Polizeieinsatz in Villingendorf. Leser-Foto: Alexander Schramm

Eine elf­köp­fi­ge Fami­lie ist über­ra­schend am Sonn­tag in Vil­lin­gen­dorf auf­ge­taucht. Die bereits abge­lehn­ten Asyl­be­wer­ber aus Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na wol­len es erneut ver­su­chen, in Deutsch­land, in Vil­lin­gen­dorf Fuß zu fas­sen. Sie wur­den vor­über­ge­hend von der Gemein­de unter­ge­bracht. Aus huma­ni­tä­ren Grün­den, wie Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Bucher erklärt. Er hat zugleich die Aus­län­der­be­hör­de ein­ge­schal­tet.

Was sol­len wir machen, die Leu­te sind ja obdach­los.” Bür­ger­meis­ter Bucher begrün­de­te am Mor­gen gegen­über der NRWZ sein Enga­ge­ment für die Fami­lie aus Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na. Die­se war, die NRWZ berich­te­te, am Sonn­tag über­ra­schend wie­der in Buch­ers Gemein­de auf­ge­schla­gen.

Es han­de­le sich um eine elf­köp­fi­ge Fami­lie, zwei Erwach­se­ne, neun Kin­der. Man ken­ne die Leu­te in Vil­lin­gen­dorf schon. Vor ihrem geschei­ter­ten Asyl­an­trag waren sie dort unter­ge­kom­men, hät­ten ers­te Freund­schaf­ten geschlos­sen. So habe ein Jun­ge aus Vil­lin­gen­dorf jetzt am Sonn­tag gleich mit­ge­hol­fen, die Fami­lie zu ver­sor­gen, „er und ein Jun­ge aus der Fami­lie sind mit­ein­an­der befreun­det”, erzählt Bucher.

Der Bür­ger­meis­ter wirkt gewohnt gut gelaunt wäh­rend des Gesprächs mit der NRWZ, scherzt ein wenig, etwa: „Als die Leu­te damals gegan­gen sind, waren sie noch zu Zehnt. Jetzt sind sie zu Elft.” Er sagt, dass die Fami­lie zwar abge­lehnt wor­den und tat­säch­lich, um ihrer Abschie­bung zuvor­zu­kom­men, sei­ner­zeit auch aus­ge­reist sei – aber nun, so ist das Leben, eben wie­der da ste­he. Man kön­ne die Leu­te ja nicht ein­fach weg­schi­cken, „wohin denn”. Die Poli­zei habe sie auch nicht mit­neh­men wol­len – eben­falls: wohin denn. Bucher lässt durch­klin­gen: Da schie­nen ihm man­che ein wenig über­for­dert.

Der Bür­ger­meis­ter und sein Haupt­amts­lei­ter Armin Mei haben die Geschich­te halt dann gere­gelt. Und die Leu­te unter­ge­bracht. In einem Gebäu­de, wo elf Men­schen eben ein Dach über dem Kopf haben, eine Dusche, eine Hei­zung. Wo, will er nicht in der Zei­tung lesen. Um die Fami­lie vor mög­li­chen Über­grif­fen zu schüt­zen. In der Gemein­de selbst wis­se eh jeder Bescheid, aber über­re­gio­nal sol­le das nicht ver­brei­tet wer­den.

Bucher und Mei haben dann noch für Essen gesorgt – „der Bäcker Gei­ger hat­te noch geöff­net”, so Bucher. Und das ört­li­che Rote Kreuz hat Decken gebracht. Auch hät­ten sich ein­hei­mi­sche Fami­li­en an der spon­ta­nen Hilfs­ak­ti­on betei­ligt. 

Doch die Unter­kunft ist nicht auf Dau­er. Zunächst ein­mal sei die Fami­lie recht­mä­ßig hier, erklärt Micha­el Gun­del, der Lei­ter der Aus­län­der­be­hör­de im Rott­wei­ler Land­rats­amt, auf Nach­fra­ge der NRWZ. Die EU hat die Visa-Pflicht für Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na 2010 auf­ge­ho­ben. Die Leu­te dürf­ten sich vis­um­frei bis zu 90 Tage hier auf­hal­ten. Danach erst wer­de der Auf­ent­halt uner­laubt, „das ist eine Straf­tat, dann wer­den auf­ent­halts­be­en­den­de Maß­nah­men ein­ge­lei­tet”, erklärt Gun­del. 

Der Chef der Aus­län­der­be­hör­de erwar­tet aller­dings, dass die Fami­lie erneut Asyl bean­tragt. Die­ser Antrag war schon ein­mal gestellt wor­den und wur­de dann abschlä­gig beschie­den. Daher war die Fami­lie offen­bar vor Jah­res­frist schon ein­mal wie­der heim­ge­kehrt, frei­wil­lig, um der Abschie­bung zuvor zu kom­men, erfuhr die NRWZ schon am Sonn­tag­abend.

Einen Asyl­an­trag kön­ne die Fami­lie nur in einer Erst­auf­nah­me­stel­le stel­len, so Gun­del wei­ter. Die­se befin­den sich in Karls­ru­he und in Frei­burg, „wir wer­den die Leu­te nach weni­gen Tagen dort­hin schi­cken”. Die klei­ne Ver­schnauf­pau­se bekä­men sie wie­der­um aus huma­ni­tä­ren Grün­den.

Die Unter­kunft in Vil­lin­gen­dorf wer­de also nur ganz kurz­fris­tig gewährt wer­den kön­nen und müs­sen, da sind sich Gun­del und Bucher einig. „Das ist eine Obdach­lo­sen­un­ter­brin­gung”, so Gun­del. Die Men­schen bekä­men „ein paar Tage Zeit.” Mehr nicht.

Es kön­ne, so erklärt der Lei­ter der Aus­län­der­be­hör­de, aber durch­aus sein, dass die Fami­lie wäh­rend des ange­lau­fe­nen Asyl­ver­fah­rens wie­der dort auf­tau­che – so schi­cke die Erst­auf­nah­me­stel­le die­se Leu­te, die es ein zwei­tes Mal ver­such­ten, „in der Regel” wie­der in den ursprüng­li­chen Land­kreis zurück. Und das Land­rats­amt wei­se, wenn mög­lich, durch­aus wie­der die ursprüng­li­che Gemein­de zu. Alles aus huma­ni­tä­ren Grün­den.

Es kom­me im Übri­gen immer wie­der vor, dass eine eigent­lich abge­lehn­te Fami­lie erneut auf­taucht. Mit unge­wis­ser Zukunfts­pro­gno­se, aller­dings. Das Asyl­ver­fah­ren gehe sei­nen Gang und kön­ne durch­aus wie­der in eine Ableh­nung und eine dro­hen­de Abschie­bung mün­den.

Die elf Leu­te aus Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na sei­en im Übri­gen „ganz fried­li­che Mit­bür­ger”, sagt Bür­ger­meis­ter Bucher. „Sie kön­nen einem auch mensch­lich leid tun.” Einer von ihnen sei in Vil­lin­gen­dorf bereits in der Schu­le gewe­sen, das sei jetzt eine zwei­te Hei­mat. „Das ist von der mensch­li­chen Sei­te her eine beson­de­re Num­mer. Aber sie sind eigent­lich abge­lehnt wor­den.” Sie müss­ten also wahr­schein­lich wie­der aus­rei­sen.