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Nach Kürzungen bei Integrationskursen: Rottweil setzt auf Erstorientierung – doch viele bleiben ohne Platz

Neue Kurse helfen beim Einstieg – doch viele Zugewanderte in Rottweil warten weiter auf Sprachförderung.

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Buchstabenspaziergang in Rottweil. Foto: vhs, pm

Bundesweite Einschnitte bei Integrationskursen treffen auch Rottweil. Die Volkshochschule reagiert mit Erstorientierungskursen – doch sie können die Lücke nur teilweise schließen.

Die Einschränkungen bei Integrationskursen zeigen konkrete Folgen vor Ort: In Rottweil stehen zahlreiche Zugewanderte ohne reguläre Sprachförderung da. Seit Anfang 2026 erteilt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) keine neuen Zulassungen mehr für die freiwillige Teilnahme an Integrationskursen. Betroffen sind unter anderem EU-Bürger, Ukrainerinnen und Ukrainer, Menschen im laufenden Asylverfahren sowie Geduldete. Wer hingegen als Flüchtling oder Asylsuchender offiziell anerkannt ist und dauerhaftes Bleiberecht hat, behält seinen gesetzlichen Anspruch auf einen Kursplatz.

Die Volkshochschule (vhs) Rottweil hat darauf reagiert und im April zwei sogenannte Erstorientierungskurse gestartet. Rund 35 Personen nehmen aktuell teil. Gleichzeitig warten nach Angaben der vhs etwa 70 weitere Interessierte auf einen Platz – ein Hinweis auf den hohen Bedarf.

Ein Schwerpunkt der Kurse liegt auf Grundbildung und Alphabetisierung. Für viele Teilnehmende ist das eine besondere Herausforderung: Einige haben aufgrund von Krieg, Flucht oder fehlender Schulbildung Schwierigkeiten, einem klassischen Unterricht über längere Zeit zu folgen. Die Kursleitung setzt deshalb auf alltagsnahe Methoden – etwa sogenannte „Buchstabenspaziergänge“. Dabei lernen die Teilnehmenden anhand von Straßenschildern, Buchstaben zu erkennen und einfache Wörter zu lesen.

Solche Erstorientierungskurse sind bundesweit als niedrigschwelliges Angebot gedacht. Sie umfassen insgesamt 300 Unterrichtsstunden und vermitteln grundlegende Sprachkenntnisse sowie Orientierung im Alltag – etwa beim Einkaufen, bei Arztbesuchen oder im Kontakt mit Behörden. Allerdings unterscheiden sie sich deutlich von regulären Integrationskursen: Diese umfassen in der Regel mehrere hundert Unterrichtsstunden, führen zu einem anerkannten Sprachniveau und gelten als wichtiger Schritt für den Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Erstorientierungskurse dagegen sind kürzer angelegt und führen zu keinem formalen Abschluss. Fachleute sehen sie daher eher als Einstieg oder Übergangslösung. Der Bund hat angekündigt, das Angebot ab November 2026 um rund 60 Prozent auszubauen – finanziert über EU-Fördermittel. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass dies die entstandene Lücke nicht schließen kann: Bis dahin bleibt für viele Menschen der Zugang zu systematischem Spracherwerb ungeklärt.

Kritik kommt von verschiedenen Seiten: Sozialverbände und Initiativen warnen, dass viele Zugewanderte ohne ausreichende Sprachförderung zurückbleiben könnten. Auch für die Integration in den Arbeitsmarkt könnten sich dadurch langfristige Nachteile ergeben.

In Rottweil zeigt sich diese Entwicklung bereits deutlich: Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Für viele Menschen bleibt der Zugang zu systematischem Spracherwerb vorerst unsicher.

Autor / Quelle:NRWZ-Redaktion
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