Die Serie von Schutzgelderpressungen, Brandanschlägen und Schüssen, die die Ermittler der kriminellen Organisation „Daltons“ zuschreiben, reicht bis in den Kreis Rottweil. Das geht aus einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft Mannheim und des Polizeipräsidiums Mannheim vom Dienstag hervor.
Demnach stehen zwei Beschuldigte auch im Verdacht, auf einen Gewerbebetrieb „im Raum Rottweil“ geschossen zu haben. Nach Angaben des SÜDKURIER hat die Staatsanwaltschaft Mannheim bestätigt, dass die Tat Ende Mai in Zimmern ob Rottweil geschah.
Seit März 2026 sollen türkische und türkischstämmige Geschäftsleute in Mannheim und Umgebung Schutzgeldforderungen im fünf- bis siebenstelligen Bereich erhalten haben, berichten die Ermittlungsbehörden. Gezahlt hat nach bisherigem Stand niemand. Es folgten Brandanschläge auf Gastronomiebetriebe und einen Autohandel sowie Schüsse auf einen Imbiss in der Mannheimer Innenstadt.
Sechs mutmaßliche Täter zwischen 18 und 29 Jahren sitzen in Untersuchungshaft. Festgenommen wurden sie in Mannheim, Frankfurt, Duisburg, Leipzig und Borna. Die Vorwürfe lauten unter anderem auf versuchte besonders schwere räuberische Erpressung, versuchte schwere Brandstiftung und illegales Führen einer Schusswaffe. Die Ermittler halten sie für die ausführenden Täter, die im Auftrag der „Daltons“ gehandelt haben sollen.

Die Schüsse im Kreis Rottweil werden einem 19- und einem 26-jährigen Afghanen zugeordnet. Beide sollen außerdem an Taten in Worms, Küps (Bayern) und Köln beteiligt gewesen sein. Die „Daltons“ gelten als besonders gewaltbereit und werben gezielt junge Täter an. In sozialen Medien werden sie deshalb auch als „Gen-Z-Mafia“ bezeichnet.
So arbeiten die „Daltons“
Herkunft und Führung
- Die „Daltons“, türkisch „Daltonlar“, stammen aus Istanbul. Sie gehören zu einer jungen, besonders gewaltbereiten Generation der türkischen Mafia.
- Ihr mutmaßlicher Anführer ist der 29-jährige Berat Can G. Nach Recherchen des ARD-Magazins Kontraste hält er sich in Russland auf. Er wird trotz eines Auslieferungsgesuchs nicht an die Türkei übergeben.
- In der Türkei drohen ihm laut Kontraste zweimal lebenslänglich und 1.281 Jahre Haft, unter anderem wegen mehrerer Morde, Waffen- und Drogenhandels.
- Ein mutmaßlicher Sprecher der Gruppe sagte Kontraste, G. steuere alle Aktivitäten „per Handy und Laptop“.
Auftraggeber im Ausland, junge Täter vor Ort
- Die Drahtzieher sitzen im Ausland. Die Taten selbst begehen junge, oft austauschbare Handlanger. Die Mannheimer Ermittler sprechen ausdrücklich von „ausführenden Akteuren“, die im Auftrag der „Daltons“ gehandelt haben sollen.
- Angeworben wird laut Kontraste über soziale Medien. Versprochen werden Geld, Luxusautos und Waffen.
- In einem von Kontraste geschilderten Fall wurde ein späterer Schütze laut Gerichtsurteil in einer Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete angeworben. Er war als Minderjähriger nach Deutschland gekommen.
- Die Handlanger müssen nicht türkischer Herkunft sein. Das LKA Nordrhein-Westfalen berichtet laut Kölner Stadt-Anzeiger, dass für einzelne Tatbeiträge auch Menschen anderer Nationalität eingesetzt werden. Das passt zu den Mannheimer Beschuldigten, unter denen Afghanen, ein Syrer und ein Pakistaner sind.
TikTok als Bühne
- Anders als klassische Mafiastrukturen stellen die Gruppen ihre Gewalt öffentlich zur Schau. Laut WDR kursieren auf TikTok Videos, in denen junge Männer von Motorrädern oder aus Autos heraus auf Gegner schießen.
- Nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeigers werden Taten teils vorher angekündigt und danach mit Bildern oder Videos verbreitet. Die Zeitung schreibt: „Wer Gewalt zeigt, muss sie nicht jedes Mal ausüben. Es genügt, dass andere glauben, sie könne jederzeit kommen.“
Das Erpressungsmuster
- Nach Angaben des BKA, die der WDR zitiert, sind die „Daltons“ in Deutschland vor allem bei der Erpressung von Geschäftsleuten und im illegalen Waffenhandel aktiv.
- Die Opfer stammen meist selbst aus dem türkisch-kurdischen Umfeld. In Berlin traf es etwa Supermärkte und Fahrschulen.
- Wer nicht zahlt, muss mit Schüssen auf seinen Laden oder mit Brandanschlägen rechnen.
- Die Staatsanwaltschaft Mannheim beschreibt dasselbe Vorgehen. Betroffen sind vor allem bargeldintensive Branchen wie Gastronomie, Barbershops und Autohandel. Die Täter drohen Familienangehörigen und tun so, als wüssten sie genau über das Privatleben ihrer Opfer Bescheid.
- Schüsse oder Brände kommen vor oder nach der Forderung, um ihr Nachdruck zu verleihen.
Kein fester Block
- Das LKA NRW warnt davor, die „Gen-Z-Mafia“ als eine einzige Organisation zu sehen. Es handle sich eher um „verschiedene Gruppierungen, die kooperieren oder gelegentlich sogar miteinander in Konkurrenz stehen“, sagt LKA-Sprecher Markus Niesczery dem Kölner Stadt-Anzeiger.
- Neben den „Daltons“ nennt die Zeitung weitere Gruppen: „Caspers“, „Ezgins“ und „Şirinler“ (die „Schlümpfe“).
Rat der Ermittler
- Die Staatsanwaltschaft Mannheim rät Betroffenen, nicht zu zahlen, weil Zahlungen erfahrungsgemäß weitere Forderungen nach sich ziehen.
- Nachrichten, Anrufe und Sprachnachrichten sollten gesichert werden.
- Betroffene sollten sich immer an die Polizei wenden, bei akuter Gefahr über den Notruf 110.
Wann genau geschossen wurde, welcher Betrieb betroffen war und ob jemand verletzt wurde, ist bislang nicht bekannt. Eine Anfrage beim zuständigen Polizeipräsidium Konstanz läuft. Wir berichten nach. Die Ermittlungen dauern an. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Quellen: Staatsanwaltschaft Mannheim, SÜDKURIER (24.09.2026)
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