Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und dem Landkreis, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen. Ein Waschhaus, das zum Backhaus wurde und in dessen Wänden der Brotduft bis heute hängt. Eine Grotte, die bis heute genau das tut, wofür sie einmal angelegt wurde. Zwei Pfeiler, die gelogen und sich dann korrigiert haben. Ein Meilenstein, der keiner ist – und trotzdem die Wahrheit sagt.
Diese Folge ist anders als alle vorigen. Sie handelt weder von Jahrhunderten noch von Rechtsprechung, Grenze oder Kult. Sie handelt von einem einzigen Menschen, der 1942 geboren wurde, 35 Jahre lang Elektromeister war, Jahrzehnte lang ein Revier am Neckar gehütet hat – und der hier, unterhalb der Ruine Neckarburg, ankommen wollte. Der es nicht mehr geschafft hat.



Am Umlaufberg unterhalb der Ruine Neckarburg steht seit 1997 eine Linde. Daneben ein Gedenkstein, daneben eine Bank mit einer Tafel. Drei Zeilen: Elektromeister bei der Stadt Schramberg. Gräflich von Bissingenscher Jagdaufseher. Naturschutzwart. Wer hier vorbeikommt, liest sie – oder liest sie nicht. Wer innehält, erfährt wenig. Wer fragt, erfährt mehr. Die NRWZ hat gefragt.
Im neunten Teil dieser Serie lassen wir die Linde unterhalb der Ruine Neckarburg sprechen. Und sie sagt:
Ich bin jung. Das merkt man mir noch an, wenn man genau hinschaut – obwohl ich inzwischen groß genug bin, um Schatten zu werfen, breit genug, um den Stein neben mir fast zu verbergen, und fest genug verwurzelt, dass man vergessen könnte, wann ich gepflanzt wurde. 1997. Das steht auf dem Stein. Beckmanns Linde, 1997.
Ich bin für einen Menschen gepflanzt worden. Das ist kein Denkmal für eine Idee, keine Markierung eines historischen Ereignisses, kein Zeuge von Recht oder Macht oder Religion. Ich bin ein Baum für Siegfried Beckmann, der 1942 geboren wurde und 1997 starb. 54 Jahre. Zu wenig.
Die Stelle, an der ich stehe, hätte er gekannt. Unterhalb der Ruine Neckarburg, am Umlaufberg, wo der Neckar eine enge Schleife zieht und die Hänge steil werden und der Wald sich dicht über den Weg schiebt. Beckmann war Jagdaufseher des Reviers Neckarburg – kein Amt, das man von einem Schreibtisch aus ausübt. Er kannte diesen Hang, diesen Wald, dieses Licht zu jeder Jahreszeit. Er wusste, wo das Wild wechselt, wo die Grenze zwischen erlaubt und verboten verläuft, wo man still sein und wo man eingreifen muss. Er war ein enger Vertrauter des Grafen von Bissingen, dessen Güterverwaltung das Revier betreibt. Das Vertrauen eines Grafen in einen Jagdaufseher ist kein formales Verhältnis – es ist das Ergebnis von Jahren, in denen man bewiesen hat, dass man die Natur versteht und mit ihr umgehen kann.
Er war auch Naturschutzwart. Und Elektromeister im Bauhof der Stadt Schramberg – 35 Jahre lang. Das ist eine lange Zeit, um zuverlässig, engagiert und geschätzt zu sein.
Elektriker und Jagdaufseher und Naturschutzwart. Drei Rollen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben – Strom, Wild, Natur. Auf den zweiten Blick sind sie ein Porträt: ein Mann, der mit seinen Händen arbeitete, der Verantwortung trug, der sowohl die technische Infrastruktur einer Stadt als auch die natürliche Infrastruktur eines Waldes im Blick hatte. Jemand, der wusste, wie Dinge funktionieren. Wie man sie am Laufen hält.
Und noch etwas: Beckmann hatte das alte Bahnwärterhaus auf der Neckarburg von der Güterverwaltung als Wochenenddomizil gemietet. Er wollte dort seinen Ruhestand verbringen. Er hatte einen Ort gefunden, an dem er ankommen wollte – nach 35 Jahren Bauhof, nach Jahrzehnten im Revier, nach einem Leben voller Arbeit. Dieser Ort war hier. Dieser Hang. Dieser Wald.
Er ist nie angekommen.
Am 21. Oktober 1997 arbeiteten Beckmann und ein Kollege in der Berneckstraße in Schramberg, acht Meter hoch in der Arbeitskanzel eines Hubsteigers, an Leitungen, die von Haus zu Haus über die Straße gespannt waren. Ein Lastwagen fuhr zu nah ein und berührte das Gelenk des Steigers. Das Gerät geriet ins Schwanken. Die beiden Männer wurden herausgeschleudert. Mehr braucht es nicht zu sagen. Zwei Rettungshubschrauber kamen, einer aus Stuttgart, einer aus Basel – die regulären Hubschrauber konnten wegen Nebels nicht starten. Man flog die Männer in Spezialkliniken. Beckmann überlebte den Sturz nicht.
Der Tod kam nicht aus seiner Welt – nicht aus dem Wald, nicht aus dem Wild, nicht aus den Leitungen, die er kannte wie seine eigene Hand. Er kam von einem fremden Lkw in einer engen Straße an einem Oktobermorgen. Das ist das Grausamste daran.
Die Güterverwaltung Graf von Bissingen hat den Stein gesetzt und mich gepflanzt. Sie hat zur Einweihung des Beckmann-Platzes ein Fest ausgerichtet – eine Geste, die über das Formale weit hinausgeht. Man lädt nicht zu einem Fest ein, wenn man nur eine Pflicht erfüllen will. Die Stadt Schramberg hat die Bank gestiftet, auf der heute Wanderer sitzen, die oft nicht wissen, an wen sie erinnert.
Die Bank trägt eine Tafel, auf der seine drei Rollen aufgeführt sind: Elektromeister, Jagdaufseher und Naturschutzwart. Mehr steht nicht darauf. Das ist nicht viel. Wer einen Menschen in drei Wörtern fassen will, braucht die richtigen Worte – und welche sind schon dauerhaft die richtigen?
Ich werde größer. Das ist das Merkwürdige an Gedenkbäumen: Sie wachsen weiter, während die Erinnerung an denjenigen, für den sie gepflanzt wurden, mit jedem Jahr schwächer wird in den Köpfen derer, die ihn nicht kannten.
Aber zwei Enkeltöchter kommen jedes Jahr. Sie setzen sich auf die Bank, sie schauen auf den Stein, sie schauen auf mich. Eine von ihnen hat inzwischen den Jagdschein gemacht. Das hätte ihn gefreut, heißt es. Das hätte ihn stolz gemacht.
Ich glaube, das stimmt. Ein Mann, der Jahrzehnte lang ein Revier gehütet hat, der den Wald kannte wie seine eigene Hand, der wissen wollte, wie Dinge funktionieren – der hätte gewusst, was es bedeutet, wenn eine Enkeltochter denselben Weg geht. Nicht, weil man es ihr gesagt hätte. Sondern weil sie es wollte.
Irgendwann wird niemand mehr da sein, der Siegfried Beckmann persönlich kannte. Dann bin ich das Einzige, was von ihm übrig ist hier an diesem Hang – ich und der Stein und die Bank und die drei Worte.
Und vielleicht eine junge Frau mit Jagdschein, die einmal im Jahr kommt und eine Weile bleibt. Das ist nicht wenig.
Siegfried Beckmann, geboren 1942, starb am 21. Oktober 1997 an den Folgen eines Arbeitsunfalls in Schramberg. Er war 35 Jahre Elektromeister im Bauhof der Stadt Schramberg, gräflich von Bissingenscher Jagdaufseher des Reviers Neckarburg und Naturschutzwart. Die Güterverwaltung Graf von Bissingen setzte zu seinem Gedenken den Stein und pflanzte die Linde; die Stadt Schramberg stiftete die Bank. Der Ort liegt am Umlaufberg unterhalb der Ruine Neckarburg im Landkreis Rottweil.
Die NRWZ dankt Leonie Bissingen von der Güterverwaltung Graf von Bissingen herzlich für ihre Auskunft. Ebenso Hannes Herrmann, Pressereferent der Stadt Schramberg und Referent der Oberbürgermeisterin, sowie Tobias Hermann, Medienreferent der Stadt Rottweil, für die Unterstützung bei der Recherche.
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