Kein Zipfelhut, keine Tabakspfeife, kein Klischee von anno dazumal: Wenn das Glasmännlein in der aktuellen Rottweiler Inszenierung von Wilhelm Hauffs “Das Kalte Herz” die Bühne betritt, spricht es Berndeutsch. Kein Regieeinfall am Schreibtisch, sondern eine Entdeckung, die sich erst in der Probe zeigte – als plötzlich die echte Muttersprache von Schauspieler Olivier Günter durch den Raum geisterte.
Intendant Peter Staatsmann erklärt in diesem Essay, wie aus einem vermeintlichen „Quatsch“ die Stimme wurde, die dem Waldgeist seine Seele gibt – und warum Wilhelm Hauff daran seine helle Freude gehabt hätte.
Ein Gastbeitrag
Warum spricht das Glasmännlein berndüütsch?
Am Anfang stellt man sich was vor. Aber oft weiß man schon: Diese Vorstellung ist zu sehr 1:1, sie ist zu klischeehaft. Und überhaupt, wie soll man dieses Glasmännlein darstellen, die Nummer mit dem spitzen Hut und der Tabakspfeife? Das kann es nicht sein, da fallen uns die Zuschauer vor Langeweile vom Stuhl: „Hat man schon gesehen, ist eh zu idyllisch und war schon 1970 im Märchenfilm nicht wirklich gut.“ So geht man schließlich mit den Schauspielern in die Probe und innerlich nagt man am Hungertuch farbloser Ideen. Die Schauspieler ebenso, jedenfalls solange man sie quasi theoretisch, also bevor man körperlich auf der Bühne etwas macht, anspricht, was man als etwas erfahrener Regisseur sowieso nicht tut.
Es geht nur über die Praxis, die Probe. Sie ist immer der sogenannte Königsweg zur guten Inszenierung. In Wirklichkeit ist es ein verdammt holpriger Trampel- oder Eselsweg, wo man ständig aufpassen muss, dass man nicht das eine langweilige Klischee durch ein anderes ersetzt, das genauso stereotyp ist. „Nein!“, sagt man sich, „Du musst wach und unruhig bleiben, auch unsicher und somit offen gegenüber den in der Probe (hoffentlich) auftauchenden, aufblitzenden Nebensächlichkeiten, hinter denen sich der gesuchte Reichtum überraschender Lösungen hartnäckig versteckt.“
So ging es zu beim Suchen nach der Rottweiler Version vom Glasmännlein, wie es nun Abend für Abend die Zuschauer liebevoll überrascht, mit seiner Tasche mit dem hell lachenden Gesichtchen überm Kopf und seiner quietschigen Stimme, die uns mitten in unser Gefühlszentrum trifft mit dem herzerwärmenden bernerdüütschen Dialekt (keine Angst, es wird in den wichtigen Stellen immer übersetzt, weil ja der ältere Peter sein kindliches Ich ab einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mehr richtig versteht und immer wieder fragt: „Was?“, worauf der nette Waldgeist satzweise ins Hochdeutsche übersetzt).
Da haben uns die Geduld und das Aushalten diese wunderbaren Momente beschert, weil auf der Probe plötzlich die wahre Muttersprache des Spielers Olivier Günter herumgeisterte und wir so wach waren, in diesem ‚Quatsch‘ (wehe, man tut es als solchen vorschnell ab) des Rätsels Lösung zu erkennen. Die Kräfte der Resilienz, der inneren eigenen Stimme aus der Kindheit, die uns immer retten kann, sofern wir sie noch hören, die so zart und kindlich in uns bleibt für hoffentlich immer und die uns die Zauberkräfte für die lebens- und seelenrettenden Verwandlungen verleihen kann. Sie ist wahrhaft gut aufgehoben bei diesem jungen Schauspieler aus Bern, der für uns ab jetzt und für lange das wohlmeinende Glasmännlein bleiben wird. Und da gibt es keinen Zweifel: Wilhelm Hauff mit seiner Kinderseele hätte es gefallen.


ZUR PERSON: Olivier Günter
Olivier Günter wurde 1996 in Bern geboren. Bereits während seines Schauspielstudiums an der Hochschule der Künste Bern entwickelte er eigene Projekte wie WILD und gewann 2020 den Stipendiumspreis Friedel Wald. In der Spielzeit 2021/2022 war er im Rahmen des Studiojahrs und anschließend als Gast an den Bühnen Bern zu sehen. Nach dem Studium trat er sein Erstengagement am Theater Vorpommern an, wo er zwei Jahre lang in zahlreichen Rollen zu erleben war. Seit der letzten Spielzeit arbeitet Günter als freischaffender Schauspieler im deutschsprachigen Raum und gastierte unter anderem am Theater St. Gallen und am Schauspielhaus Salzburg. Seinen Master Expanded Theater an der HKB schloss er mit einem selbstgeschriebenen Solo ab, begleitet vom Berner Schriftsteller Michael Fehr. Am Zimmertheater Rottweil ist er in beiden Sommertheaterstücken 2026 zu sehen.
Infos: zimmertheater-rottweil.de
