Der Vorsitzende des SPD-Kreisverbands Rottweil, Mirko Witkowski, widerspricht der Forderung der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) Rottweil, am geplanten Aus für die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren festzuhalten.
Kreis Rottweil – Die demografischen Herausforderungen seien unbestritten. Eine tragfähige Reform dürfe die damit verbundenen Lasten aber nicht einseitig denjenigen aufbürden, die besonders früh ins Berufsleben eingestiegen seien. „Wer mit 16 oder 17 Jahren eine Ausbildung begonnen hat und nach 45 Versicherungsjahren in den Ruhestand gehen möchte, verabschiedet sich nicht bequem in eine Frührente. Hinter diesen Zahlen steht ein langes Arbeitsleben, das Anerkennung und Verlässlichkeit verdient“, erklärt Witkowski.
Dabei gehe es auch um die unterschiedlichen Belastungen im Berufsleben. Beschäftigte im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege oder im Einzelhandel hätten vielfach andere Voraussetzungen als Menschen, die ihre Tätigkeit bis ins höhere Alter ohne größere körperliche Belastungen ausüben könnten.
„Eine längere Lebensarbeitszeit trifft einen Dachdecker anders als einen Geschäftsführer und eine Pflegekraft anders als jemanden, der sein Berufsleben am Schreibtisch verbringen konnte. Eine gerechte Rentenpolitik muss diese Unterschiede im Blick behalten“, so der SPD-Kreisvorsitzende.
Auch die häufig verwendete Bezeichnung „Rente mit 63“ hält Witkowski für irreführend. Für Versicherte ab dem Geburtsjahrgang 1964 sei ein abschlagsfreier Renteneintritt nach 45 Versicherungsjahren ohnehin erst mit 65 Jahren möglich. Von einer allgemeinen Rückkehr zur Frührente könne daher keine Rede sein.
Die Forderung der MIT sei zudem politisch klar einzuordnen. Als Wirtschaftsflügel der CDU vertrete sie eine parteipolitische Position, nicht aber den Mittelstand in seiner gesamten Breite.
„Natürlich ist es legitim, dass die MIT als Teil der CDU ihre politischen Vorstellungen in die Diskussion einbringt. Zu einem mittelständischen Betrieb gehören aber nicht nur die Unternehmerinnen und Unternehmer. Dazu gehören ebenso die Beschäftigten, die mit ihrer Arbeit über Jahrzehnte zum Erfolg des Betriebs beigetragen haben. Auch ihre Interessen sind Interessen des Mittelstands“, betont Witkowski.
Wer von den Menschen erwarte, länger zu arbeiten, müsse zugleich dafür sorgen, dass dies gesundheitlich und unter fairen Bedingungen möglich sei. Altersgerechte Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen, Weiterbildung, flexible Übergänge und eine wirksame betriebliche Gesundheitsvorsorge gehörten deshalb ebenfalls in die Debatte. Freiwilliges längeres Arbeiten solle erleichtert werden, dürfe aber nicht zum Zwang werden.
Darüber hinaus müsse eine nachhaltige Rentenpolitik die Finanzierung breiter aufstellen. Perspektivisch sollten auch Selbstständige, Abgeordnete und neu eingestellte Beamtinnen und Beamte in eine solidarische Erwerbstätigenversicherung einbezogen werden.
„Wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit sind keine Gegensätze. Ein leistungsfähiger Mittelstand braucht Fachkräfte, die gerne und unter guten Bedingungen arbeiten. Diese Menschen müssen sich zugleich darauf verlassen können, dass ihre jahrzehntelange Arbeit anerkannt wird. Wer 45 Versicherungsjahre geleistet hat, verdient Respekt und Verlässlichkeit. Und wer aus gesundheitlichen oder anderen nachvollziehbaren Gründen früher aus dem Berufsleben ausscheidet, verdient ebenso unsere Unterstützung. Eine gute Rentenpolitik darf diese Menschen nicht gegeneinander ausspielen“, so Witkowski abschließend.
