Der Aufzugstestturm Rottweil – ein PR-Desaster für Thyssenkrupp?

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„Voll peinliches Affentheater … wieder und wieder …“  So fasst Klaus Siegmeier auf der Facebookseite der NRWZ zusammen, was er in den vergangenen Wochen über den Rottweiler Aufzugstestturm gelesen hat. Dass am Samstag die Rottweiler Feuerwehr samt ihren Gästen aus Brugg auf der Aussichtsplattform des Testturms gefangen gewesen ist und evakuiert werden musste – das halten manche nicht gerade für gute Werbung für die Firma thyssenkrupp. Ist das allmählich ein PR-Desaster?

Klaus Siegmeier ist nicht irgendwer. 28 Jahre lang hat er in der Chefredaktion des „Schwarzwälder Boten“ gearbeitet, die letzten zwei Jahrzehnte davon als Chefredakteur. Sein Urteil hat Gewicht. Ein Meister des Zusammenfassens. Als die NRWZ getitelt hatte: „thyssenkrupp-Testturm: Feuerwehr mit dem Feuerwehraufzug evakuiert„, antwortete Siegmeier mit dem kurzen, knappen Affentheater-Kommentar.

Hintergrund: Der Panoramaaufzug, der die Besucher vom Boden zur Aussichtsplattform auf gut 230 Metern Höhe und heile wieder zurück bringen soll, streikt gefühlt ständig. Dann dauert es, wie am Samstag, manchmal lange, bis er wieder flott ist. Am Samstag war der einzige offizielle Aufzug von und zur Plattform für eine Stunde und 20 Minuten ausgefallen, am Stück.

„Wenn nachts oder an einem Wochenende Einsätze für unsere Servicetechniker anstehen, dann werden diese über unsere Rufbereitschaftszentrale informiert. Je nachdem, wo sich der Servicetechniker befindet, hat er eine Wegstrecke zum jeweiligen Einsatzort zurückzulegen. Das benötigt Zeit.“ So begründete im Februar eine thyssenkrupp-Sprecherin gegenüber der NRWZ, warum der Aufzug bereits damals für eine volle Stunde ausgefallen war. In dieser Zeit warten Menschen unten, vor dem Turm und in der Lobby, ein- und hinauf gelassen zu werden. Und es warten oben Menschen, wieder hinab fahren zu dürfen. Am vergangenen Samstag etwa weite Teile der Führungsriege der Rottweiler Feuerwehr. 

Zur Einordnung. Im Aufzugtestturm von thyssenkrupp in Rottweil werden Aufzüge getestet. Das sagt schon der Name. Aber beim Panoramaaufzug zur Plattform handelt es sich nicht um einen der Testaufzüge, um einen in der Erprobungsphase befindlichen Prototypen. Sondern um einen brandneuen thyssenkrupp-Personenaufzug, TÜV-geprüft und zugelassen. 

Dieser Aufzug sollte also klaglos arbeiten. Ohne Frage. Er sollte an den Wochenenden und Feiertagen, an denen thyssenkrupp die Aussichtsplattform öffnet, die Besucher zuverlässig rauf und runter transportieren. Er tut es nicht zu hundert Prozent. Allerdings transportiert er auch eine Masse an Menschen. „Seit Eröffnung der Besucherplattform im Oktober sind über 45.000 Gäste zuverlässig hoch und runter transportiert worden“, erklärte thyssenkrupp bereits im Februar.

thyssenkrupp Elevator, dem Aufzughersteller und Turmbetreiber, schmeckt es gar nicht, wenn der Aufzug streikt. Die Presse, jedenfalls die NRWZist mittlerweile nicht mehr willkommen auf dem Testturmgelände. Auch mit Presseausweis, den sich der Reporter, Gründungsmitglied des NRWZ-Verlags, eigens für den Turm hat ausstellen lassen. Überall sonst genügt sein Gesicht als Ausweis, dort kennt man ihn zwar auch, lässt ihn aber nicht mehr vor. Statt dessen beäugt ihn die Security kritisch durch die Glaswand des Foyers. 

Ein Vordringen des NRWZ-Mannes zum Turmmmanager einmal im vergangenen Februar und dann im März – damals noch ohne Presseausweis und nur mittels Mundwerk – endete mittlerweile in einer klaren Anweisung der Unternehmenssprecherin: Sie ist zuständig für die Presse, Punkt. Die Turm-Mitarbeiter, auch auf Management-Ebene, seien nicht vom Reporter zu bedrängen. Sie seien auch nicht befugt, Auskünfte gegenüber der Presse zu geben, heißt es telefonisch. Per E-Mail wird erklärt, man „würde sich freuen, wenn Sie mich bei Fragen rund um thyssenkrupp-Elevator direkt kontaktieren, damit Sie den aktuellen und richtigen Stand erhalten.“ Blöd nur, wenn es der richtige Stand war, der ohne Kontaktaufnahme kommuniziert worden ist.

Interessant: Die Sprecherin holt selbst zunächst Auskünfte vom Turmmanagement vor Ort ein, die sie dann an den Journalisten weiter gibt. Sie aber will als Instanz dazwischen geschaltet bleiben. 

thyssenkrupp ist viel daran gelegen, den Testturm als ein herausragendes Projekt zu feiern. Als ein Wahrzeichen des Unternehmergeistes und der Ingenieurskunst. Da kommen Aufzugsausfälle ungelegen. Die Unternehenssprecherin schreibt von „Vergnügen“ und Freude, wenn sie die Presse in das „bundesweit einmalige“ Objekt einladen kann. Das war damals, vor dem Medientag zur Eröffnung. Jetzt ist der Lack ein wenig ab. Beziehungsweise: Jetzt gibt es Brandspuren vom Feuerwerk, streikt der Aufzug, hängen Besucher wie aktive Feuerwehrleute auf der höchsten Ebene fest.

Apropos Brandspuren: Dass diese die Stadtverwaltung am vergangenen Mittwoch ausgeplaudert hatte, war thyssenkrupp ebenfalls gar nicht recht. Seit dem Eröffnungsfeuerwerk hält sich das Gerücht. Als die NRWZ Anfang des Jahres bei der Unternehmenssprecherin wegen angeblicher Löcher in der Membran nachfragt, sagt sie klipp und klar, dass es beim Feuerwerk keine gegeben hatte. Dass der Kran weiterhin oben ist und nicht wie geplant, im Februar abgebaut wurde, begründete sie damals damit, dass man alles nochmal kontrollieren wolle und kleine Ausbesserungen vornehme. Vergangenen Donnerstag erklärte die Sprecherin: „Wir haben – und das haben wir mehrfach kommuniziert – zahlreiche Kontaktspuren durch die Feuerwerkskörper am Turm gezählt.“ Nun, die „mehrfache Kommunikation“ kann die NRWZ nicht bestätigen. Die Kollegen vom „Schwarzwälder Boten“ auch nicht.

„Tourismusetage unserer Forschungseinrichtung.“ So nennt thyssenkrupp die Aussichtsplattform. Klar – der Testturm dient zunächst dem Test des neuen seillosen thyssenkrupp -Aufzugssystems „Multi“. Eine Forschungseinrichtung und ein Tourismusmagnet – das sind für gewöhnlich zwei Paar Stiefel. Doch die Rottweiler haben die Aussichtsplattform dem Unternehmen abgetrotzt. Und nun hat thyssenkrupp den Salat, so scheint’s. „Chaos“ und „Durcheinander“ herrsche mitunter am Testturm, weiß die NRWZ von Augenzeugen. Ein bleibendes Erlebnis hat auch, wer den Turm über die Treppe verlassen muss, weil der Aufzug nicht will.

Architekt Helmut Jahn nannte den Testturm bei einer ersten Ankündigung vor der Weltreise „fast ein Weltwunder“ . Nunja – es ist eines in dem ständig der Aufzug spinnt.

„Ich zweifle an der Zuverlässigkeit von Thyssen-Aufzügen!“

…, auch diese Aussage eines Facebookfreunds der NRWZ muss sich der Aufzughersteller gefallen lassen  

Und was macht thyssenkrupp? Schweigt. Die Fragen der NRWZ liegen dem Unternehmen seit Montagmorgen vor. Man wolle sich besprechen und dann zurück melden, hieß es. Seither herrscht Funkstille.

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