Aichhalden. „Ein Feldweg steht über dem Menschenrecht. Behörden haben immer recht.“ So steht es auf einem handbemalten Banner, das Josef Flaig an den Bauzaun in Hinteraichhalden gehängt hat. Dahinter entsteht das neue Umspannwerk der Netze BW, kurz vor dem Ortseingang, zwischen Waldmössingen und Schramberg. Der symbolische Spatenstich fand am 30. September im Rathaus statt. Flaigs Hof liegt gegenüber – getrennt nur durch einen öffentlichen Feldweg.
Genau dieser Weg ist der Kern seines Ärgers. Weil er zwischen seinem Grundstück und der Baufläche verläuft, galt Flaig im Genehmigungsverfahren nicht als Nachbar. Einwendungen erheben konnte er deshalb nicht. Von der Baugenehmigung habe er erst über seinen Anwalt erfahren, das erste offizielle Schreiben der Netze BW habe er im Juli 2025 erhalten – darin sei es um eine Grunddienstbarkeit für Wasser- und Abwasserleitungen gegangen. Das tatsächliche Ausmaß sei erst mit dem Abstecken der Baustelle sichtbar geworden.
143 Meter bis zum Wohnhaus
Wie nah die Anlage tatsächlich ist, bestätigt die Netze BW auf NRWZ-Anfrage: Rund 143 Meter liegen zwischen der Außenkante des Wohnhauses und der Grundstücksgrenze des Umspannwerks. Der erste Transformator stehe noch einige Meter weiter entfernt. „Wir haben bei der Planung darauf geachtet, so weit wie möglich von diesem Hof entfernt zu bauen“, teilt Pressesprecher Mark Böttger mit.
Flaig sorgt sich um seine Existenz, um den Wert des Hofs und dessen Zukunft, um mögliche gesundheitliche Folgen und um die Sicherheit einer solchen Anlage. Bei Gemeinde und Netzbetreiber, so seine Kritik, fänden diese Sorgen kein Gehör. Also dichtete er:
Ich versuch es mal mit Poesie.
So etwas gab es noch nie.
Flachen versiegelt, Landwirtschaft zerstört:
Die Sorgen der Menschen bleiben ungehört.
Ein FeLdweg steht über dem Menschenrecht.
Behörden haben immer recht. Anwohner sind in höchster Not,
fürchten um ihr tägLich Brot.
Doch was solL schon sein, es ist egal.
Der Feldweg ist die erste Wahl. Jeder, der dahinter wohnt,
bLeibt von seinem Menschenrecht verschont !
Was Netze BW zu Feldern, Lärm und Sicherheit sagt
Zu elektrischen und magnetischen Feldern verweist die Netze BW auf die 26. Bundes-Immissionsschutzverordnung. Der öffentlich zugängliche Bereich ende am Zaun der Anlage – und bereits dort würden die „besonders niedrigen deutschen Grenzwerte unterschritten“. Ob es dazu ein Gutachten gibt, beantwortet das Unternehmen nicht.
Beim Lärm, der vor allem von den Transformatoren ausgeht, halte man „selbst die strengste Gebietseinstufung“ nach der TA Lärm „bereits weit vor der nächsten Bebauung“ ein. Zum Schutz vor Sabotage setze man auf ein umfassendes Sicherheits- und Risikomanagement; Details nennt die Netze BW aus Sicherheitsgründen nicht.
Auch bei der Information der Anwohner widersprechen sich die Darstellungen. Laut Netze BW wurden „alle Betroffenen frühzeitig“ informiert, seit 2021 sei man mit den Anliegern im Austausch. Flaig sagt, er habe bereits 2021 bei Gemeinde und Netzbetreiber nachgefragt, nachdem Gerüchte über ein Umspannwerk die Runde machten. Die Antworten seien freundlich, aber verharmlosend gewesen.
Rechtlich keine Beteiligung nötig
Bürgermeister Michael Lehrer verweist auf die Rechtslage. Die Baugenehmigung habe das Landratsamt Rottweil als zuständige Baurechtsbehörde erteilt, nicht die Gemeinde. Eine allgemeine Öffentlichkeitsbeteiligung sei in diesem regulären Baugenehmigungsverfahren nicht vorgesehen gewesen. Eine Anhörung als Nachbar nach Paragraf 55 der Landesbauordnung setze eine nachbarrechtliche Betroffenheit voraus. Da Flaig „kein unmittelbarer Angrenzer“ sei und nach den vorliegenden Erkenntnissen auch keine sonstige rechtlich relevante Betroffenheit bestehe, habe keine Pflicht bestanden, ihn anzuhören. Ob die Gemeinde selbst Kontakt zu Flaig hatte, ließ Lehrer offen.
Wofür der Strom gebraucht wird
Flaig zweifelt auch am Bedarf. Das Gewerbegebiet Koppengässle werde nicht so angenommen wie angekündigt. Laut Lehrer sind dort derzeit rund 50 Prozent der Flächen verkauft, für weitere rund 20 Prozent gebe es Reservierungen. Käufer müssten innerhalb von drei Jahren bauen. Es gebe zudem konkrete Ansiedlungsinteressen, die bislang an der unzureichenden Stromversorgung scheiterten. Das Umspannwerk schaffe keine neuen Gewerbeflächen, sondern die Voraussetzung, vorhandene zu nutzen – auch in Rötenberg und Schramberg.
Die drei Transformatoren mit je 40 Megavoltampere könnten laut Netze BW rechnerisch eine Kleinstadt mit 30.000 bis 40.000 Einwohnern versorgen. In Betrieb gehen soll die Anlage im Laufe des Jahres 2028. Der bisherige Standort in Schramberg bleibe erhalten und werde modernisiert, lasse sich aber nicht erweitern, weil er im bebauten Gebiet liege und von einem Hang und einem Bach begrenzt werde. In der Pressemitteilung zum Spatenstich hatte es noch geheißen, das Schramberger Umspannwerk könne am bisherigen Standort „nicht erneuert werden“.
Offene Frage Photovoltaik
Flaig vermutet, dass das Umspannwerk vor allem neuen Solar- und Windparks dienen soll. Windkraft-Vorranggebiete gibt es auf der Gemarkung Aichhalden laut Gemeinde nicht. Der Regionalverband hat aber eine rund zwölf Hektar große Fläche für Freiflächen-Photovoltaik vorgesehen. Ob dort eine Anlage entsteht, sei offen und hänge von den Eigentümern und vom Gemeinderat ab. Einen Zusammenhang mit dem Umspannwerk kenne die Gemeinde nicht.
Die Netze BW hatte die Einspeisung von Solarstrom gegenüber dem Schwarzwälder Boten selbst als eine Aufgabe des neuen Umspannwerks genannt. Wie viel der Leistung für Verbraucher und wie viel für die Einspeisung erneuerbarer Energie vorgesehen ist und ob bereits Anschlussanfragen vorliegen, beantwortet das Unternehmen nicht: Zu Details der Auslastung mache man „aus Vertraulichkeitsgründen“ keine Angaben.
Einnahmen hat die Gemeinde durch das Umspannwerk nach Lehrers Worten kaum: kein Grundstücksverkauf, keine Pacht, allenfalls eine „vernachlässigbare“ Gewerbesteuer. Der Vorteil liege in einer sicheren Stromversorgung als Standortfaktor.