Benachrichtigung

Ich war das Haus, dem ihr den zehnten Teil schuldig wart

Die ehemalige Zehntscheuer in der Hochmaiengasse steht seit 1492/93 – größer als alles um sie herum und doch kaum beachtet. Vor 1979 gab es Stimmen für den Abriss. Heute zeigt sie absichtlich ihr Mauerwerk.

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Lesezeit 12 Min.
Groß und dennoch offenbar leicht zu übersehen: das Gebäude Hochmaiengasse 20 in Rottweil. Foto: Peter Arnegger

Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und dem Landkreis, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen. Ein Waschhaus, das zum Backhaus wurde. Eine Grotte, die bis heute betet. Zwei Pfeiler, die gelogen und sich korrigiert haben. Ein Meilenstein, der keiner ist. Eine Linde für einen Mann, der hier ankommen wollte. Ein Gesicht aus Marmor, das nicht beißt – aber fragt. Und eine Scheuer, die den Zehnten nahm und heute nichts mehr verbirgt.

Wer durch die Hochmaiengasse im Südwesten der historischen Innenstadt geht, sieht Bürgerhäuser, die Musikschule, das Gasthaus zur Flasche. Und einen Bau, der größer ist als alle anderen und dennoch leicht zu übersehen: die ehemalige Zehntscheuer, Hausnummer 20. Vier Geschosse Bruchstein, darüber ein Dach mit noch einmal vier Ebenen. Die Hölzer wurden 1492/93 geschlagen. Das Gebäude steht frei, mit der langen Seite zur Gasse, teils verputzt, teils nackt. Es war der Ort, an dem die Ernte abgeliefert wurde – der zehnte Teil, den die Bauern schuldig waren. Wem genau, steht heute in keiner Datenbank mehr.


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Nur echt mit Kippe: ein Eingang. Fotos: Peter Arnegger

Im elften Teil dieser Serie lassen wir ein ganz zenrrales und dennoch gerne übersehenes Gebäude in der historischen Innenstadt von Rottweil sprechen. Und es sagt:

Ich bin das größte Gebäude in dieser Gasse, und ihr seht mich nicht.

Das ist keine Klage. Ich bin dafür gebaut. Eine Scheuer hat kein Gesicht zur Straße, sie hat eine Seite. Ich kehre euch die Traufe zu, die lange graue Wand, und meine Giebel schauen dorthin, wo niemand steht. Die Häuser neben mir haben Erker, Fenster mit Gewänden, Stuben mit Täfelung. Ich habe Läden. Zählt sie, wenn ihr vorbeigeht: Holz, Holz, Holz, in Reihen übereinander, bis unter das Dach. Fast nirgends Glas. Ein Haus mit Fenstern will hinausschauen. Ich wollte nur, dass nichts hereinkommt, was nicht hereingehört. Kein Regen, keine Nässe, kein Licht, das das Korn erhitzt. Das war mein einziger Auftrag: trocken bleiben.

Meine Balken wurden im Winter 1492 auf 1493 geschlagen. Ich weiß das nicht, weil ich mich erinnere – ich weiß es, weil man vor einigen Jahren Bohrkerne aus meinem Holz gezogen und die Jahresringe gezählt hat. Erdgeschoss, Obergeschosse, Dach: alles aus derselben Zeit. Das Dach über mir ist also wahrscheinlich noch dasselbe, das die Zimmerleute damals aufgerichtet haben. Vier Ebenen hoch, ein Gebirge aus Eichenholz, in dem die Luft stand und der Staub schwebte.

Oben im Dach, zur Gasse hin, sitzt mein Erker. Ein kleiner Fachwerkkasten mit eigenem Dach, darunter ein geschwungener Bogen aus Holz, der aussieht, als hätte jemand eine Verzierung an eine Scheuer gesetzt. Es ist keine Verzierung. Darunter hing der Aufzug. Was unten vom Wagen kam, wurde hier hochgezogen, Sack um Sack, Garbe um Garbe, bis in die oberste Ebene. Der Erker ist mein einziger Schmuck, und er war ein Werkzeug.

Denn ich war voll. Das müsst ihr euch vorstellen, wenn ihr heute vor mir steht und euch fragt, warum ich so hoch bin. Jeden Herbst kamen die Wagen die Gasse herauf, die damals schon so steil war wie heute. Sie fuhren durch mein Rundbogentor, das breit genug ist für einen Wagen und zu niedrig für Hochmut. Die Bauern aus den Dörfern ringsum brachten, was sie bringen mussten: den zehnten Teil der Ernte. Es wurde gezählt, gemessen, aufgeschrieben. Dann wurde es in mich hineingetragen und hinaufgezogen, Lage um Lage, bis unter den First. Ich roch nach trockenem Stroh und nach dem Schweiß der Männer, die es trugen. Im Winter hörte ich die Mäuse. Im Frühjahr wurde es wieder leerer in mir.

Der Zehnt war keine Abgabe, die man gern leistete. Er war ein Zehntel von allem, was ein Jahr Arbeit gebracht hatte, und er ging nicht an die, die gearbeitet hatten. Ich war der Ort, an dem dieser Übergang stattfand. Was durch mein Tor kam, gehörte danach jemand anderem. Ich habe nie darüber geurteilt. Eine Scheuer urteilt nicht. Sie nimmt an.

Wem ich gehörte – ob der Stadt, dem Spital, einem Kloster, einem Orden –, das weiß ich nicht mehr, und ihr wisst es auch nicht. In den Datensätzen, die man heute über mich führt, steht bei „Besitzer“: keine Angaben. Das finde ich angemessen. Ich war das Haus der Abgabe. Wer sie einstrich, hat sich an anderer Stelle verewigt. Ich habe nur gelagert.

Um 1700, schätzt man, bekam ich neue Giebel. Fachwerk statt Stein, an beiden Enden, mit Streben, die sich kreuzen, und Läden auch dort. Vielleicht waren die alten Giebel schadhaft, vielleicht wollte jemand, dass ich ein wenig mehr aussehe wie die Häuser ringsum. Es hat nichts geändert. Mein Körper blieb, was er war.

Und unten an meiner Ecke, wo die Gasse abfällt, da steckt etwas Älteres in mir. Dort liegen keine Bruchsteine, sondern Quader. Große, helle Kalksteinblöcke, sauber behauen, in Lagen gesetzt, mit Ziegeln geflickt, wo etwas fehlte. Sie passen nicht zum Rest von mir. Sie sind zu gut gefügt für eine Scheuer. Manche sagen, das seien die Reste eines Turms, der hier stand, bevor man mich baute, und der die Stadt nach dieser Seite hin schützen sollte. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich auf etwas stehe, das nicht ich bin. Das ist in dieser Stadt nichts Besonderes. Hier steht alles auf etwas.

Irgendwann hörte der Zehnt auf. Niemand brachte mehr Garben. Was danach in mir war, hat sich niemand gemerkt. Ich stand da, groß und leer, mit meinem riesigen Dach, und wurde zu dem, was ihr heute seht: ein Gebäude, an dem man vorbeigeht. Oder vor dem man parkt. Nur Anwohner mit Parkausweis, sagt das Schild an meiner Wand. Ich habe nichts dagegen. Die Wagen standen schon immer hier.

Es gab eine Zeit, in der es knapp wurde. Vor 1979, sagt man, gab es in Rottweil Stimmen, die mich abreißen wollten. Ich kann sie verstehen. Ich bin sperrig, ich bin alt, ich bringe nichts ein, und ich sehe nicht aus wie etwas, das man erhalten will. Eine Scheuer ist kein Münster. Dann kam der Denkmalschutz, und ich blieb.

Was danach geschah, ist das Merkwürdigste an meiner Geschichte. Man hat mich nicht ganz verputzt. Absichtlich. Manche, die von auswärts kommen, fragen, ob das Geld nicht gereicht hat oder die Arbeit nicht fertig wurde. Nein. Man wollte, dass man sieht, woraus ich bin. An der Ecke liegen die Quader frei, an der Rückseite der Bruchstein, dazwischen der glatte Putz. Ich bin das einzige Haus in dieser Gasse, das nichts versteckt. Die anderen haben Fassaden. Ich zeige mein Skelett.

Ich habe gehört, was die Pfeiler auf der Charlottenhöhe gesagt haben, und der Stein bei Seedorf, und der Marmormund vor der Polizei. Sie haben gelogen, oder gespielt, oder gefragt. Ich tue nichts dergleichen. Ich bin genau das, was ich zu sein scheine: ein großes, altes Lagerhaus mit geschlossenen Läden und offenen Wänden. Es ist nur so, dass niemand hinschaut.

Einmal stand eine Tafel vor mir. Station 41 eines Pfades durch die Stadtgeschichte, zwischen einem Bürgerhaus weiter vorn in der Gasse und einem Haus in der Sprengergasse. Was auf ihr stand, weiß ich nicht mehr. Die Tafel ist weg. Der Pfad auch. Es ist, wie es immer war: Was man über mich wusste, hat man irgendwo abgelegt und dann vergessen, wo.

Ich bin nicht das älteste Haus hier. Ein Nachbar in der Gasse hat Balken, die fast hundert Jahre älter sind als meine. Aber ich bin das größte, und ich bin das, was am wenigsten verändert wurde, weil sich niemand die Mühe gemacht hat. Das ist eine Form von Glück, die nur Nebengebäude kennen.

Wenn ihr das nächste Mal vorbeigeht, bleibt kurz stehen. Schaut an der Wand hoch, Laden um Laden, bis zum Erker mit dem Holzbogen. Dann zählt weiter, die Ebenen im Dach. Stellt euch vor, das alles voll. Die Ernte eines Jahres aus den Dörfern ringsum, der zehnte Teil davon, aufgetürmt bis unter den First. Dann geht weiter. Ich bin es gewohnt.


Fakten

Die ehemalige Zehntscheuer steht in der Hochmaiengasse 20 im Südwesten der historischen Innenstadt von Rottweil. Nach dendrochronologischer Untersuchung des Landesamts für Denkmalpflege wurde sie 1492/93 errichtet – Erdgeschoss, Obergeschosse und Dachgeschosse in einer Bauphase. Es handelt sich um einen viergeschossigen, teils verputzten Bruchsteinbau mit viergeschossigem Satteldach und freiliegenden Fachwerkgiebeln, die wohl um 1700 entstanden. Das Gebäude steht frei, mit der Traufseite zur Gasse. Laut rottweil.net steht es seit 1979 unter Denkmalschutz, nachdem zuvor Abbruchforderungen laut geworden waren; der Putz fehlt an einigen Stellen absichtlich, um das Mauerwerk sichtbar zu lassen. An der Südostecke werden Reste eines älteren Turms aus Kalksteinblöcken vermutet – belegt ist das nicht. Die Scheuer war Station 41 des früheren Historischen Pfads durch Rottweil. Wer der Zehntherr war und wie das Gebäude nach dem Ende des Zehnten genutzt wurde, ist nicht dokumentiert. Zur Gasse hin sitzt im Dach ein Aufzugserker in Fachwerk, über den die Lasten in die oberen Ebenen gezogen wurden. Die Fassaden sind überwiegend mit Holzläden geschlossen; ein Rundbogentor führt ins Erdgeschoss. Die Zehntscheuer ist Kulturdenkmal in der Gesamtanlage Stadtkern Rottweil – eines von 19 in der Hochmaiengasse.

Die NRWZ dankt Thomas Pes für den Tipp.

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