Seit Anfang Mai läuft in vielen Kinos das zweieinhalb-Stunden Drama „Nürnberg“, das in Starbesetzung an die Kriegsverbrecher-Prozesse in der gleichnamigen Stadt erinnert. Ein Dokument, das dabei eine wichtige Rolle spielte, ist in Rottweil entstanden – im Mai 1945. Das Netz an Spuren dazu wird bis heute verästelter.
Bei diesem Dokument handelt sich um den sogenannten Gerstein-Bericht, eine der wichtigsten Augenzeugenquellen über die Durchführung des Völkermordes an den Juden Europas.
Zentrale Abschnitte wurden in der Sitzung des Internationalen Militärgerichtshofs in Nürnberg am 16. Januar 1947 verlesen. Andere Teile des Dokuments spielten eine erhebliche Rolle im sogenannten Ärzteprozess gegen 23 deutsche Ärzte und Funktionäre des NS-Regimes sowie im ersten deutschen Giftgasprozess („Degesch-Prozess“) in Frankfurt im Januar 1949.
Verfasst hat das Schriftstück der Hygiene-Experte Kurt Gerstein (1905-1945), der in den Vernichtungslagern Belzec und Treblinka 1942 Augenzeuge des probeweisen Einsatzes von Abgasen bei Massenmorden geworden war. Sein Bericht ist ein beklemmendes Dokument der kalten, planvollen Grausamkeit, mit denen die Verbrechen ins Werk gesetzt wurden.
Gerstein war eine widerspruchvolle, umstrittene Persönlichkeit. Obwohl als SS-Obersturmführer selbst in das NS-System verstrickt, informierte er mehrfach ausländische Diplomaten und Geistliche über die Gewaltverbrechen und versuchte, Lieferungen des für die Ermordung zigtausender Menschen entscheidenden Zyklon-B-Gases zu sabotieren.

Am 22. April 1945 stellt sich Kurt Gerstein den französischen Behörden. Er wurde zunächst in Rottweil interniert und kam mit einer gewissen Bewegungsfreiheit im Gasthof „Mohren“ am Friedrichsplatz unter.
Die Schreibmaschine, auf der er dort seinen auf 4. Mai 1945 datierten Bericht, von dem es mehrere Fassungen gibt, niederschrieb, stellte ihm der damalige evangelische Stadtpfarrer Albert Hecklinger (1900-1994) zur Verfügung. Das ergaben Recherchen des Antiquars Thomas Leon Heck, von denen er der NRWZ berichtete.
„Vor einigen Jahren habe ich den Nachlass Pfarrer Hecklingers übernommen“, erläuterte Heck, der in Dußlingen ein Buch- und Grafikantiquariat betreibt, und darüber hinaus im Kunsthandel,
bei Nachlassverwertungen sowie Schätzungen und Versteigerungen tätig ist. Später kam auch noch der Nachlass von Gersteins Tochter, Margarete Gosh-Hecklinger (1936-2015), hinzu. Gosh-Hecklinger ging in Rottweil zur Schule, studierte an der Stuttgarter Akademie Kunst und arbeitete als Kunstlehrerin in Sindelfingen.
Hinterlassen hat Margarete Gosh-Hecklinger um die tausend Gemälde – darunter auch einige, die in respektvoller Zuneigung ihren Vater, den ehemaligen Rottweiler evangelischen Stadtpfarrer zeigen. Das Netz an sichtbar werdenden Verbindungen rund um den Gerstein-Bericht wächst also weiter.
Gerstein, der am 25. Juli 1945 im Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben kam, wird heute dem christlich motivierten Widerstand zugerechnet. 1945 stand er zunächst unter der Anklage von Kriegsverbrechen, Mord und Mittäterschaft.
Vieles sprach damals augenscheinlich für eine schuldhafte Verstrickung in das NS-System. Der in Münster geborene Gerstein wuchs in der Familie eines Richters auf. Nach dem Abitur war er in der christlichen Jugendarbeit tätig. 1931 schloss er ein Bergbau-Studium mit dem Ingenieurs-Diplom ab.
Im Mai 1933 trat er in die NSDAP ein, protestierte aber im selben Jahr offen gegen die Auflösung der evangelischen Jugendverbände und engagierte sich in der Bekennenden Kirche. 1936 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen und zweimal inhaftiert.
Nachdem Gerstein über die Mordaktion an Patienten von Heil- und Pflegeanstalten erfahren hatte, entschloss er sich, in die Waffen-SS einzutreten, um auf diesem Weg nähere Informationen zu erhalten. Im Sanitätswesen der Waffen-SS übernahm er die Leitung des technischen Desinfektionsdienstes. Im Juni 1942 bekam er erstmals den Auftrag, Blausäure (Zyklon B) zur Ermordung von Menschen zu beschaffen. Gerstein versuchte die Lieferungen an die Vernichtungslager umzuleiten oder unschädlich zu machen.

Der Anklage 1945 folgten Bemühungen um eine Rehabilitierung des zunächst als „belastet“ eingestuften Gerstein. Diese erfolgte 1965 und bahnte den Weg zu einer Apostrophierung als „Spion Gottes“. 2003 wurde Gersteins Verhalten während des NS-Regimes im Polit-Drama „Der Stellvertreter“ nach Rolf Hochhuths gleichnamigem Theaterstück mit Ulrich Tukur als Kurt Gerstein eindrucksvoll verfilmt.
Info: Ein Transkript des Gerstein-Berichts ist hier einsehbar: https://www.ns-archiv.de/verfolgung/gerstein/gerstein-bericht.php Näheres zu den verschiedenen Fassungen ist einem Aufsatz in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ zu entnehmen: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1953_2_6_rothfels.pdf
