Aushang im Amtsgericht Oberndorf. Foto: him

OBERNDORF –  „Auf einer Ska­la von eins bis zehn, und eins nicht so schlimm und zehn sehr schlimm“, so ein Kri­po­be­am­ter, „wäre das Video elf.“ Vor dem Amts­ge­richt Obern­dorf hat sich jetzt ein Mitt­fünf­zi­ger aus Schiltach wegen Besit­zes und Ver­brei­tens von Kin­der­por­no­gra­fie ver­ant­wor­ten müs­sen. Neben etwa 5000 Bil­dern fan­den Kri­po­be­am­te auch etli­che Vide­os. Dar­un­ter einen Film, auf dem ein Säug­ling bes­tia­lisch gequält wur­de. Die Stra­fe: ein Jahr, drei Mona­te Haft, für drei Jah­re zur Bewäh­rung aus­ge­setzt.

Der Obern­dor­fer Amts­ge­richts­di­rek­tor Wolf­gang Heu­er hat ver­sucht, aus dem gestän­di­gen Ange­klag­ten her­aus­zu­be­kom­men, wes­halb er die­se Bil­der und Fil­me auf sei­nen PC run­ter­ge­la­den und abge­spei­chert hat. „Es ist mir heu­te auch schlei­er­haft“, sagt er mit lei­ser Stim­me, „ich bin da in eine Sam­mel­wut rein­ge­lau­fen.“ Es fällt ihm schwer, sich zu erklä­ren, er ver­si­chert aber: „Ich bin nie auf die Idee gekom­men, ein Kind anzu­fas­sen.“

Ekelhafte Sachen

Die Bil­der habe er nur teil­wei­se ange­schaut, er habe sich auch nicht sexu­ell befrie­digt am PC. „Das waren ja rich­tig ekel­haf­te Sachen, teil­wei­se.“ Für Rich­ter Heu­er unver­ständ­lich, wes­halb er  „die­se Sachen“ dann run­ter gela­den hat. Offen­bar kamen sol­che Bil­der in Daten­pa­ke­ten, in denen auch „schö­ne Sachen“ dabei waren. Es sei wie ein Zwang für ihn gewe­sen, sol­che Bil­der her­un­ter­zu­la­den, sagt der Ange­klag­te.

Rich­ter Heu­er ver­liest eine Beschrei­bung des Vide­os, in dem ein zwölf bis 24 Mona­te altes Mäd­chen zu sehen  sei, das von einer mas­kier­ten Frau auf wider­wär­ti­ge Wei­se miss­braucht wird. „Danach war die­ses Kind kör­per­lich und see­lisch zer­stört“, ist Heu­er über­zeugt.  Der Ange­klag­te meint, er habe das Video nie ange­schaut. Er habe auch nicht gezielt „nach so was gesucht“. Der Film sei „abso­lut absto­ßend“.

Arbeitsüberlastung bei der Kripo

Als ers­ter Zeu­ge berich­tet ein Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar, dass das Lan­des­kri­mi­nal­amt dem  Schilta­cher auf die Schli­che gekom­men war, weil von sei­nem Rech­ner aus der Film  ange­bo­ten wur­de. Im Novem­ber 2016 gab es eine Haus­durch­su­chung und eine Beschlag­nah­me von Com­pu­ter und Fest­plat­ten. Im Febru­ar 2017 waren die Daten auf­be­rei­tet und gin­gen an die Kri­po in Freu­den­stadt.

Wegen vie­ler ande­rer Fäl­le, Com­pu­ter­pro­ble­men in Rott­weil und all­ge­mei­ner Arbeits­über­las­tung sei er erst gut ein Jahr spä­ter im Mai 2018 dazu gekom­men, die 12.000 Bil­der und Fil­me mit Kin­der- und Jugend­por­no­gra­fie „hän­disch“ aus­zu­wer­ten, so der Zeu­ge. Anschlie­ßend habe er den Schilta­cher als Beschul­dig­ten befragt. Die­ser habe zuge­ge­ben, die Datei­en auf sei­nem Com­pu­ter her­un­ter­ge­la­den und gespei­chert zu haben. „Das Video ist mit das Schlimms­te, was ich bis­her gese­hen habe.“  

Erst im Sep­tem­ber 2018 kam der Fall zur Staats­an­walt­schaft Rott­weil. Eine „rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung“ wird Rich­ter Heu­er das im Urteil nen­nen und zwei Mona­te der Stra­fe als ver­büßt abzie­hen. Ob seit der Beschlag­nah­me beim Ange­klag­ten noch etwas vor­ge­fal­len sei, will Heu­er vom Zeu­gen wis­sen: „Nein, abso­lut nichts.“

Akribische Suche nach Beweisen

Als zwei­ter Zeu­ge berich­tet der Kri­mi­nal­be­am­te, der die ers­te Aus­wer­tung vor­ge­nom­men hat, über die raf­fi­nier­ten Mög­lich­kei­ten, wie die Poli­zei Daten und Datei­en im Inter­net zurück­ver­fol­gen kann. Über bestimm­te Kenn­zah­len – „mathe­ma­ti­sche Fin­ger­ab­drü­cke“ –  kön­nen die Beam­ten über eine Daten­bank im Bun­des­kri­mi­nal­amt sehr schnell fest­stel­len, ob es sich um Kin­der­por­nos han­delt, ohne die Bil­der selbst anschau­en zu müs­sen. „Das Ergeb­nis hier: mehr als 12.800 erkann­te Kin­der­por­no­bil­der“, so der Zeu­ge. Dar­un­ter waren auch tau­sen­de gelösch­te Datei­en, die wie­der­her­ge­stellt wer­den konn­ten.

Auf Wunsch des Rich­ters hat­te der Kom­mis­sar sei­nen Lap­top mit dem Quäl­vi­deo dabei. Rich­ter, Staats­an­walt, Pflicht­ver­tei­di­ger, der psych­ia­tri­sche Gut­ach­ter Dr. Ralf Schul­te, die Zeu­gen und der Ange­klag­te begin­nen, den Film anzu­schau­en. „Wir müs­sen das machen, wir haben kei­ne ande­re Wahl“, so Heu­er. Für die Öffent­lich­keit sind nur die jäm­mer­li­chen Schreie des gequäl­ten Säug­lings zu hören.

Unerträgliche Bilder

Nach weni­gen Minu­ten wen­det sich der Ange­klag­te ab, schleicht zurück auf die Ankla­ge­bank, wäh­rend die ande­ren bis fast zum bit­te­ren Ende wei­ter schau­en. Der Ange­klag­te meint anschlie­ßend: „Schlimm, men­schen­ver­ach­tend, ich habe das gelöscht.“ Aller­dings, so die Beweis­la­ge, das Video wur­de mehr­fach von sei­nem Com­pu­ter wei­ter ver­brei­tet.

Heu­er ver­ord­net den Betei­lig­ten und sich  eine Unter­bre­chung. „Ich brau­che  Luft, um das zu ver­ar­bei­ten.“ Anschlie­ßend berich­tet er über die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se des Ange­klag­ten, die die­ser dem Gut­ach­ter Dr. Schul­te gegen­über gemacht hat­te.  Nach der Schu­le hand­werk­li­che Aus­bil­dung, Arbeit in ver­schie­de­nen Betrie­ben, Ehe­schei­dung, Tätig­keit in Ver­ei­nen, fes­te Bezie­hung. Eine Vor­stra­fe wegen Trun­ken­heit am Steu­er.

Gut­ach­ter Schul­te möch­te wis­sen, ob er sich um eine The­ra­pie bemüht hat. „Nein“, sagt der Ange­klag­te, „aber ich rech­ne damit, dass ich das machen muss.“ Er habe kei­ne Ahnung, wie eine sol­che The­ra­pie geht, und habe sich bis­her auch noch nicht kun­dig gemacht.

In sei­nem Gut­ach­ten stellt Schul­te fest, der Ange­klag­te lei­de nicht unter einer psy­chi­schen Erkran­kung, er sei auch nicht wirk­lich pädo­phil, es gebe aber Andeu­tun­gen, dass da etwas vor­lie­ge. „Ohne eine sol­che Nei­gung wäre eine sol­che Samm­lung nicht erklär­bar.“ Der Ange­klag­te sei voll zurech­nungs­fä­hig und müs­se drin­gend in eine The­ra­pie. Sei­ne Pro­gno­se sei gut, weil sozi­al inte­griert und weil er sich nichts mehr habe zuschul­den kom­men las­sen. Es gebe auch kei­ne Anzei­chen, dass er selbst eine Sexu­al­straf­tat bege­hen wer­de.

Die Plädoyers und das Urteil

Um das Ver­fah­ren zu ver­ein­fa­chen, schlug Heu­er dem Staats­an­walt vor, die Ankla­ge auf den einen Fall mit dem Video zu beschrän­ken. Das sei ein „so extre­mer Fall, das reicht“. Der Staats­an­walt schloss sich die­ser Ansicht an. Er zitier­te einen der Zeu­gen und sprach von „star­kem Tobak“ mit Blick auf die Bil­der und Vide­os.  Er hielt dem Schilta­cher vor, dass er nichts unter­nom­men habe in Sachen The­ra­pie und ihm wohl immer noch die Ein­sicht feh­le, für das, was er da getan habe. Er for­der­te in sei­nem Plä­doy­er ein Jahr und drei Mona­te Haft zur Bewäh­rung und als Auf­la­ge, dass der Ange­klag­te eine The­ra­pie machen muss.

Für den Pflicht­ver­tei­di­ger spra­chen für den Ange­klag­ten sein Geständ­nis und die Tat­sa­che, dass seit­her nichts mehr vor­ge­fal­len ist. Er bereue die Taten, habe aber bil­li­gend in Kauf genom­men, dass die­se Bil­der über sei­nen PC wei­ter ver­brei­tet wur­den. Er plä­dier­te auf zehn Mona­te zur Bewäh­rung und einer Pflicht zur The­ra­pie.

In sei­nem Urteil schloss sich Rich­ter Heu­er dem Staats­an­walt an, brumm­te dem Ange­klag­ten aber noch eine Geld­bu­ße in Höhe von 3600 Euro auf, die er in monat­li­chen Raten zu 300 Euro abzah­len muss. Außer­dem muss er min­des­tens ein Jahr lang min­des­tens zwei Mal im Monat in eine ambu­lan­te The­ra­pie.

Harakiri-Spiel hoch drei

Schar­fe Kri­tik übt Heu­er am Staat, der die Poli­zei per­so­nell nicht so aus­stat­te, dass ein sol­cher Fall schnell auf­ge­klärt wer­den kann. Seit Novem­ber 2016 habe die Poli­zei gewusst, da ist jemand, der wohl pädo­phil ist. Und jah­re­lang geschieht nichts. „Dann hängt es vom Zufall ab, was pas­siert. Das ist ein Hara­ki­ri-Spiel hoch drei“, zürnt Heu­er. „Wir kön­nen alle froh sein, dass der Ange­klag­te kein Kern-Pädo­phi­ler ist.“

Für das Ver­hal­ten des Ange­klag­ten sehe er eine mög­li­che Erklä­rung in der geschei­ter­ten Ehe. Heu­er macht klar, dass jeder Miss­brauch, der auf die­sen Bil­dern gezeigt wer­de, einen kaput­ten Men­schen zei­ge, des­sen Leben zer­stört sei. Dies müs­se dem Ange­klag­ten end­lich klar wer­den.

Sowohl die Staats­an­walt­schaft als auch der Ange­klag­te nah­men das Urteil an. Rich­ter Heu­er gab dem Schilta­cher noch mit auf den Weg: „Ich wün­sche Ihnen, dass Sie sich für die The­ra­pie öff­nen.“ Kri­mi­nal­be­am­te, Pro­zess­be­tei­lig­te und Beob­ach­ter blie­ben eini­ger­ma­ßen rat­los zurück: “Wie­so besitzt man so etwas?“