„Waldbrandgefahr gibt’s vielleicht in Italien” – Paar reißt Verbotsschilder ab und zündet Grill an

Begebenheit in Rottweiler Kreisgemeinde zeigt ein gefährliches Missverständnis auf.

Autor / Quelle:
Lesezeit 6 Min.
Im Mülleimer nützt das Schild nicht mehr viel. Foto: privat

An einer Grillstelle in einer Gemeinde im Landkreis Rottweil haben zwei Menschen am vergangenen Wochenende mehrere Hinweis- und Verbotsschilder abgerissen und trotzdem ein Feuer entfacht. Ein Spaziergänger stellte sie zur Rede. Was sich dort abspielte, ist mehr als eine Randnotiz – es steht für ein Missverständnis, das Fachleute derzeit besonders gefährlich finden.

Es ist Wochenende, der Boden ist staubtrocken, das Gras an den Wegrändern hat die Farbe von Stroh. Ein Paar geht den Hang hinauf zur Grillstelle oberhalb der Weiher, in der Hand eine Einweg-Grillschale. Oben steht ein festes Grillhäuschen, daneben Hinweistafeln. Auf denen steht, dass hier derzeit kein Feuer entzündet werden darf. Die Schilder verschwinden. Abgerissen, im Müll gelandet. Kurz darauf brennt das Feuer.

Ein Spaziergänger, der die Szene beobachtet hat, geht den beiden nach. Er stellt sie zur Rede. Die Antwort, die er nach eigener Schilderung bekommt, ist an Deutlichkeit schwer zu überbieten: „Waldbrandgefahr gibt’s vielleicht in Italien oder Spanien. Aber doch nicht bei uns, so ein Quatsch!”

Der Mann bleibt dem Paar gegenüber dennoch hartnäckig und kündigt an, die Polizei zu rufen. Erst da lenken die beiden ein. Sie löschen das Feuer mit Wasser ab. Gefahr gebannt.

Eine Grillstelle, die man buchen muss

Zuständig für die Anlage ist die Gemeinde. Es handelt sich zwar um eine frei zugängliche Feuerstelle, an der aber nicht jeder nach Belieben anzünden kann: Die Grillstelle samt Hüttchen muss über die Gemeindeverwaltung gebucht werden. Wer dort ohne Buchung ein Feuer entfacht, nutzt eine kommunale Einrichtung unbefugt – unabhängig von der Frage der Brandgefahr. Hinzu kommt das Abreißen der Schilder. Beschilderung einer Gemeinde zu zerstören, ist kein Kavaliersdelikt, sondern kann als Sachbeschädigung gewertet werden.

Was Fachleute über Brandursachen sagen

Der Satz von der Waldbrandgefahr, die es nur im Süden gebe, ist in diesem Sommer besonders schwer zu halten. In Europa brennt es seit Wochen; Anfang August war dort bereits mehr Fläche verbrannt als im gesamten Vorjahr.

Der Forstwissenschaftler Alexander Held, der das forstliche Risikomanagement des European Forest Institute in Bonn unterstützt, hat in einem Interview mit der taz auf etwas hingewiesen, das für die Szene an der Grillstelle unmittelbar relevant ist: Die Vorstellung, hinter Bränden steckten in erster Linie Brandstifter, sei ein Mythos. „In allen Fällen, die uns bekannt sind, war es eher Unachtsamkeit, Fahrlässigkeit”, sagte Held der Zeitung. Daraus hat sich unter Fachleuten ein bitterer Scherz entwickelt: Die drei Hauptursachen für Brände seien Männer, Frauen und Kinder.

Was Bürgerinnen und Bürger vermeiden sollten, fasst Held in drei Punkten zusammen: gedankenloses Rauchen, gedankenloses Grillen, gedankenloses Lagerfeuermachen. Auch ein Auto, das mit heißem Katalysator im trockenen Gras abgestellt wird, könne einen Brand auslösen.

Und die Lage in Deutschland? Die Wasserverfügbarkeit in den Böden bezeichnet Held als katastrophal, das Brennmaterial sei reichlich vorhanden – nach seiner Einschätzung stellenweise mehr als in Spanien. Hierzulande reichten kleinere Brände aus, um großen Schaden anzurichten.

Nach Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald geht bundesweit rund ein Drittel der Waldbrände auf fahrlässiges Verhalten von Menschen zurück. Das Forstamt Rottweil hat den Anteil bei seiner Warnung im Juni sogar auf mehr als die Hälfte beziffert. Gemeint sind Fälle wie eine weggeworfene Zigarette oder ein Funke vom Grill (wir haben berichtet).

Warum es hier schnell teuer wird

Ein Punkt aus dem Interview verdient in einer Region wie dem Landkreis Rottweil besondere Aufmerksamkeit: Held weist darauf hin, dass der Begriff „Waldbrand” in die Irre führt. Vieles, was so genannt werde, seien in Wahrheit Landschafts- oder Buschfeuer – Feuer also, die auf Wiesen, Feldern und Böschungen entstehen und sich von dort ausbreiten. Genau diese Landschaft haben wir hier: Hangwiesen, Feldwege, Waldränder, Streuobst, dazwischen Wohnbebauung. Ein Feuer, das an einer Grillstelle am Hang beginnt, hat keinen weiten Weg.

Hinzu kommt eine Grenze, über die selten gesprochen wird: die körperliche Belastbarkeit der Einsatzkräfte. Bei Temperaturen jenseits der 40 Grad, sagt Held, stoße das System an seine Grenzen – volle Schutzmontur und Atemschutz führten unter solchen Bedingungen zu Hitzschlägen oder Herzinfarkten, noch bevor die Einsatzkräfte das Feuer überhaupt erreicht hätten. Wer im Landkreis ein Feuer auslöst, schickt Ehrenamtliche in genau diese Bedingungen.

Die Schilder stehen wieder – die Frage bleibt

Das Grillfeuer an jenem Wochenende ist gelöscht worden. Passiert ist nichts. Es hätte anders ausgehen können. Bemerkenswert an dem Vorfall ist weniger das Feuer selbst als die Reaktion darauf: Die Warnung wurde nicht übersehen, sie wurde weggerissen. Der Hinweis eines Passanten wurde nicht mit Verlegenheit beantwortet, sondern mit Spott. Aufklärung, sagt Held im taz-Interview, brauche es noch einige – bis das Thema allen in Fleisch und Blut übergehe.

Was im Wald derzeit gilt

  • Rauchverbot: In Baden-Württemberg ist das Rauchen im Wald vom 1. März bis zum 31. Oktober gesetzlich untersagt.
  • Kein offenes Feuer: Das Forstamt Rottweil hat seit dem 24. Juni auch die offiziellen Feuerstellen gesperrt. Das Verbot gilt für mitgebrachte Grills, Fackeln und das Verbrennen von Reisig – bis 100 Meter vom Waldrand entfernt.
  • Nicht im Grünen parken: Fahrzeuge gehören nicht auf Wiesen oder Waldwege.
  • Im Ernstfall: Feuer sofort über den Notruf 112 melden.
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet

Danke, dass Sie die NRWZ lesen.

NRWZ.de ist kostenlos. Damit das so bleibt, brauchen wir Werbeeinnahmen — die funktionieren besser mit Ihrer Einwilligung. Nutzen Sie NRWZ kostenlos mit Werbung oder unterstützen Sie unsere Redaktion mit einer Steady-Mitgliedschaft und lesen dafür werbefrei.

Kostenlos mit Werbung

Der kostenlose Zugang wird durch Werbung finanziert. Dafür bitten wir um Ihre Einwilligung in die dafür notwendigen Cookies und Dienste.

Bereits Mitglied? Dann können Sie sich direkt einloggen:

Werbefrei mit Steady

Mit Steady unterstützen Sie unabhängigen Lokaljournalismus aus der Region und lesen NRWZ ohne Werbung*.

*Frei von Werbung über die externen Anbieter Google und Taboola. Lokale Werbung zeigen wir im Interesse unserer Direktkunden weiterhin an.

Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und im Impressum.