Der 3. Oktober am Oberrotenstein entwickelt sich mehr und mehr zu einem Kunst-Event mit überregionaler Strahlkraft. Was vermutlich auch mit seiner Vielfalt zu tun hat, denn hier vereinen sich Hobbykunst und Kunsthandwerk mit der Faszination großer Werke zeitgenössischer Kunstwelt. So öffnete auch in diesem Jahr wieder Corinna Lange ihre „Ku(h)nstscheune“ mehreren Künstlerinnen aus Hausen und drumrum zur Verfügung.
Rottweil-Hausen – Sandboden statt Strohballen war angesagt, so dass die zahlreichen Besucher ein wenig in Urlaubsfeeling schwelgen konnten, während sie die Werke von Ulrike Bothner-Clemens, Ingrid Schatter, Heidrun Nastold, Marianne Müller und Werner Nörenberg betrachteten.
Von Herbert Goeser stammt die Skulptur „Der Schreitende“, die nun den Kunstpfad zwischen Tobas Kammerers Skulpturenpark und dem Kunstdünger auf der anderen Seite Hausens schmückt. Goeser, von Kammerer als Wettbewerber geschätzt und geachtet, ein stiller Arbeiter, wie er den Kollegen beschrieb. Und ein Könner in Sachen Bildhauerei, dessen Werk man den Einfluss Alfred Hrdlickas ansieht, bei dem Goeser studiert hat. Aber auch ein Künstler, der in der hiesigen Kunstszene weitgehend unbekannt blieb, obwohl er viele Jahre in Horgen lebte und arbeitete. „Er legte seinen Schwerpunkt auf Qualität, nicht aufs Schwätzen.“ Und ja, an seiner posthumen Bekanntheit „arbeiten wir!“
Die Bronzeskulptur Goesers beschrieb Matthias Graf-Hetzler: der Torso vielleicht ein Bild des auch von Herbert Grönemeyer beschriebenen kopflosen und damit sorglosen Menschen. Aber es ist auch die Reduktion auf den Körper, im Stil Rodins oder Giacomettis, und damit eine Fokussierung, eine Nahaufnahme. Dem Schreitenden fehlt zudem der rechte Arm – für Goeser, Jahrgang 1955, vielleicht auch Symbol für Untaten der Nazis. Und, mit Blick auf die Entstehungszeit der Skulptur, möglicherweise ein Hinweis auf die Erkenntnis der damaligen Zeit, dass es ein Umdenken brauche statt immer mehr Industrialisierung samt Umweltzerstörung. Passenderweise steht „Der Schreitende“ unter einem Apfelbaum.
Den kritischen Blick hat auch Armin Ketterer, dessen Malerei für diesen Tag im Atelier Tobias Kammerers Raum und viele Interessierte fand. Auch ihn hat sein Lehrmeister, in diesem Fall der große Markus Lüpertz, stark beeinflusst. Und andersrum er ihn beeindruckt, mit Skizzen von Tänzerinnen und Aktzeichnungen, wie in einem Film zu sehen war. Viel Raum für Interpretation lässt Ketterers Malerei, stellt aber auch deutliche politische Statements. Trümmergebäude aus Gaza, verfallende Betonarchitektur aus Zeiten des Kommunismus, brennende Feuerwehrleute unter einem Löschflugzeug, das Feuer statt Wasser abwirft.
„Schönheit des Grauens“ nannte Matthias Graf-Hetzler die Werke Achim Ketterers, die leider nur an diesem Tag am Oberrotenstein ausgestellt waren. Den „Schreitenden“ darf man aber das ganze Jahr über betrachten, ebenso wie Chantal Coutus zauberhaftes Schaf „Gwendoline“. Und sich dabei schon auf den 3. Oktober 2027 freuen, denn dann wird es ein drittes Werk für den entstehenden Kunstpfad geben. Sicherlich wieder mit erleuchtenden Glasskulpturen, die wie jedes Jahr den beeindruckenden Abschluss des Kunst-Tages am Oberrotenstein bilden.
