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Zum Abschied ein letztes Foto

In Irslingen sind Glasnegative eines Schreiners aufgetaucht, teils aus den 1920er-Jahren. Sie zeigen, wie Familien damals von ihren Toten Abschied nahmen.

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Lesezeit 6 Min.
Amateurfotos wie dieses geben Einblicke in das Leben in Irslingen vor rund 100 Jahren. Repro: al

Der November ist traditionell eine Zeit des Andenkens an Verstorbene. Wie sehr sich der Umgang mit Tod und Trauer verändert hat, verdeutlichen teils über hundert Jahre alte Fotografien, die in Irslingen aufgetaucht sind. Die NRWZ beleuchtet sie in zwei Beiträgen. Teil eins widmet sich Aufnahmen aufgebahrter Verstorbener und der damaligen Abschiedskultur.

Dieser Anblick ist vielen fremd: Ein Mensch liegt wie schlafend hingebettet. Aber ein mit den gefalteten Händen umschlossener Rosenkranz und ein Kruzifix machen deutlich:  Die Aufnahme hält einen Abschied fest – und bewahrt zugleich ein Bild des Menschen, der gestorben ist.

Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es üblich, Verstorbene im häuslichen Umfeld aufzubahren. Besonders im ländlichen Raum gehörte diese Sitte zur Trauerkultur. Angehörige, Nachbarn und Freunde wechselten sich ab, um am Sterbebett oder am offenen Sarg zu wachen.

In dieser Zeit stand das Haus offen, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen und zu beten. In der Regel am dritten Tag wurde der Leichnam dann direkt zum Friedhof getragen und beigesetzt.

Fotografien, die jüngst in Irslingen zutage getreten sind, zeigen solche aufgebahrten Verstorbenen. Angefertigt hat die Aufnahmen, die sich teils auf die 1920er-Jahre datieren lassen, Thimotheus Mauch.

Glasnegative boten eine hohe Abbildungsqualität, waren aber auch sehr empfindlich. Foto: al
Glasnegative boten eine hohe Abbildungsqualität, waren aber auch sehr empfindlich. Foto: al

Thimotheus Mauch war Inhaber einer Schreinerei – und so wohlhabend, dass er sich dem damals noch recht kostspieligen Hobby der Amateurfotografie widmen konnte. Hinterlassen hat er mehrere Dutzend Glasnegative mit Aufnahmen von Menschen und Szenen aus Irslingen.

Erhalten geblieben ist darüber hinaus technisches Zubehör wie Schachteln der Bildträger, aber auch Schalen, Zangen und Chemikalien. Thimotheus Mauch war also nicht nur am Fotografieren im engeren Sinne, sondern am ganzen Prozess bis zur Entwicklung der Negative interessiert. Er unterhielt möglicherweise ein regelrechtes kleines Labor mit Dunkelkammer.

Damit steht er für eine Generation Fotobegeisterter, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von technischen Fortschritten profitierten, die Fotografie auch für ambitionierte Amateure handhabbar machten.

Entscheidend war, dass in den 1870er-Jahren industriell gefertigte Gelatine-Trockenplatten als Bildträger aufkamen. Sie lösten das nasse Kollodiumverfahren ab, bei dem Fotografen Bildträger – meist Glasplatten – unmittelbar vor der Aufnahme präparieren und noch feucht entwickeln. Außerhalb des Ateliers benötigten sie deshalb eine transportable Dunkelkammer.

Gelatine-Trockenplatten hingegen konnten fertig beschichtet gekauft, aufbewahrt und erst später belichtet und entwickelt werden. Im Nachlass von Thimotheus Mauch finden sich noch zahlreiche Gelatine-Trockenplatten sowie Zubehör.

Auch Zubehör wie Schachteln für Glasnegative sind erhalten. Foto: al
Auch Zubehör wie Schachteln für Glasnegative sind erhalten. Foto: al

Sein Hobby ließ Mauch offenbar in die Rolle eines Fotografen für die Dorfgemeinschaft hineinwachsen. Möglicherweise in diesem Zusammenhang entstand ein halbes Dutzend Aufnahmen aufgebahrter Verstorbener.

Die als Postmortem- oder auch Toten-Fotografie bezeichnete Bildgattung hatte besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert Konjunktur. Mauch kannte offenbar den Bildtypus. Jedenfalls näherte er sich den Verstorbenen erkennbar respektvoll. Er wählte günstige Blickwinkel, wahrte eine gewisse Distanz und fotografierte knapp über Augenhöhe, was den Aufnahmen eine pietätvolle, würdige Anmutung verleiht.

Zum Gesamteindruck trägt neben dem Taktgefühl des Fotografen vor allem bei, wie die Verstorbenen hergerichtet und aufgebahrt wurden. Gekleidet wie zum sonntäglichen Kirchgang, sorgsam gebettet – vielfach wird Taktgefühl und Achtung vor der verstorbenen Person deutlich. Zudem rücken Rosenkranz und Kreuz den Tod in einen größeren Horizont von Glauben und Erlösungshoffnung.

Mit respektvollem Abstand machte Thimotheus Mauch diese Aufnahme eines Verstorbenen. Repro: al
Mit respektvollem Abstand machte Thimotheus Mauch diese Aufnahme eines Verstorbenen. Repro: al

Besonders bemerkenswert sind zwei Aufnahmen verstorbener Kinder. Ein kleines Mädchen hat Thimotheus Mauch mit größerem Abstand abgelichtet: Er zeigt das ganze Sterbebett, welches von Blumen so überhäuft ist, dass man das Kind fast suchen muss.

Die zweite Aufnahme entstand mit größerer Nähe. Das ebenfalls sehr junge Mädchen trägt ein erkennbar aufwändig gearbeitetes Kleid mit spitzenähnlichem Kragen. Das Antlitz ist leicht zum Betrachter gewandt, die Stirn schmückt ein Blumenkränzchen.

Viele Details sprechen von liebevoller Zärtlichkeit für diesen kleinen Menschen, der so früh gehen musste. Das Kreuz ist so nah herangerückt, dass es die Stirn des Mädchens beinahe berührt – als sollte ein besonderer Schutz herangeführt werden.

Oft wird behauptet, der Tod eines Kindes sei Menschen früher weniger nahe gegangen, da er angesichts hoher Kindersterblichkeit Teil des Alltags gewesen sei. Mittlerweile weiß man aus breiter Forschung, dass dies Schmerz und Trauer nicht schmälerte.

Ob von diesen Kindern auch zu Lebzeiten Fotografien entstanden, ist nicht bekannt. Die erhaltenen Aufnahmen bewahren ihr Bild über den Tod hinaus. Sie dokumentieren, wie Familien in Irslingen Abschied nahmen – und welche Bedeutung einer Fotografie dabei zukommen konnte.

Kulturwissenschaftliche Forschung hat gezeigt: Von vielen Kindern war das Foto auf dem Totenbett zugleich die erste und die letzte Aufnahme.

Info: Im zweiten Teil, der am 8. November erscheint, schauen wir auf Aufnahmen von Thimotheus Mauch, die Menschen mitten im Leben zeigen.

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