Foto: Peter Arnegger

Ich beiße nicht. Aber ich frage …

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Lesezeit 7 Min.

Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und dem Landkreis, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen. Ein Waschhaus, das zum Backhaus wurde. Eine Grotte, die bis heute betet. Zwei Pfeiler, die gelogen und sich korrigiert haben. Ein Meilenstein, der keiner ist. Eine Linde für einen Mann, der hier ankommen wollte.

Und jetzt ein Gesicht aus Marmor, 1,7 Tonnen schwer, an der Betonwand des Polizeireviers in der Kaiserstraße. Es schaut. Es schweigt. Es fragt.

Wer das Polizeigebäude in der Rottweiler Kaiserstraße betritt, muss an ihm vorbei: einem bärtigen Gesicht aus Marmor, eingelassen in die Betonwand neben dem Eingang, etwa 180 Zentimeter im Durchmesser, mit weit geöffnetem Mund. Es ist eine maßgenaue Kopie der berühmtesten Maske der Welt – der Bocca della Verità aus Rom. Die Legende sagt: Wer lügt und dabei die Hand hineinsteckt, verliert sie. Die Künstler Thomas Raschke und Sebastian Rogler haben sie 2007 bewusst an diesen Ort gehängt. Im elften Teil der Serie „Wenn Orte erzählen” kommt sie selbst zu Wort.

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Kleiner Selbstversuch. Die Hand blieb dran. Fotos: Peter Arnegger

Im zehnten Teil dieser Serie lassen wir eine Skulptur sprechen. Und sie sagt:

Ich hänge an einer Betonwand. Das klingt prosaischer, als es ist. Die Wand gehört zum Polizeirevier in der Kaiserstraße, und ich bin aus Marmor, etwa 180 Zentimeter im Durchmesser, 1,7 Tonnen schwer, mit Stahlträgern befestigt – eine maßgenaue Kopie der berühmtesten Maske der Welt. Das Original hängt in Rom, im Vorhof der Kirche Santa Maria in Cosmedin, seit Jahrhunderten. Ich hänge seit 2007 hier, in Rottweil.

Mein Name ist Bocca della Verità. Mund der Wahrheit. Ich beiße nicht. Das ist das Erste, was ich klarstellen muss.

Die Legende sagt: Wer die Hand in meinen Mund legt und dabei lügt, verliert sie. Seit dem 16. Jahrhundert kursiert das, in Reiseberichten, in Legenden, heute in Millionen Urlaubsfotos aus Rom, auf denen Menschen mit gespieltem Schrecken die Hand aus meinem Maul ziehen. Gregory Peck und Audrey Hepburn haben es 1953 in einem Film getan. Seitdem ist die Schlange vor dem Original nie kürzer geworden.

Ich beiße nicht. Das wissen die meisten, die ihre Hand hineinstecken. Und doch zögern sie einen Moment. Das ist das Merkwürdige an mir: Die Vernunft sagt, es passiert nichts. Aber die Hand zieht sich trotzdem kurz zurück.

Zwei Künstler haben mich hierher geholt: Thomas Raschke und Sebastian Rogler. Sie haben das Projekt einen Namen gegeben, der auf den ersten Blick rätselhaft klingt: “Das Deutsche Handwerk.” Dahinter steckt eine Idee, die man erst versteht, wenn man länger darüber nachdenkt. Handwerk – das ist die Arbeit mit den Händen. Und die Hand ist das Einzige, was man in meinen Mund legt. Es ist also kein zufälliger Titel.

Raschke und Rogler haben zuvor schon einmal für ein Gebäude der Strafverfolgung gearbeitet – für die JVA Lörrach. Sie kennen diese Orte, ihre Logik, ihren Ernst. Dass sie mich an ein Polizeirevier gehängt haben, ist keine Provokation. Es ist eine Frage. Die Frage lautet: Was ist Wahrheit, und was kostet sie?

Das Original in Rom war vermutlich einmal ein Kanaldeckel. Oder eine Brunnenmaske, aus deren Mund Wasser trat. Niemand weiß es genau. Was man weiß: Solche Scheiben wurden im Mittelalter auch als Briefkästen genutzt – der Mund als Schlitz für anonyme Anzeigen. Man warf einen Zettel hinein, auf dem stand, was der Nachbar getan hatte. Niemand musste seinen Namen nennen. Das ist eine Geschichte, die mir nicht behagt. Aber sie gehört zu mir.

Denunziation und Wahrheit sind nicht dasselbe. Das hätten die Menschen wissen müssen, die solche Briefkästen benutzten, und das wissen die Menschen heute, die täglich an mir vorbeigehen – Beamte, Besucher, Beschuldigte, Zeugen. Die Polizei ist der Ort, an dem Wahrheit und Lüge ihre gesellschaftlichen Konsequenzen bekommen. Kein anderer Ort in einer Stadt trägt diesen Auftrag so direkt. Deshalb hänge ich hier. Nicht um zu erschrecken. Sondern um zu erinnern.

Drinnen, im Eingangsbereich, hängt mein Zwilling. Es ist kein Stein, sondern ein Abguss eines Bocca-Automaten in Silberbronze. So ein Gerät fand man früher auf Touristenmärkten, wo man eine Münze einwirft und der Mund sich öffnet. Auch er kann man die Hand hineinstecken. Auch er beißt nicht.

Zwei Münder der Wahrheit also. Einer draußen, einer drinnen. Der steinerne, ernste – und der metallene, leicht ironische. Als ob die Künstler sagen wollten: Wahrheit hat viele Aggregatzustände. Sie kann schwer und kalt sein wie Marmor. Und sie kann ein Spiel sein, ein Automat, eine Münze, ein Klick.

Diese Serie hat schon viele Orte sprechen lassen, die mit Wahrheit zu tun haben – auf unterschiedliche Weise. Der Hofgerichtsstuhl hat Recht gesprochen. Das Zollhaus hat geprüft, wer ehrlich war. Der Meilenstein hat gesagt: Ich bin nicht, was ich aussehe, aber ich zeige etwas Wahres. Die Pfeiler haben gelogen und sich korrigiert.

Ich tue nichts davon. Ich hänge hier, und ich frage. Lautlos, mit einem Gesicht, das ernst schaut und nie lächelt. Jeder, der an mir vorbeigeht, beantwortet meine Frage für sich selbst, ohne es zu merken.

Ich beiße nicht. Aber ich frage. Und manche Fragen sind schmerzhafter als jeder Biss …


Die Bocca della Verità am Polizeirevier Rottweil in der Kaiserstraße ist ein Werk der Künstler Thomas Raschke und Sebastian Rogler, realisiert 2007 im Rahmen eines eingeladenen Kunst-am-Bau-Wettbewerbs. Die Außenskulptur ist eine maßgenaue Kopie des römischen Originals aus Marmor (Durchmesser ca. 180 cm, ca. 1,7 Tonnen). Im Inneren des Gebäudes befindet sich ein zweites Werk: ein Abguss eines Bocca-Automaten in Silberbronze. Auftraggeber war das Staatliche Vermögens- und Hochbauamt Konstanz, Außenstelle Rottweil.

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