Seit Beginn des Schuljahres steht das Berufsschulzentrum Rottweil weitgehend leer. Messungen haben in Bauabschnitt 1 erhöhte Asbestwerte ergeben, vor allem in den Toiletten. Der Leiter des Gesundheitsamts sieht keine realistische Gesundheitsgefahr. Trotzdem soll saniert werden, abschließend wohl erst in den Sommerferien 2027.
Rottweil. Die Pressekonferenz findet im Großen Saal des Berufsschulzentrums statt, im neuesten Teil des Gebäudes, der garantiert asbestfrei ist. Sonst ist es still in dem weitläufigen Komplex an der Heerstraße. Normalerweise lernen hier rund 3000 junge Menschen, unterrichtet von etwa 120 Lehrkräften der Erich-Hauser-Gewerbeschule und der Nell-Breuning-Schule. Etwa 1200 von ihnen waren nach den Sommerferien zum ersten Mal an der Schule, als diese direkt wieder geschlossen wurde.
„Derzeit findet der Schulbetrieb am Berufsschulzentrum in anderer Form statt“, sagt Landrat Christoph Keckeisen. „Das ist eine große Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler, die Lehrer, die Verwaltung.“ Der Erste Landesbeamte Hermann Kopp gibt sich zuversichtlich: „Corona war schlimmer, wir werden auch das bewältigen.“
Eine Decke wird geöffnet
Entdeckt wurde das Problem durch Zufall. Beim Einbau einer Behindertentoilette wurde eine Decke zur Tiefgarage geöffnet, anschließend wurde gemessen. Die Werte waren erhöht.
Als Quelle vermutet das Landratsamt den ältesten Teil des Gebäudes. Bauabschnitt 1 wurde 1975 errichtet und 1978 bezogen. „Wir gehen davon aus, dass die Quelle hier sitzt“, sagt Kopp. Im Verdacht stehen vor allem Ebene 1 des Erstbaus und die angeschlossene Tiefgarage. Für die später errichteten Bauabschnitte 2 bis 6 müsse man davon ausgehen, dass sie durch Luftübertragung und Verschleppung verunreinigt worden sein könnten, „möglicherweise durch Reinigungsarbeiten“.
Was die Messungen zeigen
Die Messwerte präsentierte das Amt für Schule und Bauen in einer farbigen Übersicht. Grün steht für 0 bis 500 Fasern pro Kubikmeter Raumluft, Orange für 500 bis 1000 und Rot für mehr als 1000. In Bauabschnitt 1 lagen demnach von 47 Messpunkten 30 im grünen, 6 im orangen und 11 im roten Bereich. Die roten Werte häufen sich in den Toiletten und auf Ebene 1.
„Ab 1000, sagt das Fachbüro, muss man was tun“, erklärt Ingo Lütjohann, Leiter der Nell-Breuning-Schule. Und: „Die Klassenräume haben keine hohen Eintragungen.“ Michael Schuler, Leiter der Erich-Hauser-Gewerbeschule, bestätigt, dass die überhöhten Werte vor allem im Sanitärblock gemessen wurden.
Der „Wust an Werten“
Was bedeuten diese Zahlen? Dr. Heinz-Joachim Adam, Leiter des Gesundheitsamts im Landkreis Rottweil, warnt davor, sich an einer einzigen Zahl festzuhalten. „Nur strikt einen Wert zu betrachten, ist nicht zielführend“, sagt er. Es gebe Grenzwerte, Richtwerte, Sanierungszielwerte, Toleranz-, Akzeptanz- und Hintergrundwerte. Diesen „Wust an verschiedenen Werten“ gelte es einzuordnen. Mancher nutze nur die Werte, die er für seine Argumentation brauche.
In seiner schriftlichen Stellungnahme ordnet Adam die wichtigsten Werte so ein:
| Wert | Fasern pro m³ Luft |
|---|---|
| Hintergrundbelastung in Deutschland (Außen- und Innenraumluft) | unter 100 bis einige hundert |
| Sanierungszielwert in Wohngebäuden | 500 |
| Wert nach Landesbauordnung, ab dem saniert werden sollte | 1000 |
| Geplanter Gefahr- bzw. Grenzwert der Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) ab 2029 | 2000 |
| Akzeptanzwert am Arbeitsplatz (ohne Atemschutz) | 10.000 |
| Toleranzwert am Arbeitsplatz (mit Atemschutz) | 100.000 |
Adam weist außerdem auf die Grenzen der Messtechnik hin. Beim üblichen Verfahren nach VDI 3492 liegt die Nachweisgrenze bei einigen hundert Fasern, teils bei 300 Fasern pro Kubikmeter. Niedrige Werte werden also oft hochgerechnet. Asbest ist zudem überall in der Umweltluft vorhanden. Adam zitiert Messungen aus Magdeburg: In Reinluftgebieten wurden rund 100 Fasern pro Kubikmeter gemessen, an einer vierspurigen Innenstadtstraße mit Ampeln bis zu 2000. Eine Studie von 2013 fand in Sporthallen 700 bis 1700 Fasern, in Hallenbädern 8000, in Klassenräumen von Schulzentren 2000 und in deren Fluren 15.000 Fasern pro Kubikmeter.
Warum Asbest gefährlich ist
Asbest ist ein natürliches Mineral. Über Jahrzehnte wurde es wegen seiner Eigenschaften für Dämmung, Brandschutz und Dichtungen verbaut. Laut Adam wurden in praktisch jedem Haus, das vor 1993 gebaut wurde, asbesthaltige Materialien verwendet. In Deutschland ist Asbest seit 1993 verboten, in der EU seit 2005. In Südamerika, Russland, Indien und China wird es weiter abgebaut, nach Adams Angaben rund eine Million Tonnen pro Jahr.
Gefährlich sind die Fasern, weil der Körper sie nicht abbauen kann. Eingeatmet setzen sie sich im Gewebe fest und verursachen dort immer wieder kleinste Verletzungen. Die ständige Wundheilung regt die Zellteilung an, und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tumor entsteht. Mögliche Folgen sind Asbestose, Erkrankungen des Brustfells, das Mesotheliom sowie Lungen- und Kehlkopfkrebs. Akute Beschwerden wie Husten oder Atemnot verursachen die Fasern in der Regel nicht. Bis eine Krankheit ausbricht, vergehen im Schnitt rund 30 Jahre, manchmal zehn, manchmal sechzig.
Das eigentliche Problem erklärt Adam so: Bei vielen Schadstoffen kennt man eine exakte Dosis-Wirkungs-Beziehung und kann Schwellenwerte festlegen. Bei Asbest geht das nicht. „Theoretisch könnte auch eine einzige Asbestfaser Krebs auslösen.“ Deshalb gelte immer das Minimierungsgebot. Paracelsus‘ Satz, dass die Dosis das Gift macht, treffe hier nur bedingt zu. Bei Asbest gehe es auch um die Dosis, vor allem aber um die Dauer der Aufnahme.
Die Rechnung mit den Faserjahren
War die Gesundheit von Schülern und Lehrern also in Gefahr? „Realistisch gesehen nein“, sagt Adam. Seine Begründung stützt sich auf die Faserjahre, mit denen die Unfallkassen die Belastung messen. Ein Faserjahr entspricht der Belastung durch eine Million Fasern pro Kubikmeter Luft bei acht Stunden täglich an 240 Arbeitstagen im Jahr. Damit eine asbestbedingte Erkrankung als Berufskrankheit anerkannt wird, sind 25 Faserjahre nötig.
Adam rechnet vor: Wer ein ganzes Arbeitsjahr lang acht Stunden täglich 1000 Fasern pro Kubikmeter einatmet, kommt auf 0,001 Faserjahre. Für die 25 Faserjahre der Berufsgenossenschaft bräuchte man demnach 25.000 Jahre. Selbst mit den in der Umweltmedizin üblichen Sicherheitsaufschlägen von ein bis zwei Zehnerpotenzen blieben 2500 bzw. 250 Jahre.
Dazu kommt, dass die tatsächliche Belastung deutlich geringer sein dürfte. „Die Berufsschüler dürften kaum auf acht Stunden am Tag kommen“, sagt Adam. Zudem verbrächten sie kaum mehr als fünf Jahre in dem Gebäude, und am stärksten betroffen seien nach bisherigem Stand die Toiletten, in denen sich niemand dauerhaft aufhält. Mangels spezieller Regeln für Schulen zieht Adam für den Vergleich die Werte für den Arbeitsplatz heran. Die Kultusministerkonferenz hat 2023 festgelegt, dass asbesthaltige Stoffe im Unterricht zu ersetzen sind, und verweist dabei auf die TRGS. Nach der Gefahrstoffverordnung dürfen krebserzeugende Stoffe im Unterricht bis auf wenige Ausnahmen nicht verwendet werden.
Adams Fazit: Er gehe davon aus, dass kein realistischer Gesundheitsschaden zu befürchten ist, auch nicht unter Berücksichtigung der Hintergrundbelastung in Deutschland. Entwarnung im Sinne von Nichtstun bedeutet das für ihn allerdings nicht. „Wenn ich einen Schadstoff habe, der potenziell gesundheitsgefährdend ist, muss ich reagieren und ihn entfernen.“ Die Sanierung müsse unter Schutzmaßnahmen erfolgen, um die Grundbelastung zu senken. Ziel sind 500 Fasern pro Kubikmeter.
Unterricht bei Mahle, in der Sparkasse, im Freien
Solange das Gebäude geschlossen ist, wird improvisiert. Ein Großteil der Schüler lernt im Fernunterricht. Abschlussklassen, die vor den Herbstprüfungen stehen, sowie teilweise Block- und Eingangsklassen werden an anderen Orten unterrichtet: am Droste-Hülshoff-Gymnasium, bei Mahle, in der Kreissparkasse und in der Bildungsakademie. Räume haben außerdem VTS, die Firma Sanitär Birk, die evangelische Kirchengemeinde Rottweil, die katholische Kirchengemeinde in Zimmern und die Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten angeboten, auch Schulen in Oberndorf und Schramberg, vor allem für den Werkstattunterricht. Wie das im Alltag aussieht, beschreibt Schuler: Um 7.50 Uhr treffen sich Schüler vor der Schule und gehen mit ihrem Fachlehrer zum Ausweichort. Zimmerer und Maurer, die die Bildungsakademie schon kennen, gehen direkt dorthin.
„Wir sind Corona-erfahren, alle miteinander, aber der Fernunterricht kann den Präsenzunterricht nicht ersetzen“, heißt es von der Schulleitung. Viele Schüler kämen mit dem Videounterricht recht gut zurecht. Im ersten Lehrjahr von perfektem Videounterricht zu träumen, sei aber unrealistisch, sagt Schuler. Manche Veranstaltungen finden sogar draußen statt. „Klar würden wir lieber hier unterrichten, aber wir versuchen, uns peu à peu zu helfen.“ Betroffen sind 78 Klassen.
Lütjohann bringt die Lage auf den Punkt: „Wir brauchen dringend Räume, die wir nutzen können.“ Auch ein Vertreter des Lehrerkollegiums sagt, Fernunterricht sei „nicht so gewinnbringend wie Unterricht hier“. Er wünscht sich, dass der Betrieb bald wieder aufgenommen wird, notfalls mit Toilettencontainern im Hof.
Wie es weitergeht
Diese Woche bleibt die Schule vorsorglich geschlossen, weil während der Messungen der Zugang zu den Toiletten nicht organisiert werden kann. In Bauabschnitt 1 wird an den Übergängen zu Ebene 2 und Ebene 4 gemessen, dazu kommen 32 weitere Messpunkte an den Übergängen zu den anderen Bauabschnitten. „Wir haben vor, diese Woche zu messen“, sagt Kopp. Zu Fachfirmen, die die Reinigung übernehmen könnten, bestehe bereits Kontakt.
Von den Ergebnissen hängt ab, ob die Bauabschnitte 2 bis 6 wieder freigegeben werden können. Die Räume werden gereinigt und gemessen. Liegen die Werte im Zielbereich, können sie wieder genutzt werden. „Daran wird es nicht scheitern“, versichert Keckeisen. Danach soll mit dem Fachbüro ein Maßnahmenpaket erarbeitet werden.
Als Übergangslösung könnten die betroffenen Toiletten in Bauabschnitt 1 eingehaust, also luftdicht abgetrennt werden, wenn das ausreicht. „Wir müssen die kritischen Bereiche so sichern, dass keine Gefahr von ihnen ausgehen kann“, sagt Kopp. „Im Moment müssen wir davon ausgehen, dass die Toiletten bis zu den Sommerferien zu sind“, sagt Lütjohann, deshalb werde wohl ein Toilettencontainer nötig. Für die eigentliche Sanierung rechnet das Landratsamt mit sechs bis acht Wochen. Das spricht für die Sommerferien 2027 als Zeitraum für die abschließende Sanierung.
Einen festen Termin für die Rückkehr in das Gebäude nennt niemand. „Über Wochen zu reden ist hochspekulativ“, sagt Lütjohann. Man habe keinen Einfluss darauf, wie schnell Fachfirmen verfügbar sind, wie schnell der Container aufgestellt werden kann und wann die weiteren Messergebnisse vorliegen.
Das Berufsschulzentrum ist die größte Schule in Trägerschaft des Landkreises. „Es sind 3000 junge Menschen, die hier ausgebildet werden“, heißt es aus dem Landratsamt. „Wir gehen vorsichtig vor, damit alle wieder mit einem guten und sicheren Gefühl zurückkehren können.“ Zum Abschluss sagt Landrat Keckeisen: „Dankeschön an alle, wir hoffen auf eine gute Woche.“
Hintergrund: Was ist ein Faserjahr?
Ein Faserjahr entspricht der Belastung durch eine Million Asbestfasern pro Kubikmeter Atemluft bei acht Stunden Arbeit täglich an 240 Tagen im Jahr. Ab 25 Faserjahren kann eine Lungenkrebserkrankung als asbestbedingte Berufskrankheit anerkannt werden. Zum Vergleich: 1000 Fasern pro Kubikmeter über ein Jahr entsprechen 0,001 Faserjahren.
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