Das Jobcenter Landkreis Rottweil muss sparen und organisiert seine Außenstellen neu. Die Leistungsabteilung und die Eingangszone in Oberndorf und Schramberg sollen nach Rottweil umziehen. Das betrifft 15,6 Vollzeitstellen. In den Außenstellen bleiben vor allem die Berater für Arbeit und Ausbildung (wir haben gestern bereits berichtet). Nun liegen Reaktionen vor. Die beiden betroffenen Städte reagieren unterschiedlich.
Oberndorfs Bürgermeister Matthias Winter hält die Pläne für sinnvoll – wenn das Jobcenter in der nun zu ändernden Form langfristig in Oberndorf erhalten bleibt. „In dieser Erwartung trage ich die Änderungen mit“, sagt er. Schrambergs Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr verlangt, dass es im westlichen Landkreis weiter eine Anlaufstelle ohne Termin gibt. Am Montag, 5. Oktober, berichtet das Landratsamt dem Verwaltungsausschuss des Kreistags darüber.
Kreis Rottweil. Die Außenstellen des Jobcenters in Oberndorf und Schramberg sollen erhalten bleiben. So steht es in einem Bericht, den das Landratsamt dem Verwaltungsausschuss vorlegt. Gleichzeitig sollen sie aber einen großen Teil ihrer bisherigen Aufgaben abgeben. Der Grund: Das Geld für die Verwaltung reicht seit Jahren nicht. Der Kreis gibt zwar freiwillig etwas dazu, doch dieser Zuschuss läuft Ende 2027 aus.
Vor zwei Jahren noch Schließung abgewendet
Die Frage nach den Außenstellen ist nicht neu. Im Herbst 2024 hatte das Jobcenter geprüft, alle Aufgaben in Rottweil zu bündeln und Oberndorf und Schramberg zu schließen. Das hätte jährlich gut 200.000 Euro eingespart, wie die NRWZ damals berichtete. Landrat Dr. Wolf-Rüdiger Michel setzte sich damals für den Erhalt ein und verwies auf die gute Erreichbarkeit der Außenstellen. Kritik kam unter anderem von Dr. Christian Ruf (CDU), der drei Standorte „weder innovativ noch zukunftsträchtig“ nannte.
Der Kreistag beschloss schließlich bei zehn Gegenstimmen, dass der Landkreis in den Jahren 2025 bis 2027 jeweils 102.620 Euro zusätzlich für die Verwaltungskosten der beiden Außenstellen zahlt. Voraussetzung war, dass die Agentur für Arbeit einen Betrag in gleicher Höhe beisteuert. Außerdem sollte die Verwaltung nach zwei Jahren erneut berichten. Dieser Bericht liegt jetzt vor.
Ein Großteil der Fördermittel geht an die Verwaltung
Das Jobcenter wird zum größten Teil vom Bund bezahlt. Der Landkreis trägt 15,2 Prozent der Verwaltungskosten. Der Bund stellt zwei Töpfe bereit: einen für die Verwaltung und einen für die sogenannten Eingliederungsleistungen. Aus dem zweiten werden etwa Bewerbungskosten, Weiterbildungen oder Lohnzuschüsse für Arbeitgeber bezahlt. Das Geld für die Verwaltung hat seit der Gründung des Jobcenters nie gereicht. Deshalb wird jedes Jahr Geld aus dem Fördertopf in die Verwaltung umgeschichtet.
Diese Umschichtung ist über die Jahre stark gewachsen: 2019 betrug sie 33,1 Prozent der Fördermittel, 2025 waren es 58,5 Prozent. Für 2026 rechnet das Jobcenter mit 57,6 Prozent. Für die eigentliche Förderung von Arbeitslosen blieben 2019 noch rund 1,76 Millionen Euro übrig, 2025 waren es nur noch rund 1,09 Millionen Euro.
| Jahr | Umgeschichtet in die Verwaltung | Anteil | Für die Förderung verfügbar |
|---|---|---|---|
| 2019 | 872.000 € | 33,1 % | 1.758.575 € |
| 2020 | 940.500 € | 38,3 % | 1.517.274 € |
| 2021 | 1.248.000 € | 51,7 % | 1.165.360 € |
| 2022 | 1.358.000 € | 54,7 % | 1.126.806 € |
| 2023 | 1.349.000 € | 57,5 % | 995.319 € |
| 2024 | 860.000 € | 35,4 % | 1.568.268 € |
| 2025 | 1.533.000 € | 58,5 % | 1.088.525 € |
| 2026 | 1.693.333 € | 57,6 % | 1.244.053 € |
Nach Angaben der Verwaltung hat der Zuschuss des Kreises die Vermittlung in Arbeit und Ausbildung zwar verbessert. Die Umschichtung konnte er aber nicht verringern. Eine weitere Erhöhung hält die Verwaltung „nicht mehr vertretbar“. Sonst könne das Jobcenter seinen gesetzlichen Auftrag, Menschen in Arbeit zu bringen, „nicht mehr dauerhaft erfüllen“.
Anträge werden nur noch in Rottweil bearbeitet
Jobcenter-Geschäftsführer Dautel hat nun folgende Pläne vorgelegt:
- Die Eingangszone, das sogenannte Kundenportal, zieht von Oberndorf (2,25 Vollzeitstellen) und Schramberg (1,85 Vollzeitstellen) nach Rottweil.
- Auch die Leistungssachbearbeitung, also die Bearbeitung von Bürgergeld-Anträgen und Bescheiden, wird künftig in Rottweil erledigt. Das betrifft 5 Vollzeitstellen aus Oberndorf und 6,5 aus Schramberg.
- Die Fallmanager und Integrationsfachkräfte bleiben an allen drei Standorten.
- Für komplexe Anliegen in der Leistungsabteilung soll es in Oberndorf und Schramberg ein „bedarfsgerechtes Angebot“ für persönliche Termine geben.
Die betroffenen Beschäftigten bekommen einen Arbeitsplatz in Rottweil, außerdem ist Homeoffice möglich. Das Jobcenter begründet den Schritt mit der Digitalisierung: Anträge und Nachweise lassen sich inzwischen online einreichen, und viele Fragen werden am Telefon geklärt. In der Leistungsabteilung gebe es persönliche Gespräche nur noch „im Ausnahmefall“. Die Beratung auf dem Weg in Arbeit laufe dagegen weiterhin zu rund 80 Prozent persönlich vor Ort.
In Oberndorf und Schramberg wird damit etwa die Hälfte der gemieteten Bürofläche frei. Die Verwaltungskosten sollen ab 2028 sinken. Wie viel das Jobcenter einsparen will, steht nicht im Bericht.
Oberndorf: „Durchaus sinnvoll“
Beide Städte waren vorab informiert. Sie bewerten die Pläne aber unterschiedlich.
Oberndorfs Bürgermeister Matthias Winter hält die Bündelung für richtig. Die Leistungsabteilung sei „der Backoffice-Bereich“, schreibt er auf Anfrage der NRWZ. „Es ist durchaus sinnvoll, das zu bündeln, zumal das Antragswesen zunehmend digitaler wird.“ Da die Arbeitsvermittlung in Oberndorf bleibe, sei die Präsenz des Jobcenters in der Fläche „weiterhin gegeben“. Einschränkungen für die Bürger sieht Winter nicht: Wer mit den digitalen Angeboten nicht zurechtkomme und auch nicht nach Rottweil fahren könne, habe im Rahmen der Sprechzeiten auch in Oberndorf weiterhin die Möglichkeit, sein Anliegen zu klären. Er gehe davon aus, „dass das neu geschaffene Angebot passt“. Die neuen Strukturen verbesserten die Finanzierung und „garantieren, dass das auch in Zukunft so bleibt“. Für einen weitergehenden Erhalt der Außenstelle will sich Winter dennoch einsetzen. Er gehe davon aus, dass das Jobcenter in der nun zu ändernden Form langfristig in Oberndorf erhalten bleibt. „In dieser Erwartung trage ich die Änderungen mit“, antwortet er der NRWZ.
Schramberg: „Nicht jede und nicht jeder“ schafft es online
Deutlich kritischer sieht Schrambergs Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr die Pläne. Das Jobcenter habe die Stadt zwar informiert, „aber mit der Bitte, die Thematik nicht öffentlich zu behandeln“. Eisenlohr hat daraufhin nach eigenen Angaben den Gemeinderat nichtöffentlich unterrichtet und die Sicht der Stadt gegenüber Jobcenter und Landratsamt dargelegt.
Die Bündelung der Leistungsabteilung kann Eisenlohr nachvollziehen, weil Verwaltungskosten sinken sollen. Wo ein Antrag im Hintergrund bearbeitet werde, „dürfte für den Kunden oder die Kundin nicht allzu viel Unterschied machen“. Die Eingangszone sieht sie dagegen „ganz anders“: „Nicht jede und nicht jeder ist einfach so in der Lage, alles selbständig online zu erledigen, geschweige denn nach Rottweil zu fahren oder auf Deutsch zu telefonieren.“
Benachteiligt würden nach Eisenlohrs Einschätzung Menschen, die mit digitalen Angeboten nicht zurechtkommen, Menschen, denen das Telefonieren auf Deutsch schwerfällt, und Menschen, die es aus gesundheitlichen, finanziellen oder sprachlichen Gründen nicht allein mit dem Bus nach Rottweil schaffen. „Amtssprache ist oft auch für Muttersprachler schwierig“, schreibt die Oberbürgermeisterin. Wer die Hilfe des Jobcenters brauche, sei oft mehrfach benachteiligt. „Ihnen Zugang und damit Teilhabe zu ermöglichen, muss unser gemeinsames Anliegen sein.“
Ein „bedarfsgerechtes“ Angebot mit Terminen reicht Eisenlohr nicht aus. Sie fordert eine Eingangszone in Schramberg für den westlichen Landkreis, in der die Menschen „zu bestimmten Zeiten ohne Termin vorbeikommen“ können. Dort sollen sie sich orientieren und bei Bedarf einen Beratungstermin vereinbaren können. Dafür will sich die Stadt einsetzen. Einer Effizienzsteigerung verschließe man sich aber nicht, betont Eisenlohr: „Wir möchten nur, dass es für die Kundengruppe realistisch bleibt, Zugang zu den Angeboten und Möglichkeiten zu haben.“
Die Trägerversammlung entscheidet
Die Entscheidung liegt nicht beim Kreistag, sondern bei der Trägerversammlung des Jobcenters, in der Landkreis und Arbeitsagentur vertreten sind. Die Geschäftsführung will die Pläne bei ihrer nächsten Sitzung beschließen lassen. Der Verwaltungsausschuss nimmt den Bericht nur zur Kenntnis. Geschäftsführer Dautel will in der Sitzung zusätzlich berichten.
