Diesen Samstag jährt sich die Unabhängigkeitserklärung der 13 englischen Kolonien in Nordamerika am 4. Juli 1776 zum 250. Mal – ein Jubiläum, das als „Geburtstag“ der USA groß gefeiert wird. Auch Frauen und Männer aus Rottweil und der Region haben die USA mitgeprägt – zum Beispiel Theresa Hermann, geboren 1829 in Rottweil.
Rottweil / NEW Ulm MN – Ihr Name ist mit einer der traditionsreichsten Brauereien der USA verbunden: Der August Schell Brewing Company, einer Brauerei in New Ulm, Minnesota. Sie wurde 1860 von den deutschen Immigranten August Schell und Jacob Bernhardt gegründet und befindet sich seit 1866 im Besitz der Schell-Familie – mittlerweile in sechster Generation. Nach eigenen Angaben ist die Brauerei die zweitälteste familiengeführte Brauerei in den Vereinigten Staaten und die absatzstärkste Brauerei Minnesotas.

Theresa Hermann war die Ehefrau des Gründers August Schell und nach dessen Tod Alleineigentümerin. Der offenbar sehr tatkräftigen, imponierenden Frau wird in New Ulm ein ehrendes Gedenken bewahrt. Darauf hat Uwe Bilger die NRWZ hingewiesen, der bei einem Gang durch das Museum der Brauerei auf die Hinweise stieß. Bilger, Jahrgang 1972, ist in Rotenzimmern aufgewachsen und lebt seit über 30 Jahren in den USA.

Auf deutscher Seite sind die Spuren zu Theresa Hermann spärlich. Der Name der am 16. Oktober 1829 geborenen Frau findet sich in den Auswanderer-Listen, die im Stadtarchiv verwahrt werden. Theresa ist dort vermerkt zusammen mit ihren Geschwistern Eberhard, Johann, Josefine, Liberata und Viktor, die gemeinsam mit ihrer Mutter, der „Witwe d. Werkmeisters Franz Josef H.“ die Stadt 1849 in Richtung Amerika verließen. Die Überfahrt erfolgte ebenfalls 1849, wie einer Passagierliste in der Deutsche Auswanderer-Datenbank zu entnehmen ist.
Dass Familie Hermann der damaligen württembergische Amtsstadt Rottweil, die unter 4000 Einwohner zählte und stark von Handwerkern geprägt war, 1849 den Rücken kehrte, hat mit der gescheiterten Revolution von 1848/49 wahrscheinlich wenig zu tun. Diese trieb zwar Menschen aus politischen Gründen ins Exil – in den USA ist von den „Forty-Eighters“ die Rede. Aber Grund für den Weggang war meist wirtschaftliche Not.
Nach Missernten war bereits Mitte der 1840er Jahre Auswanderung ein Massenphänomen. Ziele waren die Schweiz und Südamerika, vor allem jedoch die USA. Zeitweise stellten die Deutschen dort die Spitzengruppe der Neuankömmlinge. Von den 810 zwischen 1803 und 1914 registrierten Auswanderern aus Rottweil suchten 644 in den USA eine bessere Zukunft. Und viele weitere tauchten nie in einer Statistik auf.
1854 erreichte die Amerika-Auswanderung mit etwa 220.000 deutschen Migranten den höchsten Stand im 19. Jahrhundert. In der „Rottweiler Chronik“ ist 1854 von einer regelrechten „Völkerwanderung“ die Rede, als an die 40 meist junge Leute „den Wanderstab nach Amerika ergriffen“. Binnen weniger Jahre zog es acht Prozent der Stadtbevölkerung in die Ferne, wobei die Zahlen auch im Bezirk Rottweil hoch waren. Meist gingen Landwirte und Handwerker.
Ziel dieser Auswanderer war der Mittlere Westen – etwa im Gebiet der Großen Seen das Minnesota Territory, das 1858 zum 32. Bundesstaat der USA wurde. Tausende Deutsche zogen auf der Suche nach fruchtbarem Ackerland dorthin. 60 bis 80 Prozent der Einwohner Minnesotas haben daher deutsche Vorfahren. Städte wie das 1854 gegründete New Ulm zeugen vom damaligen Zustrom – und ein Hermanns-Denkmal nach dem Vorbild gleichnamigen Arminius-Monuments bei Detmold verdeutlicht bis heute die Verbundenheit mit der alten Heimat.

Die Geschichte Theresa Hermanns reiht sich in diese Zusammenhänge ein – und zwar als ausgesprochene Erfolgsgeschichte, die allerdings auch viel mit Fleiß und Beharrlichkeit zu tun hat. In der neuen Heimat lernte die junge Frau den 1828 in Durbach nahe Offenburg geborenen August Schell kennen, der als Maschinist bei den Cincinnati Locomotive Works arbeitete. Die beiden heirateten am 7. März 1853 in Cincinnati. 1856 oder 1857 zogen die Eheleute mit den beiden ältesten Töchtern in das bereits genannte New Ulm, wo bereits zahlreiche Württemberger lebten. Insgesamt gingen aus der Ehe sechs Kinder hervor.

Auf die Entwicklung der 1860 gegründeten Brauerei, die im ersten Jahr 200 Fässer Bier produzierte, hatte Theresa Hermann Schell womöglich entscheidenden Einfluss: New Ulm wurde während des sogenannten Dakota-Kriegs von 1862, einem Aufstand der in dem Gebiet ursprünglich ansässigen Sioux, zweimal angegriffen und weitgehend zerstört. Die Brauerei blieb verschont – und das angeblich, weil Theresa Hermann Schell mit den Sioux freundlich umging und ihnen Essen und Bier zukommen ließ. Sicher belegen lässt sich dies nicht – zweifellos nahm die Brauerei anschließend jedoch einen rascheren Aufschwung als die Konkurrenz.

Äußeren Ausdruck fand der Firmenerfolg 1885 mit der auf dem Brauereigelände errichteten Schell-Villa. Deren Garten ist dem Schwarzwald aus August Schells Kindheit nachempfunden – der Komplex steht heute im National Register of Historic Places der USA, einer Art Denkmalliste.
Als August Schell 1891 starb, erbte Theresa die Brauerei, geführt wurde sie jedoch von Sohn Otto. Dieser gab dem Unternehmen weiteren Schub mit einer Erfindung: 1902 ließ Otto Schell eine Maschine und ein Verfahren zur Abscheidung von Hopfen aus Bier patentieren, durch das sich die Filterkosten halbierten. Schell konnte damit billiger brauen als die Konkurrenz.
Theresa Schell starb am 21. Mai 1911. Die von ihr mitgegründete Brauerei überstand mit der Herstellung alkoholarmer Getränke auch die schwierigen Jahre der Prohibition und steht – aktuell mit einer Produktion von über 17 Millionen Litern jährlich – bis heute für deutsche Biertradition in den USA.

Übrigens hat nicht nur die zweitälteste familiengeführte Brauerei in den USA Verbindungen zu Württemberg: Der Gründer der ältesten Brauerei der USA, D. G. Yuengling & Son in Pottsville, Pennsylvania, gegründet 1829, war David Gottlieb Jüngling – geboren in Aldingen. Bei seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten 1823 hatte er seinen Nachnamen anglisiert.
David Gottlieb Jünglings Vater hatte seit 1816 eine Brauerei in Aldingen betrieben. Als jüngster Sohn konnte er diese nicht erben, also wanderte er aus und gründete – ganz dem sprichwörtlichen amerikanischen Pioniergeist entsprechend – seine eigene.
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