Das Land Baden-Württemberg hat sein Konzept zur Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken überarbeitet. Die Strecke Balingen–Rottweil landet in der zweiten Gruppe („Tranche 2“): Dafür kann das Land derzeit keine Unterstützung anbieten, nach fünf Jahren soll neu bewertet werden. Verkehrsministerin Nicole Razavi verweist auf die angespannte Finanzlage im Regionalverkehr.
Stuttgart/Rottweil. Das Verkehrsministerium hat die Reaktivierungsvorhaben im Land in zwei Gruppen eingeteilt. In „Tranche 1“ stehen die Projekte, die das Land weiter vorantreibt, in „Tranche 2“ („Weiterer Bedarf“) alle übrigen. Zu Letzteren zählt laut der veröffentlichten Tabelle auch die Strecke Balingen–Rottweil. Die Projekte dieser Gruppe werden zunächst zurückgestellt, das Land kann sie derzeit nicht unterstützen.
„Das muss keine Absage für immer sein“, sagt Razavi. Nach fünf Jahren würden die Vorhaben erneut bewertet, ebenso mögliche neue Initiativen – stets mit Blick auf die finanziellen Möglichkeiten des Landes.
Finanzlage als Begründung
Die Ministerin begründet den Kurs mit der Lage im Schienenpersonennahverkehr (SPNV). Nach ihrer Darstellung reichen die Regionalisierungsmittel des Bundes nicht mehr aus. Hinzu kämen höhere Trassenpreise („Schienenmaut“) infolge eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs. Dem Land fehle dadurch künftig jährlich ein dreistelliger Millionenbetrag, sofern sich die Situation nicht verbessere. Selbst der Bestand des heutigen Zugangebots sei aktuell gefährdet – in Baden-Württemberg wie in allen anderen Bundesländern. Deshalb müsse das Land auch bei Reaktivierungen klar priorisieren.
Was die Projekte in Tranche 1 bekommen
Zur Tranche 1 gehören Projekte, die schon im Bau sind oder für die das Land die spätere Übernahme der Betriebskosten formal zugesagt hat. Dazu kommen Vorhaben mit „verfestigtem Umsetzungsstatus“: Dort wurde die Planung aufgrund früherer Zusagen des Landes begonnen, oder die kommunalen Partner haben bereits Planungsmittel ausgegeben. Für diese Projekte sieht das Konzept vor:
- Das Land finanziert die Hälfte der Planungskosten vor.
- Fördert der Bund ein Projekt später nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG), sichert das Land auch in der Umsetzung die Kofinanzierung zu.
- Die öffentlichen Kosten für den späteren Zugbetrieb übernimmt das Land nach der Fertigstellung „im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten“.
- Die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW) begleitet die Vorhaben weiterhin fachlich.

Balingen–Rottweil: Das Votum von 2023
Für die Strecke Balingen–Rottweil hatte der Kreistag Rottweil im November 2023 mit 33 zu 10 Stimmen gegen eine Reaktivierung votiert, der Zollernalbkreis hatte sie mit großer Mehrheit befürwortet, wie NRWZ.de damals berichtete. Warum die Strecke nun in Tranche 2 eingeordnet wurde, geht aus der Mitteilung des Ministeriums im Einzelnen nicht hervor.
Die Strecke war rund 29 Kilometer lang. Der Abschnitt Balingen–Schömberg ging 1911 in Betrieb, die Verlängerung bis Rottweil folgte am 26. Oktober 1928. Am 26. September 1971 wurde der Personenverkehr eingestellt, zwischen Schömberg und Rottweil sind die Gleise abgebaut. Auf dem Abschnitt Balingen–Schömberg ist die Strecke bis heute in Betrieb: Güterzüge fahren nach Dotternhausen, im Sommerhalbjahr verkehrt an Sonn- und Feiertagen ein Rad-Wander-Shuttle.
Ein wesentlicher Punkt im Kreistag waren die Kosten. Die Machbarkeitsstudie der DB Engineering & Consulting rechnete für den Neubau der Trasse zwischen Schömberg und Rottweil mit rund 300 Millionen Euro. Auf den Landkreis Rottweil wären nach damaliger Darstellung etwa 30 Millionen Euro zugekommen. Die Studie bescheinigte der sogenannten Nordvariante allerdings einen volkswirtschaftlichen Nutzen, der die Kosten übersteigt, und ging von rund 3.000 Fahrgästen täglich aus. Die Studie untersuchte auch die Teilstrecke Balingen–Schömberg allein: Nach ihren Angaben würde sie rund 48 Millionen Euro kosten und täglich etwa 700 Fahrgäste anziehen, einen volkswirtschaftlichen Nutzenüberschuss gebe es dort nicht. Zwischen Schömberg und Rottweil ist die alte Trasse teilweise überbaut. Die Studie empfiehlt, die Trasse freizuhalten.
Auch das Land selbst hatte der Strecke Potenzial attestiert: In seiner landesweiten Potenzialuntersuchung von 2020 zählte Balingen–Rottweil zu zehn Strecken, für die 750 bis 1.500 Fahrgäste pro Schultag erwartet wurden. Das neue Konzept baut nach Angaben des Ministeriums auf dieser Untersuchung und den danach geförderten Machbarkeitsuntersuchungen auf.
Busverbindung soll im Dezember starten
Unabhängig davon soll im Dezember 2026 eine neue Regiobuslinie Balingen und Rottweil im Stundentakt verbinden. Die Kosten tragen die Landkreise Rottweil und Zollernalb. Die Linie führt über Schömberg und Wellendingen.
Die Strecken im Überblick
In der weiteren Region steht unter anderem die Talgangbahn zwischen Ebingen und Onstmettingen im Zollernalbkreis in Tranche 1. Die Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt ist laut Ministerium seit Januar 2026 in Betrieb. Die Einteilung im Einzelnen:
Tranche 1 („Prioritäre Projekte“)
- Calw – Weil der Stadt (Hermann-Hesse-Bahn, seit Januar 2026 in Betrieb)
- Bernhausen – Neuhausen (Verlängerung der S2 auf der Filderbahn, im Bau)
- Lauchringen – Weizen (Untere Wutachtalbahn, im Bau)
- Ebingen – Onstmettingen (Talgangbahn)
- Lauffen – Zaberfeld (Zabergäubahn)
- Waldenburg – Künzelsau (Kochertalbahn)
- Reutlingen – Engstingen (Echaztalbahn)
- Reutlingen – Nehren (Gomaringer Spange)
- Ludwigsburg – Markgröningen (Markgröninger Bahn)
- Stockach – Meßkirch (Ablachtalbahn, erste Etappe)
- Haltingen – Kandern (Kandertalbahn)
- Neckarbischofsheim Nord – Bad Rappenau (Krebsbachtalbahn)
Tranche 2 („Weiterer Bedarf“)
- Breisach – Colmar
- Heilbronn – Marbach (Bottwartalbahn)
- Kirchheim – Weilheim (Kleine Teckbahn)
- Meßkirch – Mengen (Ablachtalbahn, zweite Etappe)
- Göppingen – Bad Boll (Bollerbahn)
- Maulbronn West – Stadt
- Singen – Ramsen (Etzwiler Bahn)
- Balingen – Rottweil
- Leutkirch – Isny
- Eyach – Hechingen (Eyachtalbahn)
- Gammertingen – Engstingen und Engstingen – Münsingen (Schwäbische Albbahn)
