„Müssen uns überlegen, wie wir unseren Wohlstand verteidigen“

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Schramberg. In der vergangenen Woche war Schrambergs Ehrenbürger und langjährige Chef von Kern-Liebers, Dr. Hans-Jochem Steim, in Taicang in China. Auch dort besitzt er die seltene Ehre, Ehrenbürger zu sein. Die NRWZ hat sich mit Steim in Gut Berneck getroffen, das er derzeit sanieren lässt, und sich mit ihm zum Anlass der Reise, seinen Erlebnissen in China und seiner Einschätzung zu China unterhalten.

Dr. Hans-Jochem Steim mit Ehrenteller der kommunistischen Partei und der Stadtregierung von Taicang. Fotos: him

NRWZ: Herr Dr. Steim, Sie waren aus einem besonderen Anlass in Taicang, einem Jubiläum, erzählen Sie.

Dr. Hans-Jochem Steim: Ja, ich wurde eingeladen, zum dreißigjährigen Bestehen der chinesisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen von der Stadt Taicang, aber auch unserer Firma. Sie gilt als die erste deutsche Firma, die 100 Prozent in ausländischem Besitz ist und keinen Joint Venture mit einem chinesischen Unternehmen mehr gebildet hat, als sie gegründet wurde. Das heißt, wir waren die Vorreiter für 470 weitere deutsche Firmen, die Taicang als Standort genommen haben.

Eine enorme Zahl.

Taicang ist damit heute der Industrieplatz der Deutschen im Ausland, noch mehr als Sao Paulo, als VW so viele Firmen mit nach Brasilien gezogen hat und hat heute neben Peking und Shanghai eine eigene deutsche Außenhandelskammer.

Wie sind Sie denn auf Taicang gekommen? China war damals doch noch für deutsche Unternehmen ganz unbekanntes Terrain? 

Ich war 1985 und 1986 schon in China, dann gab es die Schwierigkeiten in China. Erst 1993 ging es wieder los, nachdem 1991 ein Gesetz veröffentlicht wurde, dass Firmen gegründet werden dürfen, die zu 100 Prozent in ausländischem Besitz sind. Diese Chance habe ich wahrgenommen.

Weshalb kamen Sie auf Taicang, eine hier relativ unbekannte Stadt?

Ich musste damals einen Ort finden in der Nähe eines Flughafens, der einen wieder schnell nach Europa oder zumindest nach Hongkong bringt. Da war Shanghai näher als Peking an Hongkong. Durch einen Zufall bin ich dann auf Taicang gekommen: Ein Kunde in Nanjing hat mich auf Taicang hingewiesen. Ein Glück für mich, aber auch für die Stadtregierung.

Sind Sie damals mit offenen Armen aufgenommen worden oder war das sehr schwierig? 

Nein, die Verständigung war natürlich schwierig. Das Übersetzen war noch ungewohnt, aber die Freundlichkeit und die Sehnsucht der Chinesen nach deutscher Industrie konnte man an den Augen ablesen. Ich war ein Held der ersten Stunde und mir wurden sehr viele Türen geöffnet, was sie später nicht mehr so leicht gemacht haben.

Sie haben vor vielen Jahren mit Kern-Liebers ja auch eine Berufsschule mit dem dualen System nach deutschem Vorbild nach Taicang gebracht. Gibt es die Schule noch?

Natürlich gibt es sie noch. Sie ist sogar dreimal so groß wie früher. Es gibt auch weitere Berufsschulen von deutschen Firmen. Es ist heute gang und gäbe, dass die Chinesen gut ausgebildet werden und dass sie auch von einer Firma zur anderen ziehen.

Sie sind jetzt wieder einmal in Taicang gewesen, weil die Stadt ein großes Fest mit Ihnen gefeiert hart. Was war da los? 

Sie haben einen Stadtteil oder ein kleines Dorf mit Marktplatz nach deutschem Vorbild und mittelalterlich gestylten Häusern gegründet mit einer vierseitigen Turmuhr von Perrot aus der Pforzheimer Gegend, die ich vermittelt habe. Gleichzeitig wurden diese 30 Jahre mit bayerischer Biermusik und Menuett-Tanz gefeiert, sehr deutsch.

Das ist ein Nachbau eines deutschen Städtchens? 

Die Straßen haben zum Teil doppelte Namen, deutsch und chinesische Beschriftung. Der Stadtteil heißt jetzt Rothenburg und hat sogar einen Bayern-München-Shop. Man ist sehr deutsch-affin. Wir Deutsche haben sehr viel mehr Chancen als die Amerikaner in China.

Worauf führen Sie das zurück? 

Amerika ist der ewige Feind der kommunistischen Partei, deswegen sind sie auch eher Russland-nah als Amerika-freundlich. Wir Deutschen gelten als Neutrale in diesem Kampf zwischen Russland und Amerika in China.  Die Deutschen sind deshalb gern gesehene Gäste.

Bei dem Festakt war auch ein Film über Sie und Schramberg zu sehen. Wie kam es dazu?

Die chinesische Presseagentur aus Berlin schickte ein Team nach Schramberg. Die haben Aufnahmen mit mir gemacht im Automuseum, von der Burg Hohen-Schramberg aus auf den Terrassenbau und auf das Gut Berneck und mich interviewt. Innerhalb von einem Tag wurde das zusammengeschnitten und zwei Tage später bereits vor 300 Personen in Taicang vorgespielt.

(Online ist der Film hier zu sehen.)

Seit einiger Zeit hat China keinen so guten Ruf mehr bei uns. Straflager, permanente Überwachung, strikte Zensur. Sie haben das selbst zu spüren bekommen?

Ja, ich habe dort eine Rede gehalten, die ich vorab zum Übersetzen geschickt habe. Und sie haben tatsächlich eine Passage, in der ich vor Krieg gewarnt habe, herausgeschnitten oder nicht übersetzt. Es wurde mir auch gesagt, dass ich das nicht sagen solle. Ich habe auch nicht provoziert und diese drei Sätze nicht gesagt.

Diese Passage aus Steims Rede haben die Zensoren nicht zugelassen.

Sie hatten auch ein besonderes Erlebnis mit der Überwachung bei der Einreise?

Ja, da ist meine Tochter überprüft worden, ob ihre Fingerabdrücke stimmen. Offensichtlich sind bei der letzten Reise die Fingerabdrücke von meinen beiden Töchtern verwechselt worden und dann musste die jetzt einreisende Tochter ein Bild von ihrer Schwester zeigen, um zu dokumentieren, dass es diese gibt. Erst dann konnte sie auch passieren. Die Warteschlangen sind, wenn sie in China ankommen, mehrere 100 Meter lang, weil eben die Kontrollen so scharf sind.

Diese scharfen Kontrollen und die Zensur, als Sie das Thema Krieg andeuten. Wie erklären Sie sich das?

Man will Frieden und man spürt es an allen Enden. Wenn ich auf Taiwan anspreche, dann wird immer beruhigt, dass man nie mit Krieg Taiwan zurückgewinnen will. Die Menschen, mit denen ich Kontakt habe, sind alle äußerst friedlich engagiert.

Auf der wirtschaftlichen Seite geht es nicht so friedlich zu, und das spüren die deutschen Firmen. Sie haben da ja auch Ihre Erfahrungen gemacht und Sie sehen eigentlich für unsere deutsche heimische Industrie eher schwarz, was die chinesische Konkurrenz angeht?

Das kann man so nicht sagen.  Die führenden deutschen Firmen liefern an führende chinesische Kunden, durchaus. Wir sind natürlich im Wettbewerb mit chinesischen Firmen, haben da zum Teil noch einen Vorsprung.  Aber die Endhersteller wie Autohersteller, die werden in Deutschland angreifen, die greifen bereits heute in China an. Die großen deutschen Automobilfabriken sind ja in China nur Joint Ventures, werden also von chinesischen Firmen als Joint Venture zunächst in China, später natürlich auch in Deutschland angegriffen.

Sie sind mit einem chinesischen E-Mobil gefahren und fanden, das ist mindestens so gut wie ein deutsches Auto? 

Das chinesische E-Mobil, das ein Konkurrenzwagen für BMW ist, war bei einem bei einer befreundeten Firma als Muster-Fahrzeug zu fahren. Ich fand es ein tolles Erlebnis – und das Ganze soll 20.000 Euro billiger als ein BMW sein. Das heißt, es wird eine schwierige Zukunft für uns sein.

Was raten Sie der deutschen Industrie?

Es ist nicht allein die deutsche Industrie, das ist der deutsche Wähler. Die deutschen Bürger müssen sich überlegen, wie wir diesen Wohlstand, den wir uns nach dem Zweiten Weltkrieg erarbeitet haben, verteidigen.

Was schlagen Sie vor?

Wir können nicht noch mehr verteilen. Ich halte die vielen sozialen Versprechungen, die jetzt noch kommen sollen, für unnötig. Sie hindern uns im Wettkampf mit anderen Ländern, die strenger organisiert sind, beschränkter frei sind, aber eine höhere Effizienz haben als wir in der Bundesrepublik. Wir müssen uns warm anziehen und wettbewerbsfähiger werden, damit überhaupt in Deutschland produziert werden kann.

Wir benötigen aber unbedingt Fachleute auch aus dem Ausland, die bei uns arbeiten wollen, weil uns die Fachkräfte ausgehen und um Fachkräfte zu werben, müssen wir ihnen auch etwas bieten?

Natürlich stimmt das, aber zunächst müssen wir unsere eigenen Fachleute wieder zu einer größeren Arbeitsleistung bringen. Das heißt, dass wir alle länger arbeiten müssen, um unseren Fortschritt zu verteidigen, den wir mühsam erobert haben, sowohl pro Woche als auch in Arbeitsjahren bis zur Rente.

Ihnen geht es um den Produktionsstandort Deutschland, wie wollen Sie den sichern?

Hier kann man nur aufklären, indem man die Augen aufmacht, wo der Wettbewerb uns droht, weil er günstigere Bedingungen hat.

Nochmal zurück nach China, als sie damals vor 30 Jahren angefangen haben in China, war China ein Entwicklungsland und heute ist es unser großer Konkurrent. Ein Riesenschritt, den die Chinesen gemacht haben. 

Es ist unvorstellbar, was in China hochgezogen worden ist an Hochhäusern, an Straßen, an Verkehrsmitteln aller Art. Es ist eine fantastische Leistung. Allerdings kenne ich jetzt nur diese großen Zentren. Ich war nicht mehr auf dem Land, da ist sicher noch ein großes Gefälle. Aber bei 1,4 Milliarden Menschen leben mindestens 800 Millionen heute unter relativ guten Bedingungen.

Während Corona, war das Leben gerade in den großen Zentren aber doch sehr eingeschränkt.

Diese relativ guten Bedingungen wurden während Corona zunächst einmal wieder extrem zurückgeschraubt, stimmt. Aber heute merkt man mit jedem Monat Abstand von Corona, wie es wieder zu besseren, noch besseren Bedingungen als vor Corona führt.

Nun bezahlen die Chinesen aber diesen Wohlstand doch auch damit, dass sie politisch keine Freiheiten haben und dass sie eigentlich in einem total überwachten Land leben.

Wenn jemand in so einem Land aufgewachsen ist, fühlt er den Fortschritt, den er jetzt jedes Jahr bekommt, immer noch als Fortschritt. Wir als Europäer sind Google und andere Hilfsmittel gewohnt, die in China für den Chinesen nicht möglich sind. Aber der Chinese braucht es nicht, er hat viele eigene Entwicklungen, er kann nur nicht vergleichen.

Eine unserer Freiheiten eben …

Aber das ist eben nicht gewünscht. Aber ich habe das Gefühl, dass alle Chinesen, mit denen ich gesprochen habe, einen sehr zufriedenen Eindruck machen und auf die Regierung nicht schimpfen.

Wie denken Sie, wird sich das noch weiterentwickeln? Staats- und Parteichef Xi  Jinping ja jetzt mit einer Machtfülle ausgestattet, wie sie einst Mao Tse Tung hatte. Wird das weiter in die autoritäre Richtung gehen oder wird es irgendwann doch auch mal ein demokratisches Bestreben kommen?

Es ist für mich schwierig zu beurteilen, inwieweit der Einfluss von oben nach unten reicht. Die Stadtregierung von Taicang und das Management für die Industrieansiedlung, operieren nach meinem Eindruck sehr frei und gehorchen natürlich den Gesetzen. Aber sie legen die Gesetze weit aus und können gut operieren. Inwieweit die Armee oder die Überwachung ausstrahlt, das kann ich persönlich bei meinen gelegentlichen Besuchen nicht beurteilen.

Das war sicher nicht ihr letzter Besuch in China?

Es ist ein Land, vor allem aber die Stadt Taicang, das mir ans Herz gewachsen ist, und ich beobachte die Entwicklung mit Freude, aber auch mit Sorgen. Ich war ein Teil der Entwicklung, bin es vielleicht heute noch etwas, und ich bin stolz auf diese Entwicklung. Für meinen langjährigen Einsatz bin ich als „einer der 10 hervorragenden Freunden“ von der Kommunistischen Partei und der Volksregierung der Stadt Taicang mit einem Teller geehrt worden.

Ehrenteller für Hans-Jochem Steim. Foto: him

Die Fragen stellte Martin Himmelheber

 

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