„Clown ist das Gegenteil von Schauspieler“

Wo Krise, Kraft und Chaos aufeinandertreffen, beginnt das Theater.

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Lesezeit 7 Min.
Foto: Thomas Decker

Der Schauspieler braucht die Krise, der Sänger seine Kraft – und der Clown will sich partout nicht wiederholen. Was geschieht, wenn all diese grundverschiedenen Künste gemeinsam auf die Bühne sollen? Peter Staatsmann über die Albträume des Regisseurs, die Magie der Übergänge und jene Widersprüche, aus denen lebendiges Theater entsteht.

Auf der Bühne versammelt Peter Staatsmann am Rottweiler Zimmertheater Schauspieler, Sänger, Clowns und Akrobaten – lauter Könner, die nach ganz eigenen Gesetzen arbeiten. Was zunächst nach einem Glücksfall klingt, bringt den Regisseur bei den Proben zum Sommertheater bald ins Grübeln. Denn wie fügt man zusammen, was sich eigentlich widerspricht? In seinem neuen Essay erzählt der „Staatsmann des Theaters“ ebenso vergnüglich wie erhellend vom produktiven Chaos der Proben – und von dem Augenblick, in dem aus dem scheinbar Unvereinbaren Theater wird.

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Der Profi-Clown Mario Schnell als Ezechiel in der aktuellen Zimmerthetaer-Produktion. Foto: Thomas Decker

„Clown ist das Gegenteil von Schauspieler“ … „Was?“

Von Peter Staatsmann

So wunderbar es ist, mit ganz verschiedenen Darstellern, mit sehr unterschiedlichen Darstellungsformen zu arbeiten, so kompliziert kann es plötzlich werden. Arglos, manche könnten es naiv nennen, geht man los und versammelt Talente um sich. „Na ja“, denkt man, „da kann nichts mehr schiefgehen, bei so vielen Begabungen und technischen Fähig- und Fertigkeiten. Wie glücklich war doch das ‚Händchen‘, das da eine Truppe zusammengecastet hat, da wird doch das anspruchsvolle Sommertheaterpublikum nichts mehr zu meckern haben, und bekanntlich sind wir damit schon im Bereich des Lobes gelandet…“ (wie üblich läuft das ja hierzulande nonverbal ab, nicht meckern heißt ja nun mal nichts sagen…)

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Könnte den Peter Munk auch stellenweise stumm spielen: Raphael Bantle. Foto: Thomas Decker

Doch schon bald ziehen etwas dunklere Wolken auf und der zunächst noch gutgelaunt gestikulierende Regisseur setzt sich nach ersten Proben auf seinen zentralen Stuhl (der ja immer genau in der absoluten geographischen Mitte des Zuschauerraumes sich befindet) und fängt an zu grübeln. „Guck mal, ich könnte hier jonglieren.“ – „Ja, aha, na gut…, vielleicht ist das…“ – „Und guck jetzt mal hier, Feuerzeugtrick, was meinsch?“ – „Mmmh, hmm…“ Regisseur blickt kurz auf, verfällt wieder ins Grübeln. „Peter, soll ich den Peter Munk in dieser Szene nicht stumm spielen? Der andere Peter kann hier ja sprechen!“ – „Na ja…vielleicht… na ja… hmm, vielleicht eher nicht… der andere Peterspieler ist ja Clown und spricht anders…“ An dieser Stelle würde nun, wären wir in einem Drama, das sich auf der Bühne aktuell abspielt, ein starkes Donnergeräusch ertönen und Blitze würden herunterzucken, was soviel bedeutet, wie: Etwas Schreckliches kündigt sich an… doch noch vollzieht sich nicht das wirkliche Drama auf der wirklichen Bühne, sondern wir proben ja nur…

Das Gewitter, das sich hier ankündigt, kommt aus der Vergangenheit und es handelt sich um nichts anderes als elektrisch geladene Erinnerungsfetzen, die in diesem Augenblick ins Regisseurshirn oder -herz einschlagen: Jäh und in Lichtgeschwindigkeit ziehen schier zahllose Szenen vor seinem inneren Auge vorüber. Sänger und Schauspieler und Clowns und Tänzer drehen sich in einem mahlstromartigen Reigen und schreien einander zu und an: „Was meinst du, was machst du, was heißt das, was soll das, wie geht das, und so weiter und so weiter…“ und es mischen sich darin eigene Rufe: „Mit Gefühl, bitte, … nein, nicht so, … bitte, … nein, das ist nicht witzig, das geht so nicht und bitte nicht spielen, also nicht so gespielt spielen, nimm es ernst und als Schauspieler solltest du nicht akrobatisch sein wollen.“ Und so immer weiter und weiter, wie in einem schweren Traum…

Die Erinnerungen werden jetzt akut und legen sich wie ein Alp auf alles drauf: „Wie war da noch… Ja, richtig, die Sänger müssen sich immer gesund und kräftig fühlen und das, was sie ausdrücken ist im Gesang drin…, der Schauspieler muss immer alles aus der Krise nehmen und darf sich nicht gesund fühlen, sonst ist es nicht interessant…, der Clown wiederholt prinzipiell nichts und hat genau das gelernt und eingeübt und das kann man nun mal gar nicht aufheben… O my god!“ – „Und was bedeutet das alles erst für die Übergänge, also für die unzähligen Momente, die wir jetzt inszenieren müssen, nämlich, dass der Sänger, der gerade gesungen hat (aus der Gesundheit versteht sich) jetzt schauspielern soll, und deshalb augenblicklich in eine Krise fallen muss…, oder der Clown, der gerade den spontansten aller Kontaktmomente zum Publikum hergestellt hat und nun gefälligst in die Wiederholung des Textes wechseln soll…?“ – „Um Himmels Willen, bitte gefühlt! Fühlen bitte!“ … „Was?“  All diese Phantasmen und Nachtmahre steigen jählings aus den Stuhlreihen um den Regisseur auf, und aus jedem Stuhl kriecht ein neuer Mahr hervor, und, da sein Stuhl in der Mitte ist, scheinen um ihn herum tausende von Stühlen zu sein. 

Doch man wäre nicht der, der man ist, wenn man in diesem Moment nicht Kräfte aufkeimen fühlen würde – nicht von den Begriffen und Konzepten her, sondern, wie so oft, aus den Nebenmomenten, den sonst unbeachteten Impulsen, die leicht unbemerkt bleiben. Aus dem Beifang sozusagen. Darin findet sich plötzlich alles, was man braucht, um die Verbindungen zu schlagen zwischen dem scheinbar Unvereinbaren, dem Widerstrebenden und dem eigentlich Unmöglichen. Und unversehens kann der Clown doch sprechen, er kann sogar fühlend sprechen, man hat es ihm zart zugeflüstert und dem Sänger hat man die Sucht schön und stark zu sein etwas madig gemacht und er kann plötzlich den Salto machen vom splendiden Singen zum ‚kranken‘ Schauspielern. Die Übergänge werden wie durch Zauberhand zu ästhetischen Brüchen und zu aufregenden Widersprüchen und für Momente entsteht aus der Wirrsal und dem Alptraum das, worum es uns leidenschaftlich immer geht: Theater – als die Kunst, die uns erfahren lässt, dass es Wahrheit und Lüge nicht gibt, nicht das Richtige und nicht das Falsche, sondern immer nur eins: Lebendigkeit. Und ist auch Clown das Gegenteil von Schauspieler, so können seine Talente plötzlich auch das Gegenteil von dem, was sie immer schon konnten.

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