Die Tribüne im Bockshof ist leer, die Bühne abgebaut, Requisiten und Kostüme sind beiseitegelegt: Mit der letzten Vorstellung des Rottweiler Sommertheaters hat sich ein ganzer Spielzeit-Marathon buchstäblich in Luft aufgelöst. Zimmertheater-Intendant Peter Staatsmann nimmt dieses radikale Verschwinden zum Anlass für eine Meditation über das Wesen seiner Kunst – über Schauspieler, die sich wie Schmetterlinge aus ihrer Verpuppung schälen, über ein Publikum, das „bis über beide Ohren“ eintaucht, und über die Verlegenheit, die danach entsteht, wenn man das Erlebte in Worte fassen soll.
Sieben Schauspielerinnen und Schauspieler, zwei Musiker, ein Sommer unter freiem Himmel – und am Ende ein Abend, der sich, kaum dass er zu Ende gespielt war, im Nichts verlor: In seinem Essay für die NRWZ beschreibt Peter Staatsmann, Intendant am Zimmertheater Rottweil, warum gerade diese unbarmherzige Vergänglichkeit das Theater zur „Kunst der Lebendigkeit selbst“ macht, weshalb das Erlebte noch Wochen und Monate in den Zuschauern weiterschwingt – und warum jene, die Kunst wirklich als Kommunikation erfahren haben, gegen die fadenscheinigen Gewissheiten der Prediger jeder Couleur immunisiert sind
Dieser Essay erscheint in „Staatsmann – Theater und Denken“, der exklusiven NRWZ-Reihe mit dem Intendanten Peter Staatsmann als Gastautor.
Das heiße und das kalte Herz des Zuschauers
Die letzte Vorstellung ist über die Bühne gegangen. Welch ein Marathon von den Schauspielern Valentina, Heidi, Raphael, Mario, Martin, Olivier, Thomas, wie großartig waren sie alle, und wie grandios waren die Musiker, Dorin und Nico, die jeden Abend all die herrlichen und wundervoll lebendigen Spielzüge akkompagniert haben und wie schön war es diese Mannschaft auch bei den Vorstellungen zu betreuen. Bei der Premiere wurden die Spieler in ihre Selbständigkeit entlassen, „Jetzt ist der Abend bald ganz euch, ihr werdet ihn machen…“, dieses Mantra hatte der Regisseur immer wieder mal wiederholt, damit die Spielenden sich ablösen von ihrem erfindenden und vorspielenden Double und wie Schmetterlinge sich aus ihren Verpuppungen herausschälen, wie sie es auch dieses Jahr taten bis zur letzten Vorstellung unseres Theaters, die nun im Nichts sich verlor.
Diese Kunst ist so radikal vergänglich, so unbarmherzig verschwindend: Nichts Äußerliches bleibt bestehen, die Bühne abgebaut, die Requisiten und die Kostüme beiseitegelegt und die Schauspieler, der Regisseur und das Team in alle Winde zerstreut. Niemand, keine Kraft kann die Augenblicke zurückbringen, die noch vor wenigen Tagen uns so unendlich vital berührt, die uns so rückhaltlos gefesselt, gebannt und auch grenzenlos zauberisch unterhalten haben.
Doch diesem rigorosen Verschwinden steht ein sehr langes Nachklingen und Nachvibrieren gegenüber, das in allen empfindsamen Seelen fortlebt und weiterwebt, in ihren inneren Echo- und Resonanzräumen, und oft tut es das noch für Wochen und Monate. Denn das Theater ist die bunteste, verwickelste und vertrackteste Kunst überhaupt und – das wird heute so oft vergessen oder ist es verlernt? – es ist die Kunst der Lebendigkeit selbst und sie zeigt uns das Wesen der Kunst selbst, was auch bedeutet, dass wir mit ihrer Hilfe Kunst ‚verstehen‘ können, und wenn uns das gelingt, resultiert daraus: dass wir das Leben etwas besser ‚verstehen‘ können. Welch hohes Wort. Was soll das sein? Was soll das heißen? Es heißt, sich etwas sehr schwer zu Sehendem und etwas noch viel schwerer zu Begreifendem anzunähern, nämlich: Alles, was wir haben, ist der Moment, in dem wir lebendig sind, und in dem wir nichts definieren.
Der Regisseur wurde an manchem Abend der Beobachter der Zuschauer: kein einziger von ihnen, der nicht gebannt und konzentriert alles noch so Subtile verfolgt hätte, eingetaucht ‚bis über beide Ohren‘, versunken wahrhaftig im Strudel von Spiel und Story und Ausdruck und Gefühlen. Die Bühne kommuniziert mit den Zuschauern, diese tauchen ein in die Spielenden und in die Abläufe vor ihnen, und sie lassen sich hineinziehen bis in die Tiefe ihrer eigenen unbewussten Gefühls- und Gedankenströme. Oft ‚magisch‘ und ohne große sprachliche und begriffliche Hilfen – und das hat seinen Grund und der hat mit dem ominösen und wundervollen Wesen dieser Kunst zu tun.
Was viele nicht so richtig wissen, verstehen oder realisieren: Alles ist jetzt ein strömendes vielstimmiges Geschehen und nur in dem Moment, wo ich da mittendrin bin, nur da strömt der lebendige Flow von wirklichen Impulsen über und durch alle hindurch. Ich, der Regisseur, bin wahrhaft glücklich solange die Vorstellung läuft, weil ich sehe: Sie sind drin, die Zuschauer sind eingetaucht, sie leben und atmen und denken und fühlen mit dem Puls und Blutfluss dieser verrückten, sich rückhaltlos ausliefernden und im Kinderspiel versunkenden Menschen und somit mit aller Kreatur und allem, was in diesem Augenblick lebt. Wenn wir manchmal etwas neidisch und sentimental die ekstatisch tanzenden Griechen bewundern oder die sich verausgabenden Südamerikaner, so müssen wir doch sehen: in der Theaterversenkung tun wir es ebenso, mit absoluter Hingabe und Verausgabung.
Es war, ist gewesen, wird sein: lebendig und voller wunderbarer Spannungen, die wir gefälligst alle auch am eigenen Leib erfahren wollen. Wenn die Spielenden sich so hingegeben haben, dann müsste das Publikum nach der Aufführung regelrecht schreien, wie es einst ja auch Usus war. Weil das alles lebt und auch dazu auch noch was erzählt, sodass man versteht, was los ist in den Menschen und ihren Welten. Ich bin der Zuschauer, der sich ohne jede Barriere ins lebendige Getümmel wirft und ohne den Rückgriff aufs Begriffliche im Flow der Bühnenkunst treibt. Gebe mich hin und empfinde, lebe und erlebe ohne öde Rationalisierung entlang dem vorbereiteten und ausgeklügelten Pfad die tiefe menschliche Welt, die sich da vor mir entfaltet. Und weil eben alles lebendig ist, kann es nicht in Worten bewahrt, logisch nur unzureichend erinnert und mit den Begriffen, die wir jetzt, nach der Vorstellung bemühen, erfasst werden.
Und das ertragen wir nur schwer, dieses Offenlassen, Nichtwissen, Nicht-dingfest-machen, diese Ambivalenz pur, und deshalb wird es nach der Vorstellung schwierig: Wie äußert man sich nach dem Bad im Nichtsymbolischen, im Nichtbegrifflichen: „Herrgott nochmal, wenn ich das wüsste. Da halt ich besser mal den Rand, bevor ich mich eintönig und inkompetent äußere. Ich gebe mich lieber als ein stiller Kenner oder Connaisseur.“ Der ich ja in Wirklichkeit nicht so richtig bin.
So beginnt es, was manchmal nicht so gut endet. Wir setzen uns selber unter Druck und behandeln das, was gerade noch lebendig war wie ein zappelnder Fisch, als wäre es nun, nach dem Ende des Spiels etwas Abgeschlossenes, ein Ding, eine Sache, , ein Produkt, was doch in Wahrheit ein Prozess, ein Prozess des Erfahrens war, der zu einer wahren Erfahrung werden kann. Wenn wir ihn nicht reduzieren, klein machen würden, indem wir ihn behandeln, als sei er etwas, von dem wir wirklich wissen, was es ist. Und es gilt: Wer Kunst erfahren kann – als Kommunikation und nur als diese gibt es sie – der ist imprägniert gegen den Schmonzes von links und von rechts, von oben und von unten, von den Predigern aller Couleur mit ihren abgefeimten und fadenscheinigen Alternativen.