Seit dem SpΓ€therbst 2025 fΓ€llt im Landkreis Rottweil deutlich zu wenig Regen, seit Ende Juni ist die Wasserentnahme aus BΓ€chen und FlΓΌssen verboten. FΓΌr den Umwelt- und KlimapΓ€dagogen Michael Sturm aus Eschbronn ist das ein Weckruf, den die Region ernst nehmen muss. In einem Leserbrief an die NRWZ fragt er: Wie viele Warnzeichen braucht der Kreis eigentlich noch?
Der Sommer 2026 hat dem Landkreis Rottweil eine Bilanz beschert, die in den BehΓΆrdenmitteilungen der vergangenen Wochen ablesbar ist. Bereits am 18. Juni appellierte das Landratsamt an die BevΓΆlkerung, mΓΆglichst kein Wasser mehr aus OberflΓ€chengewΓ€ssern zu entnehmen. Als Grund nannte die BehΓΆrde eine seit November 2025 anhaltende Trockenheit mit NiederschlΓ€gen deutlich unter dem langjΓ€hrigen Mittel sowie ungewΓΆhnlich hohe Wassertemperaturen.
Eine Woche spΓ€ter folgte der nΓ€chste Schritt: Seit Donnerstag, 25. Juni, ist die Entnahme von Wasser aus allen oberirdischen GewΓ€ssern im Landkreis untersagt β fΓΌr Privatleute ebenso wie fΓΌr Land-, Forst- und Gartenbaubetriebe, mit Eimer wie mit Pumpe. Ausgenommen sind bestehende Wasserrechte, die BrandbekΓ€mpfung und das TrΓ€nken von Vieh dort, wo kein Anschluss an die ΓΆffentliche Wasserversorgung besteht. Wer dagegen verstΓΆΓt, muss mit einem BuΓgeldverfahren rechnen. Aufgehoben wird die Anordnung erst, wenn sich die WasserstΓ€nde dauerhaft erholen.
Der Kreis steht damit nicht allein da. Die Landesanstalt fΓΌr Umwelt Baden-WΓΌrttemberg (LUBW) meldete Anfang Juli, dass an 34 Prozent der Messstellen im Land βextrem niedrige” und an weiteren 43 Prozent βsehr niedrige” WasserstΓ€nde registriert wurden. Der Neckar fΓΌhrt anhaltend wenig Wasser, die Bodenfeuchte lag im Mittel bei nur 27 Prozent der nutzbaren FeldkapazitΓ€t. Der DΓΌrremonitor ordnet die Lage als ein Ereignis ein, wie es statistisch nur etwa alle 50 Jahre auftritt.
Genau an diesem Punkt setzt der Leserbrief an, den Michael Sturm der NRWZ geschickt hat. Der 36-JΓ€hrige lebt in Eschbronn, ist in Oberndorf und Sulz am Neckar aufgewachsen und arbeitet als Umwelt- und KlimapΓ€dagoge. Wir verΓΆffentlichen seinen Brief im Wortlaut.
Leserbrief: Wie viele Warnzeichen braucht der Landkreis Rottweil noch?
Wer derzeit durch den Landkreis Rottweil fΓ€hrt, muss eigentlich nur die Augen ΓΆffnen: Niedrige WasserstΓ€nde, ausgetrocknete BΓΆden, gestresste WΓ€lder und EinschrΓ€nkungen bei der Wasserentnahme sind lΓ€ngst RealitΓ€t. Der Landkreis hat die Entnahme von Wasser aus BΓ€chen und FlΓΌssen inzwischen verboten, vielerorts wird zum sparsamen Umgang mit Wasser aufgerufen. Gleichzeitig kΓ€mpfen Wasserversorger mit sinkenden QuellschΓΌttungen.
Das ist keine ferne Zukunft. Das passiert hier. Bei uns im Landkreis Rottweil.
Auch unsere Landwirte bekommen die Folgen der anhaltenden Trockenheit unmittelbar zu spΓΌren. Hitze und Wassermangel setzen den Kulturen zu und gefΓ€hrden ErtrΓ€ge. Unsere WΓ€lder leiden seit Jahren unter Trockenstress, BorkenkΓ€fer und den Folgen immer hΓ€ufiger auftretender Hitzeperioden. Und trotzdem wird noch immer so getan, als wΓ€re der Klimawandel eine theoretische Diskussion oder eine politische Erfindung.
Wie viele Warnzeichen brauchen wir eigentlich noch?
NatΓΌrlich hat es schon immer heiΓe und trockene Sommer gegeben. Aber genau deshalb mΓΌssen wir uns die langfristige Entwicklung ansehen. Der menschengemachte Klimawandel verschΓ€rft die Ausgangslage. HΓΆhere Temperaturen erhΓΆhen die Verdunstung, BΓΆden trocknen schneller aus, und extreme Wetterlagen kΓΆnnen hΓ€ufiger und intensiver auftreten.
Naturgesetze interessieren sich nicht dafΓΌr, ob uns diese Entwicklung politisch gefΓ€llt. Ein leerer Bach wird nicht wieder voll, weil wir den Klimawandel leugnen. Eine versiegende Quelle lΓ€sst sich nicht mit populistischen Parolen auffΓΌllen. Wir mΓΌssen deshalb aufhΓΆren, uns vor notwendigen VerΓ€nderungen zu drΓΌcken. Ja, Klimaschutz bedeutet VerΓ€nderung. Er bedeutet unter anderem den Ausbau erneuerbarer Energien, klimafreundlichere MobilitΓ€t, einen bewussteren Umgang mit Ressourcen und auch die Bereitschaft, unseren eigenen Konsum zu hinterfragen.
Aber was ist die Alternative? Weiter warten, bis Wasserknappheit, ErnteausfΓ€lle, WaldschΓ€den und Extremwetter zum neuen Normalzustand geworden sind?
Ich bin Vater. Und genau deshalb lΓ€sst mich diese Entwicklung nicht kalt. Ich mΓΆchte meinen Kindern spΓ€ter nicht erklΓ€ren mΓΌssen, dass wir die Warnzeichen im Landkreis Rottweil gesehen haben. Dass wir wussten, was passiert. Dass Wasser knapp wurde, WΓ€lder litten und Landwirte um ihre Ernten kΓ€mpften β und wir trotzdem nicht konsequent gehandelt haben, weil uns VerΓ€nderungen zu unbequem waren. Unsere Kinder haben diese Situation nicht verursacht. Aber sie werden mit den Folgen unserer Entscheidungen leben mΓΌssen. Klimaschutz ist deshalb keine Frage von GrΓΌn, Schwarz oder Rot. Er ist eine Frage der Verantwortung.
Der Landkreis Rottweil zeigt uns gerade, dass der Klimawandel nicht irgendwo weit entfernt stattfindet. Er steht vor unserer HaustΓΌr. Heute, jetzt und hier.
Wie viele Warnzeichen brauchen wir noch, bevor wir endlich handeln?
Michael Sturm, Eschbronn
Zur Person
Michael Sturm ist 36 Jahre alt, lebt in Eschbronn und hat zwei SΓΆhne. Aufgewachsen ist er in Oberndorf und Sulz am Neckar. Mit 16 begann er eine Ausbildung zum Zimmermann, heute arbeitet er im Bauhof der Gemeinde Dunningen, dort in der GrΓΌnabteilung.
2022 machte er sich nebenberuflich als Klima- und UmweltpΓ€dagoge selbststΓ€ndig. Sein Schwerpunkt ist die Bildung fΓΌr nachhaltige Entwicklung: Kinder sollen frΓΌh ein Bewusstsein fΓΌr Umwelt und fΓΌr die sozialen Fragen der Gegenwart entwickeln, spielerisch und ΓΌber eigene Projekte. Als Orientierung nennt Sturm die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen.
Im Oktober 2024 hat Sturm zusΓ€tzlich die PrΓΌfung zum zertifizierten Natur- und LandschaftsfΓΌhrer βSchwarzwald-Guide” bestanden. Das Zertifikat nach den Standards des Bundesweiten Arbeitskreises der staatlich getragenen BildungsstΓ€tten im Natur- und Umweltschutz (BANU) wurde von der Akademie fΓΌr Natur- und Umweltschutz Baden-WΓΌrttemberg, dem Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord und der Kreisvolkshochschule Landkreis Freudenstadt ausgestellt und ist bis Ende 2031 gΓΌltig.
Leserbriefe geben die Meinung der Verfasserinnen und Verfasser wieder, nicht die der Redaktion. Wir behalten uns vor, Zuschriften zu kΓΌrzen.

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