Es gibt eine Kunstform, die in Deutschland zur höchsten Blüte gereift ist: das Rendering. Jene computergemalte Zukunft, in der die Sonne immer scheint, die Bäume schon ausgewachsen sind und die Menschen aussehen, als hätten sie soeben eine erfüllende Frührente angetreten. Rottweil hat nun sein eigenes Meisterwerk vorgelegt – und weil der Friedrichsplatz seit diesem Sommer tatsächlich umgebaut wird, während wir noch andächtig die Grafiken betrachteten, sei uns bei der NRWZ ein kleiner Nachtrag gestattet.
Der Friedrichsplatz also. Historischer Handelsplatz, „bisher stark vom motorisierten Verkehr geprägt”, wie die Stadt einräumt, und künftig – ja, was eigentlich? Die Antwort liefert das Siegerbüro GREENBOX aus Köln in Bildern von betörender Menschenfreundlichkeit. Da flanieren Fußgänger. Da sprießen klimatolerante Stauden. Da sitzen, wie Sie richtig bemerkt haben, vier Senioren an einem Bistrotisch und nippen in vollkommener Seelenruhe an Getränken, deren Temperatur man förmlich spürt.
Was auf diesen Bildern fehlt, ist bemerkenswert: das Auto.
Nun könnte man meinen, der Platz werde autofrei. Ein schöner Gedanke. Nur steht im selben Text, in nüchternem Verwaltungsdeutsch, das Gegenteil: „Motorisierter Verkehr, Radfahrer und ÖPNV teilen sich eine zentrale Fahrspur.” Diese Fahrspur ist, man höre, 6,5 Meter breit – und zwar deshalb, weil sich hier zwei Busse im „Begegnungsverkehr” begegnen sollen, ohne sich gegenseitig die Außenspiegel abzurasieren. Es ist also keineswegs so, dass hier nichts fährt. Es fährt bloß auf keinem einzigen Bild.
Das ist die eigentliche Meisterleistung: Ein Verkehrsraum wird geplant, benannt, in Metern vermessen – und dann sorgfältig aus der eigenen Werbung herausretuschiert. Der Bus darf in der Bildunterschrift stehen, aber nicht im Bild auftauchen. Der Lieferwagen, der morgens die „Außengastronomie” und den „Einzelhandel” beliefert, für die man so schöne „Logen” ersonnen hat, existiert ausschließlich in der Fantasie der Anlieferer.
Und dann ist da noch das Tempo. Erlaubt sein sollen 20 km/h – eine „verkehrsberuhigte Zone”. Zwanzig Stundenkilometer, das klingt nach Schrittgeschwindigkeit plus Trinkgeld, nach einem Bus, der eher rollt als fährt. Auf dem Hero-Bild jedenfalls verläuft die Fahrrinne, kaum als solche erkennbar, in geschätzt einem halben Meter Abstand vom besagten Bistrotisch. Vier Senioren, vier Latte macchiato, daneben ein 13-Tonner im Anrollen – aber alles gepflastert und „durch offene Rinnen eingefasst”, was der Szene die letzte Schärfe nimmt. Wer würde sich vor einem Bus fürchten, der so geschmackvoll gelenkt wird?
Man will ja nicht ungerecht sein. Die Idee hinter dem Umbau ist gut. Mehr Grün, weniger Blech, Retentionsflächen fürs Regenwasser, zwölf erhaltene Bäume, sieben neue, barrierearme Wege ohne Stufen – das ist ernst gemeinte, kluge Stadtplanung, und der Platz war als Busbahnhof-Vorhof gewiss kein Postkartenmotiv. Der zentrale Umsteigepunkt zieht an den Nägelesgraben, und das schafft echten Raum. Gegen all das ist nichts zu sagen.
Zu sagen ist etwas gegen die Bilder. Denn Renderings sind keine Prognose, sie sind ein Versprechen. Und dieses Versprechen lautet: Ihr bekommt einen Platz, auf dem nichts fährt, was euch stören könnte. Die Wahrheit lautet: Ihr bekommt einen Platz, auf dem etwas fährt, das man euch nur nicht zeigen wollte. Zwischen beidem liegen 6,5 Meter Fahrbahn und ein gerüttelt Maß an gestalterischem Optimismus.
Die Verwaltung formuliert es, zugegeben, ehrlicher als die beteiligten Grafiker. Bürgermeisterin Ines Gaehn spricht davon, die Aufenthaltsqualität steige, „ohne den Verkehr ganz abzuschaffen”. Ein bemerkenswert präziser Satz. Er müsste eigentlich unter jedes der schönen Bilder gedruckt werden, in Fettdruck, dort, wo jetzt die Senioren sitzen.
Bleibt die Frage, wie es 2028 aussieht, wenn zur Landesgartenschau die Realität einzieht. Vermutlich wird es ein hübscher Platz. Vermutlich werden Menschen dort sitzen und es genießen. Und vermutlich wird auch ein Bus vorbeirollen, mit Tempo 20, und niemand wird ihn für eine Sensation halten – weil er einfach dazugehört. Nur auf den Bildern, da wird er weiterhin fehlen. Für immer jung, für immer leer, für immer zwei Busse im ewigen, geräuschlosen Begegnungsverkehr.
Wir freuen uns drauf. Ehrlich. Und beim nächsten Rendering schauen wir genauer hin. Versprochen.
