Rottweils Weltkonzern als explosives Romanthema

Autor / Quelle: Andreas Linsenmann (al)
Lesezeit 5 Min.
Einst Ausgangspunkt eines Weltkonzerns und nun Thema eines Epochen- und Familienromans: die Rottweiler Pulverfabrik, hier in einer historischen Aufnahme von Carl Hebsacker. Foto: Stadtarchiv Rottweil

Das noch neue Jahr bringt für das Rottweiler Kulturleben etwas wirklich Neues: Erstmals ist aus dem Stadtschreiber-Stipendium ein ganzes Buch mit engem Rottweil-Bezug hervorgegangen. Johann Reißer, der Preisträger des Jahres 2014, hat einen Epochen- und Familienroman zur Pulverfabrik im Neckartal verfasst. Wie die NRWZ erfuhr, erscheint er Anfang März.

Rottweils explosive Vergangenheit hatte Johann Reißer schon während seines – spontan noch verlängerten – Aufenthalts in Rottweil gepackt. In seiner Abschiedsrede hatte der promovierte Philosoph den idyllischen Anblick von im Herbstlicht tanzenden Mücken im heutigen Industriepark Neckartal mit einer tieferen Zeitschicht verknüpft: Er verwies darauf, dass dort, wo heute Kunst und Party gemacht wird, über die Hälfte der deutschen Infanteriemunition für den Ersten Weltkrieg hergestellt wurde – und bei einem Unglück mit turmhohen Feuersäulen etliche Menschen starben.

Ist Rottweil seit seiner Stadtschreiber-Zeit verbunden geblieben: Dr. Johann Reißer. Archivfoto: al

Es war ein Kunstgriff mit Sprengkraft. Und einer, der scharf vor Augen führte, wie weitgehend dieser schwierige Teil der Stadthistorie oft ausgeblendeten bleibt. Mit diskretem Beschweigen wollte Reißer es allerdings nicht bewenden lassen. Daher zimmerte er aus dem Thema mit großer Beharrlichkeit einen Roman mit dem prägnanten Titel „Pulver“.

Dieser beleuchtet in zwölf Kapiteln episodenartig die Zeitspanne von 1858 bis 1933 – mit einem abschließenden Sprung zur Fasnet im Jahr 2020. Im Zentrum steht der Unternehmer Max Duttenhofer, der die Pulverfabrik ab den 1880er Jahren als „Krupp von Süddeutschland“ zu einem phänomenalen Aufschwung führte.

Reißer erzählt die Geschichte dieses Aufstiegs aus verschiedenen Sichtweisen. Zu Wort kommen neben der Zentralfigur, dem „Pulverkönig“ Duttenhofer auch zahlreiche andere Figuren, die ihre jeweilige Wahrnehmung schildern so etwa ein Handwerker, der Bruder, ein Künstler, der Sohn und eine Arbeiterin.

Durch die Verknüpfung gegensätzlicher Blickrichtungen will Reißer Schlaglichter auf Entwicklungen und Umbrüche werfen, ohne die Duttenhofers Weg nicht möglich gewesen wäre: Allem voran eine Militarisierung der Gesellschaft und ein hochkochender Patriotismus. Aber auch die Umprägung einer ganzen Landschaft im Zuge des Industrieausbaus greift Reißer auf. Und die Entwurzelung der ländlichen Bevölkerung, die sich in einem tiefen Umbruch hin zur Industriezeit befand.

Um dies glaubwürdig meistern zu können hat Reißer tüchtig recherchiert und im Stadtarchiv jede Menge Dokumente gewälzt. „Auch Material aus dem Nachlass der Familie Duttenhofer konnte ich auswerten“, erzählt Reißer im Gespräch mit der NRWZ.

Die abenteuerlichen Geschichten rund um Duttenhofer und das Neckartal waren 2019 auch Thema eines Sommerstücks des Rottweiler Zimmertheaters – hier ein Probenfoto. Archivfoto: al

Bei allem zeitlichen Abstand des Themas, das allein mit seinem historischen Kolorit nicht nur für Rottweil-Fans reizvoll sein dürfte, sieht Johann Reißer Parallelen auch zur Gegenwart: „Damals wurde die Rüstungsindustrie schnell groß – und heute ist sie wieder im Höhenflug“, vergleicht Reißer.

„Damals hat Duttenhofer, beginnend mit zehn Arbeitern, von Rottweil aus binnen weniger Jahre einen Weltkonzern hochgezogen, der Geschäfte mit Japan, China und Russland gemacht hat“, legt er als zweiten Beobachtungspunkt dazu, der ihn an den Blitz-Aufstieg von Start-ups in der Software- und KI-Branche erinnert.

Und nicht zuletzt: Max Duttenhofer war „ein cleverer Macher-Typ“, wie Reißer hervorhebt. Sein Tatendrang, der ihn zuletzt ins Automobil- und Kolonialgeschäft trieb, lässt den Autor an Figuren wie den Tausendsassa Elon Musk denken, die ein Ideen-Feuerwerk nach dem anderen entzünden.

Auch Rottweil spielt in dem Roman eine wichtige Rolle – nicht zuletzt als traditionsverbundene Kontrast-Welt zum Duttenhofer-Imperium, dessen kometenhafter Aufstieg damals in der Region viel Hoffnung und Aufbruchsgeist entfachte – ehe die Dynamik in zerstörerische Gewalt umschlug.

Man merkt Johann Reißer immer noch eine Menge Begeisterung an, wenn er vom Thema spricht. Die Duttenhofer-Welt hat ihn wie auch Rottweil seit seiner Stadtschreiber-Zeit nicht mehr losgelassen. Er fühlt sich verbunden und pflegt trotz des entfernten Lebensmittelpunkts Berlin Freundschaften. Auch bei der Fasnet ist er, sofern terminlich machbar, im Städtle.

Sein bald erscheinender Roman wird ihn nun wohl wieder öfter herführen. Eine erste Lesung ist jedenfalls schon terminiert: einen Tag nach Erscheinen des Buchs, am 6. März, 20 Uhr, liest er aus „Pulver“ – passenderweise im „Badhaus“ im Neckartal.

Info: „Pulver“ erscheint in der Frankfurter Verlagsanstalt (480 Seiten, 978-3-627-00347-0) und kostet 26 Euro.

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