Vor rund 30 Jahren besuchte die Amerikanerin Elisabeth Torres als Austauschschülerin das Albertus-Magnus-Gymnasium in Rottweil. Bei einem Wiedersehen mit ihrer ehemaligen Gastfamilie machte sie eine Erfahrung, die sie bis heute nicht loslässt. Ihre Gedanken dazu veröffentlichte sie auf Instagram.
ROTTWEIL. Vor rund 30 Jahren verbrachte Elisabeth Torres ein halbes Jahr als Austauschschülerin in Rottweil. Gemeinsam mit ihrer Gastschwester Susanne Schuler besuchte sie damals das Albertus-Magnus-Gymnasium und lebte in der Familie Schuler.
Im Juni trafen sich beide Familien wieder. Torres reiste gemeinsam mit ihrer inzwischen ebenfalls 16-jährigen Tochter nach Deutschland, um ihre ehemalige Gastfamilie zu besuchen. Inklusive ausgedehntem Rottweil-Aufenthalt mit Besuchen der Hängebrücke, des AMGs, der Innenstadt. Während des Aufenthalts begleitete sie ein Kind der Familie auf dem Weg in die erste Klasse der Grundschule.
Was für die meisten Menschen in Deutschland alltäglich ist, wurde für die Amerikanerin zu einem bewegenden Moment.
Ein ganz normaler Schulmorgen
In einem Instagram-Beitrag schildert Torres zunächst einen scheinbar gewöhnlichen Morgen. Das Mädchen läuft neugierig voraus, entdeckt eine Schnecke auf dem Gehweg, betrachtet Blumen und freut sich auf den Schultag. Unterwegs begegnen ihnen weitere Kinder, die allein oder mit Freunden zur Schule laufen und selbstverständlich Straßen überqueren.
An der Schule angekommen, fällt Torres etwas auf, das sie aus ihrer Heimat kaum noch kennt.
Es gibt keine Zugangskontrollen, keine Ausweiskontrolle für Besucher, keine Sicherheitskräfte und keine Metalldetektoren. Sie kann das Kind bis an die Tür des Klassenzimmers begleiten, wo die Lehrerin jedes einzelne Kind freundlich begrüßt.
Gerade diese Selbstverständlichkeit bewegt sie.
Ein anderer Blick auf den Schulalltag
Als Mutter aus den USA habe sie sich gefragt, wie es sich anfühlen müsse, sein Kind morgens ohne Angst zu verabschieden – im Vertrauen darauf, dass Schule einfach ein Ort zum Lernen, Spielen und Wachsen sei.
In den Vereinigten Staaten sei dieses Gefühl für viele Eltern verloren gegangen. Schulschießereien und Waffengewalt gehörten dort zu einer Realität, die Eltern jeden Schultag begleite.
Der Spaziergang zur Schule habe sie daran erinnert, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass Kinder sicher lernen können und Eltern sich morgens ohne Furcht von ihnen verabschieden.
Gedanken, die viele berühren
Die Familie Schuler war von den Worten ihrer ehemaligen Austauschschülerin so bewegt, dass sie den Beitrag der NRWZ zur Veröffentlichung anbot. Elisabeth Torres hat der Veröffentlichung zugestimmt.
Ihr Text ist kein politischer Kommentar. Vielmehr beschreibt er den Blick einer Besucherin auf etwas, das hierzulande für viele selbstverständlich erscheint – einen friedlichen Schulweg.
Gastbeitrag von Elisabeth Torres
Der folgende Text erschien ursprünglich auf Instagram. Für die Veröffentlichung auf NRWZ.de wurde er mit Zustimmung der Autorin aus dem Englischen übersetzt. Eine sachliche Korrektur betrifft den Schulbesuch: Das begleitete Kind ging nicht in den Kindergarten, sondern in die erste Klasse einer Grundschule.
Ich wurde gefragt, was der schönste Moment unserer Europareise gewesen sei. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Abgesehen von der Erkenntnis, dass Tomaten in Spanien tatsächlich besser schmecken, war mein schönster Moment wohl der, als ich dieses kleine Mädchen in Deutschland in die Schule begleiten durfte.
Nachdem wir ihr beim Fertigmachen geholfen hatten, ging sie voller Stolz voraus. Mit ihrer neugierigen Art entdeckte sie alles um sich herum – die Schnecke auf dem Gehweg, die bunten Blumen, Wahlplakate, Aushänge der Schule und die lange Treppe hinauf zu ihrem Klassenzimmer. Unterwegs begegneten wir vielen Kindern, die selbstständig zur Schule liefen und sicher sowie selbstverständlich Straßen überquerten.
Als wir ankamen, gab es keinen verschlossenen Eingang, keine Sekretärin, die meinen Ausweis kontrollierte, keinen Polizisten als Wachposten und keine Lehrkräfte, die die Kinder durch Sicherheitskontrollen lotsen mussten. Ich konnte sie einfach bis zur Tür ihres Klassenzimmers begleiten, wo ihre Lehrerin jedes Kind herzlich begrüßte.
Ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, wie es sich wohl anfühlen muss, ihre Mutter zu sein. Sie verabschiedete ihre Tochter mit einem guten Gefühl – im Vertrauen darauf, dass die Schule einfach ein Ort zum Lernen, Spielen und Aufwachsen ist.
Als amerikanische Mutter hat mich dieser Moment tief berührt.
Denn in den USA begleitet viele Eltern jeden Schultag eine stille Sorge – eine Sorge, die viel zu alltäglich geworden ist. Waffengewalt ist dort die häufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen. Schulschießereien haben etwas verändert, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: das eigene Kind morgens zur Schule zu bringen.
Dieser friedliche Spaziergang zur Schule hat mich daran erinnert, was jedes Kind verdient – und was sich alle Eltern wünschen: sich ohne Angst voneinander verabschieden zu können.
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