Das Partnerprogramm der Rottweiler Hängebrücke Neckarline kostet teilnehmende Betriebe 150 Euro und zusätzlich einen Rabatt für Ticketinhaber. Nach dem Bericht der NRWZ haben sich zwei Gewerbetreibende aus der Innenstadt öffentlich und mit vollem Namen dazu geäußert – und kommen zu entgegengesetzten Schlüssen. Kinoleiterin Yvonne Saier vermisst die Gegenseitigkeit, Weinhändler Michael Severin Grimm hält die Aktion für einen Gewinn für die Stadt.
ROTTWEIL – Ende Juli hatte die NRWZ berichtet, dass die städtische Wirtschaftsförderung ein Werbeschreiben der privaten Neckarline-Betreibergesellschaft an Händler, Gastronomen und Dienstleister in der Innenstadt verteilt hat. Wer Aktionspartner der Hängebrücke werden will, gewährt Besuchern mit gültigem Ticket einen Vorteil – und zahlt zusätzlich eine Servicepauschale von 150 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Die Stadt verdient daran nach eigenen Angaben nichts.
Die Frage, die der Bericht aufwarf, war die nach der Rolle der Kommune: Die Neckarline ist kein städtisches Projekt, sondern das Vorhaben der Neckar Line Rottweil GmbH & Co. KG des Unternehmers Günter Eberhardt. Feste Kriterien dafür, wann die Wirtschaftsförderung für ein kostenpflichtiges Privatangebot wirbt, gibt es nach Auskunft der Verwaltung nicht.
Interessanter als die Verwaltungsfrage ist inzwischen aber etwas anderes: Die Betroffenen haben sich selbst gemeldet. Zwar stehen lediglich sechs Leserkommentare unter dem Beitrag, zwei davon stammen jedoch direkt von Gewerbetreibenden, die mit Namen und Branche unterschrieben haben.
„Für mich sieht eine partnerschaftliche Zusammenarbeit anders aus“
Yvonne Saier, Leiterin des Rottweiler Kinos, setzt bei zwei Punkten an. Zum einen beim Weg: Sie sehe die Weiterleitung über die Stadt „ebenfalls mit gemischten Gefühlen“ und sei „durchaus überrascht“ gewesen, dass sie das Angebot über die Wirtschaftsförderung erreicht habe. Die Unternehmen von Seiten der Neckarline persönlich anzusprechen, „wäre aus meiner Sicht der bessere Weg gewesen. Vielleicht sogar im Rahmen eines gemeinsamen Treffens.“
Zum anderen bei der Rechnung selbst. Über die Idee einer Kooperation zwischen regionalen Partnern habe sie sich grundsätzlich sehr gefreut, schreibt Saier. Regionale Zusammenarbeit lebe aber davon, „dass beide Seiten voneinander profitieren und sich gegenseitig unterstützen“. Vor diesem Hintergrund falle es ihr schwer nachzuvollziehen, „warum wir nun nicht nur einen Vorteil für die Gäste der Neckarline anbieten, sondern zusätzlich auch noch eine Servicepauschale für die Vorstellung auf der Partnerseite und den QR-Code bezahlen sollen“.
Sie nennt auch eine Alternative: Die Partnerbetriebe könnten im Gegenzug einen Link zum Ticketshop und Werbung für die Neckarline auf ihren Websites einbinden – oder, im Fall des Kinos, auf der Leinwand für die Brücke werben. Ihr Fazit: „Für mich sieht eine partnerschaftliche Zusammenarbeit anders aus.“ Dem Projekt wünsche sie dennoch viel Erfolg.
„In die DNA der Stadt implementiert“
Deutlich anders liest sich die Wortmeldung von Michael Severin Grimm. „Als Händler und Rottweiler finde ich die Aktion großartig“, schreibt der Weinhändler. Die Neckarline sei „nicht irgendein privates Unternehmen“, sondern inzwischen „Bestandteil von Rottweil und untrennbar mit uns verbunden“ – Grimm reiht sie in eine Aufzählung mit Schwarzem Tor, Münster, Hochturm, Fasnet, Testturm und der kommenden Landesgartenschau ein.
Das angeregte Cross-Selling nennt er „ein wunderbares Instrument, eine Rottweiler Attraktion mit dem Handel der Innenstadt zu verflechten“. Und: „Ich würde mir mehr solcher Initiativen wünschen.“
Skepsis auch bei den übrigen Stimmen
Die weiteren Kommentare fallen kürzer und skeptischer aus. Ein Leser fragt, ob er als Händler etwas falsch mache, wenn er ein solches Angebot brauche – oder ob die Gewinnmarge zu hoch sei, wenn sich der Deal rechne. Ein anderer greift die fehlenden Kriterien der Stadt auf und spottet, wenn nichts geregelt und niedergeschrieben sei, könne ja auch nichts falsch sein.
Worum es bei dem Programm geht
Das Anschreiben datiert vom 15. Juli. Aktionspartner gewähren Ticketinhabern einen Vorteil – als Beispiele nennt das Schreiben zehn Prozent Rabatt auf den Einkauf, eine Ermäßigung auf den Hotelaufenthalt, einen kostenlosen Kaffee oder ein kleines Geschenk. Im Gegenzug stellt die Neckarline die Betriebe auf ihrer Homepage vor, verlinkt deren Websites und präsentiert sie über ihre Social-Media-Kanäle. Auf allen Tickets soll ein Link zu den Aktionspartnern hinweisen. Ansprechpartnerin bei der Neckarline ist Nicola Bax.
Die 606 Meter lange Fußgänger-Hängebrücke ist seit Ende April geöffnet. Die Stadt hatte die Baugenehmigung im Februar 2025 erteilt und in der teils kontrovers geführten Debatte um die Ansiedlung mit wirtschaftlichen Impulsen für die historische Innenstadt geworben. Genau darauf beruft sich die Wirtschaftsförderung heute: Bei einem Unternehmen, das Hunderttausende Menschen in die Stadt bringen wolle, sehe sie es als ihre Pflicht an, Angebote zur Zusammenarbeit zu unterstützen.
Ob sich der Eintrag für die einzelnen Betriebe lohnt, entscheiden diese selbst. Die beiden Wortmeldungen zeigen, dass die Antwort in der Rottweiler Innenstadt unterschiedlich ausfällt.
Beide Zitate stammen aus öffentlich einsehbaren Leserkommentaren unter dem NRWZ-Beitrag vom 30. Juli.
