Besiegelt: Am heutigen Samstag sind es auf den Tag genau 500 Jahre, seit am 6. April 1519 die damalige Schweizer Eidgenossenschaft Rottweil als „Zugewandten Ort“ und damit quasi als Mitglied annahm. Man versprach sich Freundschaft und Beistand, zudem erhielt die schwäbische Reichsstadt Sitz und Stimme in der Tagsatzung, dem „Parlament“ der Eidgenossenschaft. Aus Anlass des Jubiläums zeigen wir hier die Siegel an dem im Stadtarchiv aufbewahrten Exemplar des Bundesbriefes vom April 1519. Besiegelt haben den Bund (maßgeblich sind die Kordeln, nicht die Siegel): Zürich, Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Glarus, Freiburg im Üechtland, Solothurn, Basel, Schaffhausen und Appenzell sowie ganz rechts Rottweil. Foto: Hartwig Ebert

Auf den Tag genau 500 Jah­re sind es die­sen Sams­tag, dass die dama­li­ge Schwei­zer Eid­ge­nos­sen­schaft Rott­weil als „Zuge­wand­ten Ort“ und damit qua­si als Mit­glied aner­kann­te. Der Bun­des­brief regelt Rech­te und Pflich­ten, er spricht von Bei­stand und Waf­fen­bru­der­schaft. Die Küns­te sind kein The­ma. Gleich­wohl gab es auf die­sem Gebiet einen regen Aus­tausch – wie hier im drit­ten Teil der NRWZ-Rei­he zum Jubi­lä­um des „Ewi­gen Bun­des“ gezeigt wer­den soll.

Bei­spiel für Rott­wei­ler Kunst in der Schweiz: Die Pas­si­ons­ta­fel „Chris­tus und Vero­ni­ka“ von Johann Achert für das Kol­le­gi­um St. Micha­el in Fri­bourg, ent­stan­den um 1693 (Aus­schnitt). Foto: Stadt­ar­chiv Rott­weil

Das frü­hes­te Bei­spiel ist zugleich schon das pro­mi­nen­tes­te: Der um das Jahr 1400 wohl in Rott­weil gebo­re­ne Kon­rad Witz sie­del­te 1431 mit sei­ner Fami­lie nach Basel. Dort erhielt er im Kon­text des Bas­ler Kon­zils (1431–1449) zahl­rei­che Auf­trä­ge.

Eine aus berühm­ten Samm­lun­gen beschick­te Werk­schau des Kunst­mu­se­ums Basel illus­trier­te 2011 ein­drucks­voll, dass Witz zu den bedeu­tends­ten deut­schen Künst­lern des 15. Jahr­hun­derts gezählt wer­den kann. Am Über­gang vom Spät­mit­tel­al­ter zur Neu­zeit über­nahm er eine wich­ti­ge Pio­nier­funk­ti­on. Witz ver­stand es nicht nur, vir­tu­os Stil­ele­men­te der Renais­sance wie die Zen­tral­per­spek­ti­ve sowie eine effekt­vol­le Dra­ma­tur­gie von Licht und Schat­ten ein­zu­set­zen. Dem „Meis­ter Kon­rad von Rot­wil“ gelang in einem für die dama­li­ge Zeit bemer­kens­wer­ten Rea­lis­mus erst­mals nörd­lich der Alpen die prä­zi­se Erfas­sung und Dar­stel­lung kon­kre­ter Land­schaf­ten – was dem „deutsch-schwei­zer Meis­ter“, wie er in Fach­le­xi­ka oft cha­rak­te­ri­siert wird, einen fes­ten Platz in der Kunst­ge­schich­te sicher­te.

Zum vor­ran­gi­gen Feld für den künst­le­ri­schen Aus­tausch zwi­schen Rott­weil und der Eid­ge­nos­sen­schaft wur­de im 16. Jahr­hun­dert die Glas­ma­le­rei. Zu fest­li­chen Anläs­sen wur­den häu­fig kunst­vol­le Schei­ben aus Glas ver­schenkt, die oft das Wap­pen des Stif­ters tru­gen. Wie Alt-Stadt­ar­chi­var Dr. Win­fried Hecht gezeigt hat, war in Rott­weil mit Mar­tin Pfen­der damals ein tüch­ti­ger Glas­ma­ler tätig, aus des­sen Werk­statt etli­che Wap­pen­schei­ben an die eid­ge­nös­si­schen und zuge­wand­ten Orte gelie­fert wur­den.

Für die Zeit des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs ist mit Blick auf den künst­le­ri­schen Aus­tausch der Fall des Gold­schmieds Hans Kas­per Schlee bemer­kens­wert. 1637, vier Jah­re nach­dem Rott­weil erst­mals in sei­ner Geschich­te hat­te kapi­tu­lie­ren müs­sen und zudem von der Pest, Miss­ern­ten und Plün­de­run­gen heim­ge­sucht wor­den war, wan­der­te er in das Gebiet von Luzern aus.

Dort erhielt Schlee zahl­rei­che Auf­trä­ge. Bis heu­te gel­ten, wie Win­fried Hecht dar­legt, sei­ne Mon­stranzen, Kel­che und Schmuck­ar­bei­ten als Spit­zen­leis­tun­gen der früh­ba­ro­cken Gold­schmie­de­kunst in den Kan­to­nen rings um den Vier­wald­stät­ter See.

Als ähn­lich pro­duk­tiv erwie­sen sich Auf­ent­hal­te des Rott­wei­ler Barock­ma­lers Johann Achert (um 1655–1730) im hel­ve­ti­schen Raum. Mög­li­cher­wei­se unter Ver­mitt­lung der Rott­wei­ler Jesui­ten schuf er in Frei­burg im Ücht­land für die dor­ti­ge Fran­zis­ka­ner­kir­che eine monu­men­ta­le Altar­ta­fel. Dar­über hin­aus besitzt die Stadt bis heu­te einen fünf­tei­li­gen Pas­si­ons­zy­klus Acherts, zwei Dar­stel­lun­gen der Kreu­zi­gung sowie ein Gemäl­de von Joseph und Jesus als Kna­ben. Achert hin­ter­ließ in der Schweiz frei­lich noch mehr. Für die Wall­fahrts­ka­pel­le von Posat im Kan­ton Fri­bourg etwa schuf er einen gan­zen Rosen­kranz-Zyklus.

Etwa zur sel­ben Zeit, um 1696/97 mal­te Johann Georg Glück­her (1653–1731) für den Dom in Arle­sheim einen zwölf­tei­li­gen Zyklus. Und für die Hoch­rhein-Klös­ter St. Katha­ri­nen­tal und Rhein­au war der etwas jün­ge­re Adam Bert­sche tätig, Rott­weils wich­tigs­ter Barock­bild­hau­er.

Mit Blick auf das 18. Jahr­hun­dert sind zumin­dest zwei bedeu­ten­de künst­le­ri­sche Ver­bin­dun­gen her­vor­zu­he­ben. Zum einen schmück­te Joseph Wan­nen­ma­cher (1722–1780) sowohl die heu­ti­ge Bischofs­kir­che in St. Gal­len als auch die Rott­wei­ler Domi­ni­ka­ner­kir­che mit präch­ti­gen Fres­ken. Zum andern beleb­te der in Dun­nin­gen gebo­re­nen Bild­hau­er und Maler Lan­do­lin Ohn­macht (1760–1834) die Bezie­hun­gen zur Schweiz. Ohn­macht, der sei­ne Aus­bil­dung auf Kos­ten des Rott­wei­ler Magis­trats genos­sen hat­te, besuch­te die Eid­ge­nos­sen­schaft 1787 und 1788. In Zürich lern­te er Johann Kas­par Lava­ter ken­nen, der mit For­schun­gen zu Gesichts­zü­gen und Kör­per­for­men Pro­mi­nenz erlangt hat­te. Es war der Beginn einer Freund­schaft, aus der bedeu­ten­de Arbei­ten Ohn­machts in der Schweiz her­vor­gin­gen.

An dem berühm­ten Bild­hau­er lässt sich auch able­sen, wel­chen Bruch die 1789 durch die Revo­lu­ti­on in Frank­reich und die Napo­leo­ni­schen Krie­ge bis 1815 ange­sto­ße­ne Umwäl­zung für die Stadt bedeu­te­te. Zwar wur­de Ohn­macht Ehren­bür­ger Rott­weils. Aber nach­dem die Stadt 1802 ihren Sta­tus als Reich­stadt ver­lo­ren hat­te und zur Ober­amts­stadt abge­sun­ken war, ver­ließ er sie. Die neu­en, vor­geb­lich so moder­nen Gren­zen schränk­ten den Aus­tausch mit der Schweiz erheb­lich ein – auch den künst­le­ri­schen.