Jetzt haben wir die Raser auch in unserer Straße

Zweitausend Jahre alte Trasse, fünf Wochen Baustelle – und plötzlich weiß man, wie dünn die Ruhe einer Wohnstraße gewebt ist

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Seit die B 14/27 zwischen Saline und Zimmern gesperrt ist, sucht sich der Verkehr eigene Wege. Einer davon führt durch die Untere Heerstraße – nachts, mit hochgezüchteten Motörchen und hörbarer Freude am Gaspedal. Eine Beobachtung ohne Antrag.

ROTTWEIL – Die Römer haben sie angelegt, wir haben sie gepflastert, und irgendwann in den vergangenen zweitausend Jahren ist aus der Heerstraße das geworden, was sie heute ist: rund 2,25 Kilometer, die auf Höhe der Mittelstadt die Altstadt mit dem Schulcampus und dem Wasserturm verbinden. Wer ihre Länge wissen will, kann sie in OpenStreetMap nachrechnen; die Karte teilt sie in fünfzehn Abschnitte, die Summe ergibt besagte 2.250 Meter. Ein frei editierbarer Wert, also mit der gebotenen Vorsicht zu genießen – aber die Größenordnung stimmt.

Fünfzehn Abschnitte, und sie sind sehr verschieden. In der unteren Hälfte, beim Allgäustüble, wird die Straße in Schul- und Behördenzeiten zur Hauptverkehrsader. Dort fahren die Busse, Fahrräder, Mopeds. Dort laufen die Schülerinnen und Schüler, dort gilt seit Mitte Dezember 2022 Tempo 30. Die Stadt hatte am 16. Dezember mitgeteilt, dass die Schilder bereits stünden und nur noch die Hüllen fallen müssten. Grundlage war der Lärmaktionsplan, den der Gemeinderat im Juli zuvor beschlossen hatte: „Vmax/red 30″ ganztags, für die Heerstraße ebenso wie für die Marxstraße, die Stadionstraße, die Römerstraße und die Ortsdurchfahrt Neukirch.

Hier unten allerdings, wo die Straße einer einseitigen Allee ähnelt, gilt weiter 50. An den Messtagen hatte die Verkehrsdichte nicht ausgereicht. Es war zu ruhig für ein Tempolimit gegen den Lärm.

Man muss diesen Satz einen Moment stehen lassen. Die Ruhe war der Grund, warum es hier laut werden durfte.

Am 3. August wurde die B 14/27 zwischen Saline und der Anschlussstelle Zimmern ob Rottweil vollgesperrt, Fahrbahndeckenerneuerung, voraussichtlich bis zum 11. September. Die Umleitung führt über die A 81. Das ist die amtliche Lösung, und sie ist, das muss man einräumen, ein Umweg. Irgendwo auf Facebook stand deshalb sinngemäß der Satz, der alles erklärt: über die Autobahn sei zu weit, „dann lieber Heerstraße“.

So wird eine Wohnstraße umgewidmet. Nicht durch Beschluss, nicht durch Beschilderung, sondern durch Abstimmung im Kommentarbereich.

Die Untere Heerstraße ist tagsüber keine Rennstrecke. Sie ist wechselseitig, streckenweise beidseitig zugeparkt, man fädelt sich zwischen den Fahrzeugen hindurch, und die erlaubten 50 erreichen sanftere Naturen dort gar nicht erst. Nachts aber verschwinden die Hindernisse aus dem Blickfeld, die Lücken werden zu einer Linie, und aus dem Slalom wird ein Tunnel.

In diesem Tunnel waren heute Nacht mindestens fünf Fahrzeuge unterwegs. Keine bulligen SUV, keine Sechs- oder Achtzylinder – kleinere, flottere Wagen mit hochgezüchtetem Motörchen. Das ist akustisch der Unterschied: Der große Motor muss sich nicht anstrengen, der kleine schon. Was man hört, ist nicht Kraft, sondern Mühe. Und die Lust daran. Wegen der Tageshitze stand das Fenster gekippt. Durch dasselbe Fenster, das die Wohnung kühlen sollte, kam die Drehzahl herein.

Wie schnell die fünf waren, weiß ich nicht. Innerfamiliär sind wir uns einig, dass es 60 waren, 70, mutmaßlich auch 80 – aber wir haben keine Messtechnik, und ich schreibe das ausdrücklich als Schätzung. Insofern stehen wir jetzt beide auf demselben Fundament: die Familie am gekippten Fenster und die Behörde an ihren Messtagen. Nur dass wir zu einem anderen Ergebnis kommen.

Ich habe mit keinem Nachbarn gesprochen. Ich weiß nicht, ob es dieselben Leute sind, die man in der Tann- und der Grundstraße kennt, in der Marx- und in der Stadionstraße. Es ist derselbe Typ Autofahrer, mehr lässt sich seriös nicht sagen.

Fünf Autos sind kein Ausnahmezustand. Das ist ja das Erstaunliche: Es braucht nicht viele.

Ein Antrag folgt hier nicht. Keine Forderung nach Tempo 30, keine nach dem Blitzer, keine nach der Verkehrsschau. Nur eine Hoffnung, und sie hat ein Datum: dass die Kleinwagenfahrer die Strecke wieder vergessen, wenn die B 14/27 fertig ist und der Verkehr dorthin zurückkehrt, wo er hingehört.

Die Römer haben zweitausend Jahre gebraucht, um aus dieser Straße einen ruhigen Zipfel zu machen. Fünf Wochen Baustelle haben gereicht, um zu zeigen, wie wenig das wert ist.

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