Wenn die Telekom türmt

Vom Fernmeldeamt der Bundespost zum weitgehend leerstehenden Gebäudekomplex: Wie der Telekom-Turm an der Steig zu einem Wahrzeichen wurde – und warum seine Zukunft bis heute offen ist.

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Der Telekom-Turm in der "Stadt der Türme", in Rottweil. Foto: Johannes Dürr

Rottweil im Jahr der Brücken, als die Stadt der Türme: Einer davon ist kaum wegzudenken aus Rottweil und steht heute größtenteils leer – der immerhin zehn Stockwerke hohe Telekom-Turm an der Steig. Hier ist seine Geschichte.

Funktional, groß, technisch geprägt: Das Telekom-Gebäude an der Steig 27 gehört zur typischen Infrastruktur-Offensive der Bundespost in der Nachkriegszeit. Mitte der sechziger Jahre als Fernmeldeamt der damaligen Deutschen Bundespost errichtet, dient es als zentraler Standort für Vermittlung, Technik und Verwaltung der Telefonie im Landkreis.

Genau genommen handelt es sich auch nicht um ein einzelnes Gebäude, sondern um einen Komplex aus einem auffälligen Hochhaus – dem Telekom-Turm – und daran anschließenden Büro- und Verwaltungsbauten, ergänzt durch eine Kantine für die Mitarbeiter.

Bundesweit bedeutsam

Fernmeldeämter sind zu jener Zeit veritable Schaltstellen des Telefonnetzes und bundesweit von großer Bedeutung. Entsprechend ist auch das Rottweiler Telekom-Areal samt Turm über Jahrzehnte komplett vom Fernmeldeamt belegt. 1970 arbeiten dort bereits knapp 600 Menschen, die Bundespost zählt zu den bedeutenden Arbeitgebern der Region.

Dies übrigens nicht nur vor Ort: Die Deutsche Bundespost ist nach der Deutschen Bundesbahn zunächst zweitgrößte Arbeitgeberin. Nach Personalabbau bei der Bahn und Aufstockung bei der Post Anfang der achtziger Jahre ist sie schließlich bedeutendste Arbeitgeberin der Bundesrepublik. 1985 beschäftigt sie rund 543.200 Mitarbeitende.

Ein Jahrzehnt später indes wird die 1950 gegründete Deutsche Bundespost im Zuge der zweiten Postreform aufgespalten und in die privatrechtlichen Aktiengesellschaften Deutsche Post AG, Deutsche Telekom AG und Deutsche Postbank AG überführt.

Mit der Privatisierung, der zunehmenden Digitalisierung durch moderne Netztechnik und der Zentralisierung des Angebots der nunmehrigen Telekom verlieren die Fernmeldeämter landauf, landab rasch an Bedeutung. Ein Schicksal, das auch der Standort Rottweil teilt.

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Foto: Johannes Dürr

Privatisiert und wegsaniert

Immer neue Konzernlenker versuchen sich mit börsentauglichen Volten, eine Ausgründung folgt bei der Telekom der nächsten. Ein Sanierungsplan im Frühjahr 2007 mündet in den umfassendsten Arbeitskampf seit der Privatisierung der Telekom, mit Protesten bis in den Juni hinein. Die Streiks eskalieren nach ergebnislos abgebrochenen Tarifverhandlungen zwischen Telekom und der Gewerkschaft ver.di.

In Rottweil protestieren mehrere hundert Mitarbeiter tagelang, darunter viele Beamte, die sich in ihrer Mittagspause solidarisch zeigen. Der Betriebsrat kritisiert Lohnkürzungen um bis zu 15 Prozent sowie eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 34 auf 38 Stunden. Dennoch werden ab Juli 2007 bundesweit mehr als 50.000 Beschäftigte in drei eigenständige Servicegesellschaften ausgegliedert. Auch in Rottweil schrumpft die Belegschaft deutlich. Große Teile des Gebäudes stehen leer, nur ein Teil der Büroflächen bleibt genutzt.

Trotzdem investiert die Telekom weiter in ihr Gelände, auf dem bis heute einige Unternehmensbereiche angesiedelt sind. Gemeinsam mit einem niederländischen Unternehmen wird im April 2011 eine Solarthermieanlage auf den Garagendächern errichtet. Sie koppelt ein Blockheizkraftwerk mit Absorptions-Kältemaschinen. Dadurch sinkt der Energieverbrauch für die Kühlung von Gebäuden und Servern nach damaligen Angaben um nahezu die Hälfte. Die Kombination gilt seinerzeit als außergewöhnlich.

Auch die Telekom-eigene Kantine wird erst 2012 von einem externen Caterer übernommen. Der bisherige Pächter gibt nach fünf Jahren auf. Zu diesem Zeitpunkt werden dort nach Unternehmensangaben noch rund 200 Essen täglich ausgegeben.

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Fotos: Johannes Dürr

Umgenutzt und schwer belastet

Im selben Jahr zieht das Jobcenter des Landkreises, eine gemeinsame Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit und des Landkreises Rottweil, in das Telekomgebäude an der Steig. Drei Stockwerke mit Blick über das Primtal und die historische Innenstadt. Drinnen aber eher dunkel, verwinkelt und eng.

Und bald stellt sich heraus: auch schadstoffbelastet. Ende 2017 fällt daher die Entscheidung des Jobcenters, sich eine neue Unterkunft zu suchen. Die NRWZ berichtete damals darüber. Die Schadstoffe dagegen, von der Telekom-Pressestelle seinerzeit als „Belästigungen durch Ausdünstungen“ im Rahmen einer Sanierung bezeichnet, erweisen sich als Polychlorierte Biphenyle (PCB), gesundheitsschädliche Industriechemikalien, die als krebserzeugend eingestuft werden. Lüften und Reinigen sollen die Belastung unter die zulässigen Grenzwerte drücken. Schwangere stellt das Jobcenter dennoch vorsorglich von der Arbeit in den betroffenen Bereichen frei.

2022 erfolgt schließlich der Umzug der Beschäftigten in den Neubau auf dem Moker-Areal. Nicht nur wegen der Schadstoffe verlassen sie das Gebäude gerne. Auch wegen des Messerangriffs eines 58-Jährigen im Januar 2020, der Rottweil bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Der Mann griff völlig überraschend eine Mitarbeiterin des Jobcenters an. Er ist inzwischen rechtskräftig verurteilt, die Tat wirkt bis heute nach.

So auch die Schadstoffe: Hatte seinerzeit noch der damalige Dienstleister STRABAG im Auftrag der Telekom mit erheblichem Aufwand versucht, das Areal an der Steig 27 zu vermarkten, herrscht anschließend lange Zeit Stille.

Hoffnungsschimmer verfliegt rasch

Ende 2023 dann ein Paukenschlag in Rottweil: Ein Investor soll das gesamte Telekom-Areal mit rund 17.000 Quadratmetern zwischen Steig, Breslauer Straße und Danziger Straße übernehmen und neu entwickeln. Geplant sind insgesamt 212 Wohneinheiten, davon allein 56 Wohnungen im Telekom-Turm.

In Konstanz funktioniert ein vergleichbares Projekt bereits, auch andernorts werden ehemalige Fernmeldeämter zu Wohnquartieren umgebaut. Die Stadt Rottweil zeigt sich entsprechend aufgeschlossen. Doch den passenden Investor findet die Telekom augenscheinlich bislang nicht. Das Projekt verschwindet wieder in der Schublade.

Und heute? Im Sommer 2026 sind die Zuständigkeiten innerhalb des Konzerns längst erneut gewechselt. Nach einem kurzen Telefonat teilt der zuständige Immobilienverwalter lediglich mit:

Der Standort ist langjähriger Besitz der Deutschen Telekom AG und befindet sich in Eigennutzung. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich zu den weiteren Fragen keine Auskunft geben kann.“

Welche Bereiche des Areals heute tatsächlich noch genutzt werden und welche Zukunft das Gelände hat, lässt das Unternehmen offen. Keine Brücken also hin zu einer neuen Nutzung. Aber so ein Turm ist bekanntlich geduldig.

Telekom-Areal Steig 27 – Die wichtigsten Daten

Baujahr

  • Errichtet in den Jahren 1965/66 als Fernmeldeamt der Deutschen Bundespost.

Architekt

  • In den öffentlich zugänglichen Quellen bislang nicht nachweisbar. Der Name dürfte sich in den Bauakten oder Unterlagen des Stadtarchivs Rottweil finden.

Baukosten

  • Die damaligen Baukosten konnten in öffentlich zugänglichen Archiven und Quellen bislang nicht ermittelt werden.

Denkmalschutz

  • Für den Gebäudekomplex besteht nach heutigem Stand kein öffentlich nachweisbarer Eintrag als Kulturdenkmal.

Grundstück

  • Das Telekom-Areal umfasst rund 17.000 Quadratmeter zwischen Steig, Breslauer Straße und Danziger Straße.

Eigentümer

  • Eigentümerin ist weiterhin die Deutsche Telekom AG. Ein Verkauf des Areals wurde 2023 angekündigt, bislang jedoch nicht umgesetzt.
Autor / Quelle:Johannes Dürr (jd)
... M.A., begleitet die NRWZ seit ihrer Gründung 2004 mit Rat, Tat und Text. Der studierte Industriehistoriker und Anglist bringt eine fundierte Perspektive auf Wirtschaft und Kommunikation mit. Als Mitbegründer einer der großen Unternehmens- und Kommunikationsberatungen im Ländle befasst er sich seit Jahrzehnten mit mittelständischen und großen Unternehmen. Er begleitet Organisationen in Konflikten und Veränderungsprozessen – strategisch, kommunikativ und menschlich. Privat engagiert sich der ausgebildete systemische Berater, Moderator, Coach und Wirtschaftsmediator ehrenamtlich in der Demokratieförderung, etwa als Mitgründer des Soolbad Clubs. In Rottweil trifft man ihn mit einer seiner Bands auf der Bühne oder unterwegs auf zwei Rädern – wie beim Schreiben gilt auch hier: Hauptsache mit Leidenschaft.
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