„Albert Röcker war ein Glücksgriff“

Ein emotionaler Moment zu Beginn einer langen Gemeinderatssitzung: Oberbürgermeisterin, die Mitglieder des Gemeinderats, Verwaltungsleute und zahlreiche Gäste erheben sich und applaudieren Albert Röcker. Er versucht abzuwinken, aber der Beifall will nicht abebben.

Auf der Tagesordnung steht trocken: „3. Eigenbetrieb Spittelseniorenzentrum – Verabschiedung Betriebsleiter Albert Röcker“. Doch dahinter stecken mehr als 30 Jahre Arbeit für die Menschen und für die Stadt.  In ihrer Abschiedsrede erinnert Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr daran, dass Röcker am 1. April 1991 seinen Dienst angetreten habe. Der Empfang im Spittel sei an jenem Tag nicht besetzt gewesen Deshalb habe er sich durch die Küche den Weg ins Haus suchen müssen. „Ein realistischer Einstieg“ in seinen neuen Job sei das gewesen, scherzte sie.

Viele Aufgaben gemeistert

Aber wie diese habe Röcker in den nächsten Jahren viele weitere Herausforderungen gemeistert. Die Einführung der Pflegeversicherung, die zahlreichen Bau- und Umbauarbeiten im Spittel, bei den Pflegesatzverhandlungen. Wenn man die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Spittel frage, dann höre sie immer wieder, dass Röcker „nie jemanden hat hängen lassen“. Sie würdigten seine humorvolle und loyale Art.

Im Zusammenhang mit der Coronapandemie habe sie Röcker im Krisenstab erlebt. Da habe er „gekämpft wie ein Löwe“ für die Interessen seiner Bewohner und seiner Belegschaft. Sie danke ihm für die angenehme und ruhige Zusammenarbeit, auch in der Krise.

Röcker habe sich im Gemeinderat und in verschiedenen Gremien immer auch stark gemacht für die Aus- und Weiterbildung in der Altenpflege und Fehlentwicklungen kritisiert. Wie seine Frau Petra unterrichte er ja schon seit vielen Jahren an der hiesigen Altenpflegeschule.

OB Eisenlohr würdigt den scheidenden Spittelchef.

Nachfolge geregelt

Eisenlohr lobte, dass Röcker mit Hedwig Pieper „eine Supernachfolgerin“ über viele Jahre gefördert und begleitet habe. Die langjährige Pflegedienstleiterin und Röcker-Stellvertreterin wird bekanntlich auch seine Nachfolgerin. Im Namen der ganzen Stadt dankte Eisenlohr Röcker für seine Arbeit und wünschte sich, dass er bei den Weihnachtsfeiern im Seniorentreff entweder Cocktails mixe oder einen Programmbeitrag liefere.

Verantwortlich für die ihm Anvertrauten

Im Namen des Gemeinderats wandte sich Tanja Witkowski an Röcker. Sie zitierte aus dem“ kleinen Prinz“: „Du bist ewig für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.“ Röcker habe sich sein ganzes Leben für Menschen verantwortlich gefühlt, die ihm anvertraut gewesen seien. Zunächst als  katholischer Vikar in Mannheim, dann als Jugendpfarrer und als Pfarrer in Sigmaringen.

1991 habe sich Röcker dann auf die Stelle in Schramberg beworben und sei seither für die Beschäftigten und etwa 140 Bewohnerinnen und Bewohner verantwortlich gewesen. „Du warst oft der erste Ansprechpartner für die Familien und für uns im Gemeinderat.“

Immer wieder habe man bei Festen und Veranstaltungen im Spittel erleben können, wie wichtig Röcker die Menschen dort seien. „Du warst da mit Freude, Zuversicht und ganz viel Menschlichkeit.“ Witkowski erinnerte an die schwierigen Monate der Pandemie. Dank Röckers und der Arbeit des ganzen Teams sei das Spittel verschont geblieben. Nach fast 50 Berufsjahren habe Röcker den Ruhestand nun mehr als verdient. „Du warst für Schramberg ein echter Glücksgriff.“ Mit einem Vesperrucksack mit Vesperbrett, Taschenmesser, Schnäpsle und so weiter bedankte sie sich im Namen des Gemeinderats.

Von den Gemeinderätinnen und -Räten gibts einen Vesperrucksack – überreicht von Tanja Witkowski.

Große Veränderungen

Röcker erzählte, einige Gemeinderäte seien erstaunt gewesen, als sie kürzlich von seinem 70. Geburtstag in der Zeitung lasen und hätten einen Druckfehler vermutet. Doch das sei schon so. Er habe allen Grund, zufrieden auf die gut 30 Jahre im Spittel zurückzuschauen. „Jeder Tag war anders und spannend zugleich.“  In den drei Jahrzehnten habe es einen Paradigmenwechsel vom Altenheim zu einer zeitgemäßen Pflegeeinrichtung gegeben. „Anfangs standen noch die Autos der Bewohner vor dem Haus.“

In den Umbau des Seniorenzentrums seien in den 30 Jahren 8,7 Millionen Euro geflossen. Auch inhaltlich habe sich vieles geändert. Anfangs habe man in einem DIN A 4-Heft die Pflegeberichte eingetragen. „Heute vernetzte, digitalisierte Welt, in der sich das Pflegesetting wiederfindet“.  Früher ein kleines Transistorradio in den Bewohnerzimmern, heute WLAN und Kabelanschluss. Aber auch die überbordende Bürokratie veranschauliche Röcker: 1991 bestand der Heimvertrag aus drei Seiten, heute sind es 45.

Röcker erinnerte an die 145 Beschäftigten des Spittel, die sich Tag und Nacht Mühe gäben, „den Bewohnerinnen und Bewohnern die letzten Tage, Monate oder gar Jahre ihres Lebens, so gut es geht, angenehm zu gestalten“.

Nachdenklich und dankbar. Albert Röcker bei seiner Abschiedsrede. Fotos: him

Gastgeber für 2200 Menschen

Es sei ihm eine Ehre gewesen, etwa 2200 Menschen Gastgeber gewesen zu sein. Mit Blick auf COVID 19 fand er, es gebe für ihn zum Abschied nichts Erfüllenderes als festzustellen, dass das Spittel die Pandemie „mit Gottes Hilfe ohne einen ernsthaften Erkrankungsfall der Bewohner durchgestanden“ habe.

Röcker dankte allen Mitarbeitenden, den Ehrenamtlichen, dem Gemeinderat, seinen drei Chefs Herbert O. Zinell, Thomas Herzog und Dorothee Eisenlohr für das Vertrauen in seine Arbeit. Er sei froh, dass Hedwig Pieper ihm nachfolge. So falle der Abschied leichter. An den Rat appellierte er: „Halten Sie den Spittel  weiterhin in kommunaler Trägerschaft, die Beschäftigten und die Bewohnerinnen und Bewohner werden es ihnen danken.“ Mit einem „Adieu“  legte er das Mikrofon ab, setzte sich an die Seite – und freute sich doch über den langanhaltenden Beifall.

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