An dieser Stelle standen schon ein Text über die Pürschgerichtslinde und ein weiterer über den Hofgerichtsstuhl. Womöglich machen wir dieses Ensemble in dieser Woche komplett – mit einem Beitrag über zwei Kapellen. Eine, die Armsünderkapelle heißt und diesem Namen nicht ganz gerecht wird, und eine, die eigentlich so heißen sollte …
Ich stehe gegenüber. Das ist mein Platz – seit Jahrhunderten. Nicht auf dem Thron, nicht unter dem Adler. Gegenüber. Der Stuhl behauptet Macht. Ich erinnere daran, was Macht kostet. Man hat mich nicht für das Recht gebaut. Man hat mich für das Leid gebaut.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg – nach drei Jahrzehnten, in denen Europa sich selbst zerfleischte – errichteten sie mich zu Ehren des leidenden Heilands. An dieser Stelle hatte 1633 ein von Schweizer Kapuzinern gegründetes Kloster gestanden, im Garten des Stadtpfarrers Khuon. Württembergische Truppen zerstörten es. Was blieb, war eine Leerstelle. Und Leerstellen füllt man, wenn der Krieg vorbei ist, mit dem, was man noch hat: Glaube, Stein, Erinnerung.
Ich bin aus dieser Leerstelle gewachsen.
Drüben steht der Stuhl. Steinern, thronförmig, der Reichsadler auf der Rückenlehne. Er erinnert an das Kaiserliche Hofgericht – eines der bedeutendsten Gerichte des Heiligen Römischen Reichs, zuständig von den Vogesen bis in den Alpenraum, im Namen des Kaisers. Macht, die sich in Stein verewigt hat.
Ich bin das Gegenteil davon.
Kein Adler über mir. Kein Trommelwirbel, kein Glockenklang. Mein Patrozinium ist der Schmerzensmann – Heilig Kreuz, der leidende Heiland. Nicht Triumph, sondern Passion. Nicht Urteil, sondern Mitgefühl. Wer zu mir kam, kam nicht, um Recht zu sprechen. Er kam, um innezuhalten auf dem Weg nach Ruhe Christi, wo sich im 17. Jahrhundert eine bedeutende Wallfahrt entwickelt hatte. Station auf einem Weg, nicht Ziel.
Der Stuhl und ich – wir sehen uns an, seit Jahrhunderten. Zwei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Was bleibt, wenn das Recht gesprochen ist?
Manchmal werde ich gefragt, ob die zum Tode Verurteilten bei mir ihr letztes Gebet sprachen. Die Antwort ist nein – oder zumindest: nicht nachweislich. Diese Funktion hatte die Scherers Kapelle, ein paar Gehminuten entfernt, an der Kreuzung Hausener Straße und Heerstraße, nahe der Linde. Bereits 1448 urkundlich erwähnt als „der Bader Caeppelin“, lag sie am Weg zur Rottweiler Richtstätte – etwa 200 Schritte östlich des Galgens. Das Patrozinium ist Auferstehung Christi. Dort, an der Kreuzung der alten römischen Heerstraße, hat manch armer Sünder sein letztes Vaterunser gebetet, bevor er den letzten Gang antrat.

Ich trage den Namen „Armsünderkapelle“ – aber er ist volkstümlich, nicht amtlich. Scherers Kapelle hätte ihn verdient – sie wurde möglicherweise um 1400 vom Bader- und Scherer-Handwerk errichtet, dessen Bruderschaft in Rottweil eine eigene Tradition hatte. Bei mir ist es umgekehrt: Ich heiße so, obwohl ich eine Stationskapelle war. Abgeleitet vielleicht vom Schmerzensmann, vielleicht von der Nähe zum Stuhl, möglicherweise einfach davon, dass die Menschen spürten: Hier, gegenüber dem Recht, gehört das Leid hin.
Manchmal sind volkstümliche Namen die ehrlichsten.
Scherers Kapelle trägt den Namen „Auferstehung Christi“ – ich den des Schmerzensmanns. Zusammen bilden wir ein Paar: das Leid und die Hoffnung danach.
1949 gestaltete August Steinhauser den Platz neu. Er stellte den Stuhl auf, rekonstruierte Bänke und Schranken des alten Gerichtsorts. Menschen, die gerade erlebt hatten, was Urteile anrichten können, gaben dem Ort eine neue Form. Und ließen mich stehen.
Ich denke oft daran. An die Männer und Frauen, die nach 1945 auf diese Straße schauten und entschieden: Der Stuhl bleibt. Die Kapelle bleibt. Urteil und Erinnerung, Macht und Demut – beides soll sichtbar sein.
Das war keine kleine Entscheidung.
Die Linde an der Heerstraße erinnert durch Wachstum. Der Stuhl erinnert durch Behauptung. Die Scherers Kapelle erinnert durch ein letztes Gebet. Und ich erinnere daran, was übrig bleibt, wenn Krieg und Recht und Zeit über einen Ort hinweggegangen sind: die stille Geste des Wiederaufbaus. Der Versuch, aus Zerstörung etwas Bleibendes zu machen.
Rottweil hat viele solcher Orte. Man muss nur stehenbleiben.





