Lebendiger Austausch auf Augenhöhe

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Dialog-Gespräch mit (vorne von links) Tuncay Dinckal, muslimischer Theologie-Referent , David Holinstat , Jude, Barbara Haller, Vorsitzende des Vereins ehem. Synagoge mit über zwanzig Besuchern im Betsaal der ehemalige Synagoge. Foto: Heide Friederichs

„Es gibt genügend Platz für uns alle“ – gemeint sind die Weltreligionen Islam , Judentum und Christentum – resumieren die beiden vom Verein ehemalige Synagoge eingeladenen Dialogpartner, der eine als Sohn türkischer Gastarbeiter in Deutschland geborene Tuncay Dinckal, heute muslimischer Theologie-Referent, und der aus Los Angeles (USA) stammende Ingenier und Jude David Holinstat, der mit seiner Firma nach Deutschland übersiedelte und sich heute als Rentner mit dem jungen Moslem im „Abrahamischen Forum“ (2001 als interreligiöses Forum gegründet) zusammengetan hat, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

In den Betsaal der ehemaligen Synagoge sind viele gekommen, um dieses Dialogangebot anzunehmen und Neues oder Tradiertes über die beiden Weltreligionen Judentum und Islam zu erfahren. Seit dem siebten Oktober 2023 gehen die beiden Referenten auf Menschen unterschiedlichen Alters zu, auf Konfirmanten (in Rottweil am gleichen Tag) auf Senioren oder Vereine, die sich um Aufarbeitung jüdischer und muslimischer Geschichte in Deutschland bemühen. Der interreligiöse Dialog ist ihnen wichtig , und so wurde der Abend zu einem lebendigen Austausch auf Augenhöhe.

Beide Referenten vertreten Minderheiten in Deutschland ( sieben bis acht Prozent Muslime und zwei Prozent Juden) und gaben Erklärungen für die Entwicklungen ihrer Religionsgemeinschaften: Tuncay Dinckal stellte klar, dass eine konservative Wende seiner Religionsgemeinschaft eingetreten ist, Reformbewegungen wurden abgeblockt , deutlich sichtbar in der Türkei durch die Politik Präsident Erdogans. Die türkisch-muslimische Union DITIP unterstütze diese konservative Politik, das stelle für ihn persönlich ein Problem dar, aber solange in Deutschland auf dem Boden des Grundgesetzes gehandelt wird, sei das für ihn akzeptierbar. Das Tragen eines Kopftuches sei für ihn eine Identitätsfrage, nicht unbedingt eine konservative Haltung, vergleichbar mit dem Tragen des Davidsternes von Juden, beides keine religiösen, sondern politische Signale.

David Holinstat umriß gegenüber dem Problem schwieriger Begegnungen mit orthodoxen jüdischen Gemeinden in Deutschland die historische Dimension jüdischer Strömungen. Die liberalen Reformbewegungen in der Aufklärung Anfang des 19. Jahrhunderts riefen orthodoxe Gegenbewegungen hervor; der entgültige Bruch bildete die Shoah , viele liberale Juden emigrierten. Die heute in Deutschland lebenden Juden aus Osteuropa hätten das orthodoxe Judentum wieder etabliert.

Beide Dialogpartner befänden sich heute in Deutschland in der Minderheit gegenüber ihren Religionsgemeinschaften, umso wichtiger sei ihnen die gegenseitige Unterstüzung, um offen zu sein auch für die derzeitige politische Situation zwischen Palästinensern und Israelis um einer gerechten Lösung willen.

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