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Kirchenfahne im Regen – den Rottweilern blieb nur ein Esel

Zunftfahnen sind ein prägendes Element der Fronleichnamsprozession und bei anderen wichtigen Anlässen – hier der 900-Jahr-Feier des Heilig-Kreuz-Münsters am 10. Juli 2022. Archiv-Foto: Andreas Linsenmann
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An Fronleichnam haben sie wieder einen großen Auftritt: Die Zunft- und Kirchenfahnen, die immer wieder auch den Glanz der Reichstadt-Tradition aufleuchten lassen. Mit den stolzen Symbolen verbindet sich freilich eine kuriose Geschichte.

Übermittelt wird sie über verschiedene Quellen als eine der „Lalenburger Anekdoten“ – eine Sammlung von Schwänken oder Volksschnurren, die in Stil und Stoßrichtung ähnlich gestrickt sind wie die wesentlich bekannteren Geschichten über die sprichwörtlichen Schildbürger.

Dort wird berichtet, dass ein durchreisender Malergeselle den Rottweilern einen Streich gespielt habe. Sie hatten ihn beauftragt, auf einer Kirchenfahne das Motiv der Flucht nach Ägypten darzustellen. Also die im Matthäusevangelium überlieferte Erzählung zur Kindheit Jesu, wonach ein Engel Josef im Traum erschein und ihn aufforderte, mit Maria und Jesus nach Ägypten zu eilen, da Herodes den Knaben töten wolle.

Der Malergeselle führte den Auftrag aus. Aber da die Rottweiler offenbar die Bezahlung hinauszögerten, revanchierte er sich, indem er schon während dem Malen einen Trick einbaute: Er bannte nur den Esel in Öl auf die Fahne – und alles andere mit Wasserfarben. Man ahnt es: Nach einem Regenguss blieb der Anekdote zufolge für die genasführten Rottweiler nur der Esel auf dem Fahnenbild übrig.

Kein Esel, sondern Maria mit dem Jesusking – Detail einer gemalten Zunftfahne. Archivfoto: Andreas Linsenmann

Historisch belegen lässt sich der behauptete Vorgang nicht. Auch wird keine Jahreszahl genannt, wann sich dies zugetragen haben soll. Aber um einen engen Wahrheitsgehalt im Sinne penibler Faktentreue geht es bei dieser Art von Geschichten gar nicht. Vielmehr sollen andere Aspekte veranschaulicht werden.

So transportiert der Schwank eine Mahnung, Vertragspartner nicht zu unterschätzen und Abmachungen fair einzuhalten. Besonders illustriert die Anekdote, dass man Künstler und deren Arbeit ernst nehmen und hochschätzen soll. Denn ansonsten, so die Moral dieser Mär, rächt sich der Mangel an Respekt. Nicht zuletzt reiht sich die Anekdote in den Kreis von Geschichten ein, wie die Rottweiler zum Beinamen „Esel“ oder „Stadtesel“ gekommen sein könnten.

Jenseits des Humoristischen sollte die Bedeutung von Fahnen nicht unterschätzt werden. Sie stellen in vielen Kulturen Symbole für die politische und gesellschaftliche Ordnung, für Gemeinschaften, Traditionen und vieles mehr dar – Fahnen stellen Bezüge her und laden ein, sich zu identifizieren. Für liturgische Zwecke sind Fahnen im lateinischen Christentum mindestens seit dem 10. Jahrhundert gebräuchlich.

Der Stadtadler prangt auf dieser Zunftfahne auf Goldgrund. Archiv-Foto: Andreas Linsenmann

In der Rottweiler Historie ragt eine Fahne übrigens besonders heraus: Ein prachtvolles „Juliusbanner“. Es wurde den Rottweilern 1512 für tapfere Dienste im „Großen Pavier-Feldzug“ in Oberitalien vom Papst verliehen – wie auch Einheiten der Alten Eidgenossenschaft, mit der die Stadt seit 1463 verbündet war, und an deren Seite die Rottweiler dort wacker gekämpft hatten.

Der Wert dieser Fahnen lag weniger in der kostbaren Damastseide, aus der sie gefertigt war. Vielmehr waren sie ein Dankes-Zeichen des Oberhaupts der Kirche und brachten den   Empfängern damit Prestige – zumal diese auch noch mit dem Ehrentitel „Ecclesiasticae libertatis defensores“, also „Verteidiger der kirchlichen Freiheit“ ausgezeichnet wurden.

Das Rottweiler Juliusbanner, dessen Verleihung erst der verstorbene langjährige Stadtarchivar Dr. Winfried Hecht 1973 sicher nachweisen konnte, hat sich leider nicht erhalten. Und es gibt auch keine Hinweise, dass bei seiner Bemalung mit religiösen Motiven wie von dem zu Scherzen aufgelegten Malergesellen getrickst worden wäre.

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