Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und dem Landkreis, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen. Ein Waschhaus, das zum Backhaus wurde und in dessen Wänden der Brotduft bis heute hängt. Eine Grotte, die bis heute genau das tut, wofür sie einmal angelegt wurde. Zwei Pfeiler, die gelogen haben – und sich dann korrigiert haben, mit dem ausdrücklichen Hinweis, sie hätten auch behaupten können, römische Wachtürme zu sein.
Nun kommt tatsächlich etwas Römisches. Oder zumindest: etwas, das von Römern handelt. Ein Stein oberhalb von Seedorf auf Dunninger Gemarkung, der aussieht wie ein antiker Meilenstein – und keiner ist. Der aber auf etwas zeigt, das echter nicht sein könnte: die römische Fernstraße von Straßburg nach Rottweil, fast 2.000 Jahre alt, noch heute in den Feldwegen der Hochfläche ablesbar.
Im achten Teil dieser Serie erzählt eine Säule von alten Zeiten. Und sie sagt:
Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet. Aber was ich zeige, ist wahr.
Die Pfeiler am Wasserturm haben in der letzten Folge dieser Serie unter anderem gescherzt, sie hätten dem Reporter auch erzählen können, sie seien römische Wachtürme gewesen. Zur Sicherung der alten Heerstraße zum Neckar hinab. Hätte er geglaubt, sagten sie. Diese Leute glauben alles, was nach Geschichte klingt.
Nun gut. Jetzt kommt tatsächlich etwas Römisches. Oder zumindest: etwas, das von Römern handelt. Wobei auch das eine Einschränkung braucht, die ich gleich zu Beginn ausspreche – bevor irgendjemand auf falsche Gedanken kommt. Ich bin kein antiker Fund. Ich bin kein Meilenstein, den die Römer selbst gesetzt haben. Ich bin aus dem Jahr 1982. Das steht unten am Sockel, wer genau hinschaut. Roter Sandstein, modern gehauen, sorgfältig beschriftet – deutsch einerseits , Latein andererseits.
Ich sehe aus wie ein römischer Meilenstein. Ich bin keiner. Aber was ich zeige, ist wahr. Und das, finde ich, ist mehr als viele echte Dinge von sich behaupten können.
Ich stehe oberhalb von Seedorf, auf Dunninger Gemarkung, an der Grenze Richtung Waldmössingen, dort wo die Hochfläche weit wird und der Blick weit geht und der Wind immer weht. Unter mir – nicht wörtlich, aber fast – verläuft eine der bedeutendsten Straßen, die je durch diese Landschaft gezogen wurden.
Die Römer haben sie gebaut, um das Jahr 73 oder 74 nach Christus, unter Kaiser Vespasian, dem ersten der Flavier. Eine direkte Verbindung zwischen Argentoratum – dem, was wir heute Straßburg nennen – und Arae Flaviae, der einzigen römischen Stadt im heutigen Baden-Württemberg mit vollem Stadtrecht. Dem, was wir heute Rottweil nennen.
Bis dahin mussten Truppen den Umweg über den Rhein nehmen. Mit der neuen Straße war das vorbei. Schnurgerade, so weit es das Gelände erlaubte, über die Hochfläche, durch das Krumgtal, vorbei am Kastell Waldmössingen – wo etwa 500 Soldaten lagen, die den Verkehr überwachten, Truppen verlegten, die Versorgung sicherstellten. Drei Jahre soll der Bau gedauert haben. Für fast 80 Kilometer Straße durch unerschlossenes Gelände ist das eine Zahl, über die man nachdenken muss.
Was meine Inschrift sagt – deutsch und lateinisch, damit auch wirklich niemand behaupten kann, er habe es nicht verstanden:
Von Straßburg: 50 römische Meilen, etwa 80 Kilometer. Von Rottweil: 10 römische Meilen, etwa 16 Kilometer. Milia Passuum – Tausend Doppelschritte – so hat ein Römer eine Meile gemessen. Nicht abstrakt, sondern körperlich, Schritt für Schritt.
Ich stehe also ungefähr dort, wo ein römischer Soldat auf dem Marsch von Straßburg nach Rottweil das letzte Zehntel seiner Reise begonnen hätte. Neun Zehntel hinter sich, ein Zehntel vor sich. Der Moment, in dem man anfängt, das Ziel zu riechen.
Ich bin die 25. Trasse. So nennt die Forschung diesen Abschnitt – eine von vielen dokumentierten Trassen des römischen Fernstraßennetzes, das im zweiten Jahrhundert insgesamt etwa 80.000 Kilometer umspannte. Von Schottland bis Mesopotamien, von der Sahara bis zum Schwarzen Meer. Eine solche Infrastruktur hat Europa erst wieder im 20. Jahrhundert erreicht.
Dieser Abschnitt hier, zwischen Waldmössingen und Rottweil, gehört zu den Stellen, an denen sich der Verlauf noch besonders gut nachvollziehen lässt. Die Feldwege folgen teilweise noch der alten Trasse. Wer hier entlanggeht oder -fährt, bewegt sich auf einer Linie, die ein römischer Feldmesser vor fast 2.000 Jahren gezogen hat.
Das Kastell Waldmössingen war kein Selbstzweck. Es war Teil einer ganzen Kette militärischer Anlagen in Obergermanien – Posten, von denen aus die Römer die neue Provinz kontrollierten, absicherten, versorgten. Und Arae Flaviae, das heutige Rottweil, war der Knotenpunkt: Von dort führten Straßen weiter nach Augsburg, zum Neckarlimes, an den Bodensee, in Richtung Donau. Die Straße nach Straßburg war eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen Südwestdeutschlands.



Ich wurde 1982 hierher versetzt. Der Heimat- und Kulturverein Dunningen, die Gemeinde, das Landratsamt Rottweil – sie wollten etwas markieren, das unsichtbar ist. Eine Straße, die man nicht mehr sieht. Einen Weg, der unter Feldern und Feldwegen liegt, unter Jahrzehnten und Jahrhunderten und Jahrtausenden. Das ist meine Funktion. Nicht zu täuschen, sondern zu zeigen. Ich bin ein Zeigefinger aus Sandstein.
Manchmal kommen Leute vorbei, lesen meine Inschrift, fotografieren mich, gehen weiter. Manche denken einen Moment lang, ich sei echt – ein antiker Fund, versetzt und aufgestellt. Ich bin es nicht. Aber der Weg, auf dem sie dann weitergehen, ist es.
Die Linde hat Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet. Der Stuhl hat Recht gesprochen. Das Zollhaus hat Waren erfasst. Das Backhaus hat Brot gebacken. Die Grotte betet noch. Die Pfeiler haben gelogen – und sich dann korrigiert, mit dem ausdrücklichen Hinweis, sie hätten auch behaupten können, römische Wachtürme zu sein. Nun stehe ich hier und bin das Nächste in dieser Reihe: kein Römer, aber ein Zeuge des Römischen. Keine Täuschung, aber eine Nachbildung. Kein Original, aber ein Zeigefinger auf etwas Originales.
Vielleicht ist das das Merkwürdigste von allem: dass man manchmal einen Stein braucht, der 1982 gemeißelt wurde, um etwas sichtbar zu machen, das 74 nach Christus gebaut wurde. Dass das Neue manchmal das Alte erst wirklich ans Licht bringt.
Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet. Aber was ich zeige, ist wahr.
Der Erinnerungsstein oberhalb von Seedorf an der Gemarkungsgrenze Richtung Waldmössingen wurde 1982 aufgestellt und markiert den Verlauf der römischen Fernstraße von Argentoratum (Straßburg) nach Arae Flaviae (Rottweil). Die Trasse wurde um 73/74 n. Chr. unter Kaiser Vespasian angelegt. Der Stein befindet sich auf Dunninger Gemarkung, Ortsteil Seedorf, im Landkreis Rottweil.
📰 Mehr aus Dunningen
Unfall auf der B 462: Rückstau zwischen Rottweil und Dunningen
gestern
79 Absolventen an den Beruflichen Schulen Schramberg verabschiedet – 36 mit Preis oder Lob ausgezeichnet
vor 2 Tagen
Erfolgreiche Truppführerausbildung in Dunningen
vor 4 Tagen
