Denkmalreise zu einem „kleinen Juwel“

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Auf ihrer diesjährigen Denkmalreise hat die baden-württembergische Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, Nicole Razavi MdL Station in Schramberg gemacht. Am Montagvormittag besuchte sie den „Römischen Kastellplatz“ in Waldmössingen

Schramberg-Waldmössingen. Eine große Schar Gäste war den Hügel zum Römerkastell hochgestiegen, um dabei zu sein, wenn die Ministerin sich über die Anlage und die Pläne der Stadt informierte. Aus Stuttgart war eine stattliche Delegation des Landesdenkmalamts gekommen, von der Rottweiler Außenstelle waren Vertreter vor Ort.

Aus Freiburg war Regierungsvizepräsident Klemens Ficht angereist. Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr, Ortsvorsteher Reiner Ulrich, der Leiter des Stadtarchivs und des Stadtmuseums Carsten Kohlmann, mehrere Ortschafts- und Gemeinderätinnen und -Räte, Vereinsmitglieder, Fotografen vom Ministerium und von der Stadt beauftragt, eine junge Dame in einer Warnweste als „Ordnerin“, für die Medien der SWR, die Tageszeitung, die NRWZ und und und…

Interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer.

„Wir freuen uns sehr, dass Sie Ihre Landesbereisung ausgerechnet in Waldmössingen beginnen“, begrüßte Oberbürgermeisterin Eisenlohr die Ministerin. Das Besondere am Waldmössinger Kastellfeld sei, dass das Gelände bis heute weitgehend unbebaut sei.

Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr begrüßt ihren Gast.

Denkmalschutz  zwiespältig

Ministerin Razavi startete ihre dritte Denkmalreise in Waldmössingen. Sie lerne jedes Mal sehr viel über unser Land, versicherte sie den Anwesenden. Denkmalschutz sei ja etwas zwiespältig. Immer wieder erhalte sie Klagen, dass „Umbauten zu teuer und die Auflagen zu restriktiv“ seien. Andererseits seien Denkmäler etwas Großartiges: „Sie haben etwas mit Heimat und Identität zu tun.“

Ministerin Razavi bestaunt die archäologischen Funde aus Waldmössingen, links neben ihr Dr. Klaus Kortüm

Bei ihrer diesjährigen Denkmalreise stehe das ehrenamtliche Engagement im Mittelpunkt. Ohne dieses Engagement vieler Menschen sei der Denkmalschutz nicht zu leisten, so Razavi. So sei es auch dem Verein für Heimatpflege in Waldmössingen zu verdanken, dass es den Wachtturm am Kastell gebe. „Er ist ja auch ein Wahrzeichen dieser Gemeinde.“ Der südliche Eckturm des Kastells wurde Ende der 1970er Jahre dank des unermüdlichen Einsatzes des Fördervereins für Heimatpflege wiederaufgebaut, so Razavi.

Römische Soldaten nur kurz vor Ort

Professor Claus Wolf, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, meinte schmunzelnd, die alljährliche Denkmalreise führe ihn auch an Orte, an denen er bisher noch nicht war, eben auch nach Waldmössingen. Die römische Besiedlung hier sei in eine Übergangssituation der römischen Besatzung entstanden, in der Zeit zwischen 70 und 110 nach Christi Geburt.

Es habe der Absicherung der Römerstraße von Straßburg zur Donau gedient. Das römische Militär sei nur etwa fünf Jahrzehnte geblieben, der zivile Ort, vicus, habe aber etwa 200 Jahre Bestande. Für das Kastell sei es ein Glücksfall, dass es hier extrem engagierte Bürger wie die Eheleute Klara und Bernd Pieper gebe.

Der Ende der 70er Jahr nachgebaute Turm, sei das einzig Zeichen für das Kastell, so Wolf. „Ein Kind seiner Zeit“, heute würde man ihn sicher anders gestalten.

Gestaltung durch Pflanzen?

Nun gehe es darum, zu überlegen, wie das gesamte Kastellgelände künftig gestaltet werden könnte. Und dann machte Wolf eine Zusage: „Am Geld soll es an diesem Ort nicht scheitern.“ Man werde keine neuen Gebäude errichten oder Ausgrabungen vornehmen, betonte er.

Vielmehr gehe es darum, den Ort noch mehr erlebbar zu mache. Das könne durch große Schautafeln, eine entsprechende Bepflanzung und Markierung geschehen. Weil keine Bebauung auf der Fläche geplant sei, sei man nicht in Eile, habe keinen Stress.

Professor Claus Wolf

Dr. Klaus Kortüm vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart ergänzte, das Kastell liege auf einer landschaftlich herausragenden Stelle. „Entdeckt“ habe es die Reichs-Limeskommission um 1900. Diese habe aber keine Ausgrabungen gemacht, sondern mit Sonden im Boden nach Mauerresten gesucht und so das Ausmaß des Kastells ermittelt.

Grabungen erst ab 1975

Ab 1975 habe es dann auch Ausgrabungen gegeben. Das Kastell sei eher untypisch: nicht streng geometrisch, sondern stark an das Gelände angepasst gewesen. Um 70 nach Christus hätten die Römer hier erstmals Fuß gefasst und seien sehr vorsichtig gewesen.

Kortüm wies auf die große Bedeutung der Kinzigtalstraße von Straßburg her hin. Beim Waldmössinger Kastell ging eine Straße dann Richtung Sulz, die andere Richtung Rottweil weiter. Obwohl etwa 90 Prozent des römischen Lagers bekannt sei, werde es noch vieles zu entdecken geben, war Kortüm sicher.

Kulturraum beim Weiherwasen

Ortsvorsteher Ulrich erläuterte die Gedanken, die der Ortschaftsrat für die weitere Entwicklung des großen Naherholungsgebietes Weiherwasen habe. Neben den Sportstätten, dem großen Spielplatz und dem Erlebnisbauernhof sei das Kastell ein wichtiger Kulturraum. Der Ortschaftsrat habe ein Planungsbüro beauftragt, für das gesamte Gebiet ein städtebaulich Konzept zu entwickeln. „Das ist ein Gelände, mit dem man werben kann“, so Ulrich, das Kastell sei „ein kleines Juwel.“

Reiner Ulrich.

Bei der Planung wolle man die Bevölkerung mit einbeziehen, kündigte Ulrich an. Der Ortschaftrat habe dem Gemeinderat empfohlen, die Mitgliedschaft im Römerstraßenverein zu beantragen. Die Straßen böten die Möglichkeit, „auf den Spuren der Römer zu wandeln“.

Magische Plättchen

Kortüm und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten etliche römische Fundstücke mitgebracht. Scherben von Tonkrügen, aber auch ein besonders schönes Stück von einem Glaskrug oder ein Stück von der römischen Mauerkrone. Ein noch ganz neues Fundstück war ein kleines Täfelchen aus Blei, in das Buchstaben geritzt waren. Es sollte magische Kräfte entwickeln.

In diesem Fall war es eine Bitte an die Göttin der Liebe, Venus, sie möge der Spenderin des Täfelchens helfen, einen noch nicht ehewilligen Mann zu überzeugen, dass er sie heiraten solle. Auf einem anderen Täfelchen wird der Dieb einer Brosche verwunschen. Die Götter der Unterwelt sollten ihn bestrafen. „Das waren also die Probleme der alten Waldmössinger“, scherzte Kortüm. Solche Täfelchen seien sehr selten, die beiden aus Waldmössingen die einzigen, die bislang in Baden-Württemberg gefunden worden seien.

Bevor sich Ministerin Razavi ins Goldene Buch der Stadt Schramberg eintrug, dankte sie persönlich den Eheleuten Pieper und Jonas Viereck als Vertreter des Vereins für Heimatpflege in Waldmössingen für ihren Einsatz.

Dank an die Piepers.

Dann gab es noch ein Gruppenfoto vor dem Südturm, eine Erfrischung mit Apfelschorle und Butterbrezel. Schließlich verabschiedete sich Razavi und fuhr mit ihrem Tross zur nächsten Station in Achern – und alle anderen kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück.

Zum Schluss noch schnell ein Gruppenbild fürs Geschichtsbuch.
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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.