Ein jahrhundertealtes Stück Rottweiler Stadtgeschichte sucht einen neuen Eigentümer: Der „Goldene Becher“ in der Hochbrücktorstraße wird seit vergangener Woche für 449.000 Euro angeboten. Das denkmalgeschützte Gebäude war Gasthaus, Bank und zeitweise Betsaal der jüdischen Gemeinde. Nun könnte ihm – kurz vor der Landesgartenschau 2028 – ein neues Kapitel bevorstehen. Aktuell befindet der „Becher“ in Familienbesitz.

ROTTWEIL. Der reich verzierte Erker, die Fensterläden, der schmiedeeiserne Ausleger mit dem goldenen Becher: Das Gebäude an der Ecke Hochbrücktorstraße/Kameralamtsgasse gehört zu den auffälligen Häusern der historischen Innenstadt. Seit Jahren ist die frühere Gaststätte geschlossen. Jetzt steht das komplette Gebäude zum Verkauf.
Bernhard Merz Immobilien bietet den „Goldenen Becher“ für 449.000 Euro an. Im Exposé sind 533 Quadratmeter Wohnfläche, 15 Zimmer und ein Grundstück von 319 Quadratmetern angegeben. Das denkmalgeschützte Haus soll ab Anfang Oktober vollständig frei von Miet- und Pachtverhältnissen sein. Der Zustand wird als renovierungs- beziehungsweise sanierungsbedürftig beschrieben.
Seit vergangener Woche ist das Haus im aktiven Vertrieb, wie der zuständige Makler Simon Wagner auf Anfrage der NRWZ erklärt. Es handele sich um einen privaten Verkauf. Konkrete Kaufinteressenten gebe es bislang nicht, das Objekt sei „frisch am Markt“. Auch der Kaufpreis ist demnach noch nicht angepasst worden: Die Vermarktung habe vergangene Woche mit genau diesem Preis begonnen.
Gaststätte unten, Wohnungen darüber
Die Flächen verteilen sich nach Angaben des Maklers auf mehrere Ebenen. Für das Erdgeschoss werden etwa 163 Quadratmeter genannt, für das erste Obergeschoss etwa 212, für das zweite 162 und für das dritte Obergeschoss weitere 159 Quadratmeter.
Im Erdgeschoss befinden sich noch die Räume der ehemaligen Gaststätte. Sie stehen leer. Im ersten Obergeschoss liegt eine renovierungsbedürftige, ebenfalls leerstehende Wohnung mit einer rückwärtigen Terrasse. Die Wohnung im zweiten Obergeschoss ist renoviert und wird zum 1. Oktober frei. Im dritten Obergeschoss folgt eine weitere Wohnung, leerstehend und renovierungsbedürftig. Zum Objekt gehört zudem eine Garage.
Auffällig ist allerdings: Die vom Makler für die vier Geschosse genannten Flächen summieren sich auf rund 696 Quadratmeter, während im Angebot 533 Quadratmeter als Wohnfläche ausgewiesen werden. Wagner erklärt die Differenz auf NRWZ-Anfrage damit, dass die 533 Quadratmeter reine Wohnfläche seien. Der Rest entfalle auf Gewerbe- und Nebenflächen.
Älter als sich heute genau feststellen lässt
Als Baujahr nennt das Immobilienangebot das Jahr 1600. Diese Zahl stütze sich auf erste urkundliche Erwähnungen, sagt der Makler; Teile des Gebäudes könnten auch älter sein. Historisch lässt sich das Haus tatsächlich nicht exakt datieren. Nach Angaben des Landesamts für Denkmalpflege brachte eine dendrochronologische Untersuchung keine eindeutige Datierung. Sicher ist: Bereits im 16. Jahrhundert wird das Gebäude als Wohnhaus einer damaligen Rottweiler Bürgermeisterfamilie erwähnt. Für 1713 ist erstmals die Nutzung als Gasthaus „Zum goldenen Becher“ dokumentiert.
Damit blickt das Gebäude auf mindestens vier Jahrhunderte Rottweiler Geschichte zurück.
Ein Bankier übernimmt den Becher
Eine entscheidende Veränderung brachte das Jahr 1811. Damals übernahm der aus Hechingen stammende Abraham Bernheim zunächst einen Teil, später das gesamte Gebäude. Neben dem Gasthaus betrieb er darin ein Bankhaus. 1907 wurde schließlich das komplette Haus zur Bank umgebaut. Diese Nutzung bestand bis 1928. Danach kehrte die Gastronomie zurück. Bis in die jüngere Vergangenheit blieb der „Becher“ ein Rottweiler Wirtshaus. Die NRWZ berichtete bereits 2022, dass das Lokal geschlossen sei und zunächst nicht wieder öffnen werde.
Auch ein Ort jüdischer Geschichte
Der „Goldene Becher“ besitzt noch eine weitere, für die Stadtgeschichte bedeutende Vergangenheit. Von 1822 an befand sich hier ein Betsaal der jüdischen Gemeinde. Abraham Bernheim stellte dafür einen Raum in seinem Gebäude zur Verfügung. 1849 wechselte die Gemeinde mit ihrem Betsaal in das damalige Gasthaus „Krone“ auf der anderen Seite der Hochbrücktorstraße. Später entstand ein Betsaal in der Kameralamtsgasse.
Das heutige Haus war damit nicht nur Wirtshaus und Bank, sondern für mehrere Jahrzehnte auch ein Zentrum jüdischen Lebens in Rottweil.
German Burry hinterließ seine Spuren
Auch die Fassade erzählt Stadtgeschichte. Besonders prägend sind der über zwei Geschosse reichende geschnitzte Holzerker und der traditionelle Wirtshausausleger.
Das Landesamt für Denkmalpflege schreibt beide Elemente German Burry zu. Der Rottweiler Bildhauer und Künstler lebte von 1853 bis 1933 und ist in der Stadt vor allem auch durch seine Arbeiten im Umfeld der Fasnet bekannt. Hinter dem verputzten Äußeren verbirgt sich zudem Fachwerk. Das Gebäude besitzt vier Vollgeschosse und darüber mehrere Dachgeschosse.
Landesgartenschau verändert das Umfeld
Dass der „Goldene Becher“ gerade jetzt auf den Markt kommt, ist auch städtebaulich interessant. Nur wenige Meter entfernt entstehen im Zusammenhang mit der Landesgartenschau 2028 neue Verbindungen zwischen historischer Innenstadt, Stadtgraben, Neckartal und Bahnhof.
An der Hochbrücke wird derzeit ein Aufzug gebaut, der rund 18 Höhenmeter überwindet. Ergänzt wird er durch eine Treppe zur Grafengasse. Damit verändert sich unmittelbar in der Nachbarschaft des „Goldenen Bechers“ eine wichtige Wegebeziehung zwischen Innenstadt und künftigem Landesgartenschaugelände. Der Immobilienanbieter verweist ebenfalls ausdrücklich auf die Landesgartenschau und darauf, dass die Hochbrücktorstraße in die Besucherführung eingebunden werden soll.
Makler Wagner sieht das Gasthaus „zentral in der Innenstadt“ gelegen – nahe dem neuen Aufzug und damit an der Achse zwischen Stadtgraben und Hängebrücke.
Eigentümer wünschen sich alten Glanz
Warum der Verkauf ausgerechnet jetzt erfolgt, begründet der Makler mit dem Blick auf 2028: Die Eigentümer würden sich wünschen, dass das Haus zur Landesgartenschau „wieder im alten Glanz erstrahlt“ – und dass vielleicht auch die Gaststube wieder betrieben wird.
Für realistisch hält Wagner eine Mischnutzung im bisherigen Zuschnitt: im Erdgeschoss weiterhin Gastronomie, gerade mit Blick auf die zentrale Lage während der Landesgartenschau, in den Obergeschossen Wohnen.
Sanieren mit Denkmalschutz
Ein Schnäppchen zum schnellen Umbau dürfte der „Goldene Becher“ trotz des Kaufpreises kaum sein. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und wird ausdrücklich als sanierungsbedürftig angeboten. Eine Sanierung der Fassade ist nach Einschätzung des Maklers „nahezu unausweichlich“. Alles Weitere müsse je nach künftiger Nutzungsart entschieden werden.
Allerdings befindet sich das Haus zugleich im Sanierungsgebiet „Stadtmitte“. Für abgestimmte Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen können deshalb Fördermöglichkeiten und steuerliche Vorteile in Betracht kommen. Ob und in welchem Umfang diese greifen, muss jeweils mit den zuständigen Stellen abgestimmt werden.
Fest steht zunächst nur der Preis: 449.000 Euro für ein Haus, das weit mehr ist als eine Immobilie. Mit einem neuen Eigentümer würde für den „Goldenen Becher“ nach Jahrhunderten als Wohnhaus, Wirtshaus, Bank und religiösem Versammlungsort ein weiteres Kapitel Rottweiler Stadtgeschichte beginnen.
📰 Mehr aus Rottweil
NEU
Aufstieg um jeden Schweißpreis
vor 33 Minuten
