Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Inschrift kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle, die einen Namen trägt, den sie historisch nicht verdient – und eine andere, die ihn verdient hätte. Und nun ein Häuschen an der Altstädter Straße, das die meisten kennen, ohne zu wissen, was es einmal war.
Seit einigen Wochen erzählen in der NRWZ Orte aus Rottweil ihre eigene Geschichte – in der Ich-Perspektive, in einem Ton, der zwischen Essay und Erinnerung liegt. Keine Stadtführung, kein Lexikonartikel. Es handelt sich um den Versuch, historischen Orten eine Stimme zu verleihen: ihre Beobachtungen, Erfahrungen und bleibenden Eindrücke zu vermitteln.
Im vierten Teil dieser Serie erzählt das Zollhäusle
Ich bin klein. Das war immer so, und es war Absicht.
Man braucht kein gewaltiges Haus, um Macht auszuüben. Man braucht nur die richtige Lage. Und die hatte ich: an der Grenzstraße zur Reichsabtei Rottenmünster, genau dort, wo die Freie Reichsstadt Rottweil aufhörte. Wer in die Stadt wollte, musste an mir vorbei. Wer hinaus wollte, ebenfalls. Ich stand im Weg – und das war mein Beruf.
Dabei war ich nicht der Anfang. Das Recht, Zoll zu erheben, besaß die Stadt seit 1355. Vier Jahrhunderte lang hatte das Zollamt seinen Sitz im Städtischen Kaufhaus, und an den Grenzen des Reichsstadtgebietes gab es Stationen – Punkte, an denen die Grenze real wurde, greifbar, kostenpflichtig. Ich bin der letzte dieser Punkte, der noch steht. Noch vor 1800 haben sie mich gebaut, als das System, das mich notwendig machte, bereits ins Wanken geraten war.
Grenzen brauchen Häuser. Das ist eine alte Wahrheit.
Nicht, weil die Grenze selbst schwach wäre. Sondern weil sie Einnahmen bringen sollte. Steuern. Wegegeld. Abgaben auf alles, was in die Stadt wollte. Der Zöllner saß in mir und kannte die Tarife auswendig. Er schaute den Leuten in die Augen und entschied, ob er ihnen glaubte. Manchmal glaubte er ihnen nicht. Manchmal zu Recht.
An Markttagen war die Straße vor mir kein Weg, sondern ein Knoten. Räder im Schlamm, Stimmen, die durcheinander riefen, der Atem der Tiere in weißen Wolken. Tuch aus dem Umland, Getreide von den Feldern der Abtei, Vieh auf dem Weg zum Markt – all das drängte an mir vorbei und musste erfasst, bewertet, besteuert werden. Im Winter knirschten die Achsen im Frost. Im Sommer roch es nach nassem Fell und Staub. Ich kannte alle Jahreszeiten der Armut und des kleinen Wohlstands.
Lange dachte ich, man könne nur Ware verzollen. Später begriff ich: Man misst nicht nur Stoff und Getreide. Man misst auch, wer dazugehört. Wer draußen bleibt. Was einer wert ist. Der Zöllner mit seinem Federkiel entschied darüber mit jedem Strich, den er setzte.
1802 fiel die Reichsstadt. Das Reich selbst fiel ein paar Jahre später. Die Grenze, die mich notwendig gemacht hatte, existierte nicht mehr.
Aber ich stand noch – und man wusste nicht recht, wozu.




Irgendwann haben sie mich versetzt. Auf die Breite, heißt es. Man nahm mich von meinem Ort, trug mich anderswohin, stellte mich neu auf. Für ein Haus ist das eine seltsame Erfahrung. Der Boden unter mir war plötzlich ein anderer. Die Himmelsrichtungen stimmten nicht mehr. Ich war noch ich – aber nicht mehr dort, wo ich gewesen war. Eine Grenze, die es nicht mehr gab, bewacht von einem Haus, das nicht länger an der Grenze stand.
Jugendgruppen nutzten mich danach. Der Schwäbische Albverein. Menschen, die einen Versammlungsort suchten, kein Zollhaus. Ich war Zweck geworden, nicht mehr Symbol. Vielleicht war das die ehrlichste Zeit meines Lebens.
1954 drohte man mir mit dem Abbruch.
Ich weiß nicht, wer es verhindert hat. Irgendjemand muss gesagt haben: „Nein, nicht dieses.“ Irgendjemand muss den Wert gesehen haben – nicht den wirtschaftlichen, den es nicht mehr gab, sondern den anderen, den schwerer zu benennenden. Dass etwas, das so lange steht, das Recht hat, weiter zu stehen.
Die zweite Sanierung dauerte bis 1990. Sie haben mich gerichtet, gefestigt, erhalten. Das 20. Jahrhundert, das so vieles zerstört hatte – Grenzen, Reiche, Menschen, Städte –, hat mich am Ende doch behalten.
Die Linde am Pürschgericht hat Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts überschattet. Der Stuhl an der Königstraße trägt den Reichsadler und eine Inschrift, die kaum noch zu lesen ist. Die Kapelle gegenüber erinnert an Krieg und Zerstörung. Und ich?
Ich erinnere daran, dass Macht sich auch in kleinen Dingen zeigt. Die Linde verlor ihre Krone, der Stuhl bekam eine Straße, die lauter ist als jeder Hofrichter. Ich wurde versetzt, fast abgebrochen, zweimal saniert.
In den Prospekten bin ich ein Punkt zwischen Turm und Rathaus, ein kleiner Satz unter einem noch kleineren Foto. Kleindenkmal, heißt es. Ich finde das ein wenig komisch. Als ob die Größe eines Hauses etwas darüber sagte, was es einmal war.
Früher musste man an mir vorbei. Heute kann man es.
Vielleicht macht mich das endlich frei.
Das Zollhäusle an der Altstädter Straße entstand noch vor 1800 als Zollstation an der Grenze der Freien Reichsstadt Rottweil zur Reichsabtei Rottenmünster. Das Zollrecht der Stadt datiert bis 1355. Das Gebäude wurde später versetzt, 1954 drohte sein Abbruch; die zweite Sanierung erfolgte bis 1990.
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