
Vielleicht ist das die falsche Frage. Vielleicht sind wir beide nur Verweise auf etwas, das längst woanders ist.
Die Linde an der Heerstraße und ich – wir erzählen dieselbe Geschichte von zwei Enden her. Sie stand am alten Platz, beim Pürschgericht, beim Ursprung. Ich stehe am neuen Platz, beim Hofgericht, beim Schluss. Sie ist gewachsen, ich wurde gehauen. Sie erinnert durch Wiederholung – eine Linde nach der anderen, über Jahrhunderte. Ich erinnere durch Behauptung: Hier war das Recht. Hier saß der Richter. Hier galt das Reich.
Beides stimmt. Beides ist unvollständig ohne das andere.
Wer heute am Landgericht Rottweil vorbeigeht, an mir vorbeigeht, und sieben Gehminuten weiter zur Linde läuft, der hat die ganze Geschichte vor Augen: Wo das Recht begann. Wo es sich verlagerte. Wie es sich selbst feierte, kurz bevor es endete. Und wie es – in anderer Form, unter anderen Gesetzen – weiterbesteht.
Das Landgericht Rottweil tagt noch heute. Auch das ist Erinnerung.
Ich bin kein Baum. Ich wachse nicht nach. Was ich bin, bin ich – gemeißelt, datiert, unzweideutig. Ein Stuhl, der wartet. Verwittert, ein wenig vergessen, vom Moos zurückgefordert.
Auf wen, das weiß ich nicht mehr genau.
Aber ich sitze noch.“









