Hallenneubau Tennenbronn: Variante mit 500 Plätzen

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Schramberg. Da staunte nicht nur die Oberbürgermeisterin. Auch Architekt Georg Bosch vom Büro Hermann und Bosch war platt. So viele Gäste bei einer Gemeinderatsitzung habe er „sehr selten erlebt“. Gefühlt halb Tennenbronn saß am Donnerstagabend in den Zuschauerreihen der Aula des Gymnasiums. Ein weiteres Mal beriet das Gremium über den Bau einer neuen Sport- und Festhalle in Tennenbronn.

Zunächst hatte Bosch das Wort. Er führte wie schon vor knapp einem Monat im Ausschuss für Umwelt und Technik aus, wie sein Büro zu den Kosten für die beiden Varianten mit knapp 1000 und 500 Besucherinnen gekommen sei.

Kosten  unsicher

Vor einem Jahr habe sein Büro die Kosten grob geschätzt und dafür vergleichbare Hallenprojekte aus dem eigenen Büro herangezogen. Darauf habe man einen 16-prozentigen Aufschlag für die Kostensteigerungen seither gesetzt. Hinzu komme die viertel Million Euro für die Photovoltaikanlage. Ergebnis 11,5 Millionen für die kleinere, 13 Millionen Euro für die größere Variante brutto. Eine Halle, für die sie kürzlich die Aufträge vergeben hätten, komme auf einen Quadratmeterpreis von 4000 Euro. In Tennenbronn liege man – ohne die 16 Prozent Aufschlag bei etwa 4200 Euro. Das passe also, so Bosch.

Allerdings warnte Bosch, die Zahlen seien noch vage. „Das ist noch Glaskugellesen.“ Die Baupreise veränderten sich laufend, manche Gewerke wie der Rohbau würden grade wieder günstiger, Haustechnik teurer. Aber: „Es ist nicht möglich eine Halle für 2500 Euro pro Quadratmeter zu bauen.“ Aber auch für die 4200 Euro wolle er nicht die Hand ins Feuer legen“. Die Tennenbronner spenden freundlichen Applaus.

Anschließend hat Hochbauamtsleiter Andreas Krause noch einige offene Fragen zu beantworten. Die Stadt wolle die größere Variante, um das Problem der Sondergenehmigungen zu vermeiden. Der Ortsvorsteher habe von mindestens sechs Veranstaltungen pro Jahr mit mehr als 500 Besuchern gesprochen. Für die zusätzlichen Toilettenwagen wären auf 30 Jahre gerechnet auch 250.000 Euro fällig.

Alte Halle noch fünf Jahre nurtzbar

Bei einer Begehung mit einem Brandschutzfachmann habe dieser einige kleinere Maßnahmen an der alten Halle vorgeschlagen. Dann könne man die Halle „noch fünf Jahre, oder etwas länger“ nutzen. Wenn allerdings an der Heizung oder der Installation etwas kaputt gehe, werde es schwierig.

Ob die kleinere Variante 5 überhaupt genehmigungsfähig wäre, wollte Linda Niebel vom Baurechtsamt nicht beantworten. Erst wenn der Bebauungsplan fertig sei, könne man das prüfen. Auch zu den Kosten für den Hochwasserschutz und ökologischen Ausgleich fehle die Planungsgrundlage.

Fachbereichsleiter und Stadtplaner Bent Liebrich ergänzte, wegen des inzwischen dort „neu aufgetauchten Bewohners“ – er meinte den Biber – sei ein weiteres Artenschutzgutachten erforderlich. „Ich würde gerne etwas zu den Kosten für den Hochwasserschutz sagen, weil es zur Wahrheit bei der Hallenplanung gehört“, versicherte er. Er könne aber nicht.

Halle ist finanziert

Kämmerer Klemens Walter versicherte, die Halle sei in der mittelfristigen Finanzplanung mit zehn Millionen Euro in den nächsten Jahren vorgesehen. Im gesamten Finanzierungskonzept für die Schramberger Großprojekte wie den Schulcampus habe die Halle natürlich Auswirkungen. Die beiden bewilligten Zuschüsse aus dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (750.000 Euro) und Sportförderung (108.000 Euro) würden sicher verlängert werden können. Möglicherweise ließen sich weitere Fördertöpfe anzapfen.

Gemeinsame Position von vier Fraktionen

In einer gemeinsamen Stellungnahme der Fraktionen von CDU, SPD-Buntspecht, Freier Liste und ÖDP bekannten diese sich ausdrücklich zum Bau der Halle. Er habe „als erstes“ den Sprecher der „Aktiven Bürger“ gefragt, so CDU-Sprecher Thomas Brantner zur NRWZ. Dieser habe aber eine Beteiligung an der gemeinsamen Stellungnahme abgelehnt.

Um weitere Verzögerungen zu vermeiden, soll in der Gemeinderatssitzung am 23. März der Beschluss über den Neubau der Halle getroffen werden, heißt es in der Erklärung.
Die vier Fraktionen möchten nicht, dass für den laufenden Betrieb in der neuen Halle Ausnahmegenehmigungen für höhere Besucherzahlen erteilt werden als für die, die in der baurechtlichen Genehmigung angegeben sind. Das betreffen besonders die 500-Besucher-Variante 5. Es müsse sicher sein, dass diese Version V5, „baurechtlich genehmigungsfähig ist“.

Unterschiedliche Zahlen

Kritisch gegen die vier Fraktionen mit der Kostenvergleichsrechnung des Architekturbüros um. In der Vorlage sei bei der Vergleichsrechnung für die unterschiedlichen Hallen-Planungen mit einem Wert je Quadratmetern zwischen Euro 4.777 und Euro 4.868 die Rede. „In den BKI-Kostentabellen (Architektenkammer, Index Basis 4. Quartal 22) wird für Sport- und Mehrzweckhallen mit einem Mittelwert in Höhe von 2450 Euro gerechnet. Unter der Annahme weiterer Kostensteigerungen bis Baubeginn von 30 Prozent ergibt sich ein Quadratmeterpreis in Höhe von Euro 3185 und ein Gesamtpreis bei einer Bruttogeschossflächenzahl mit 1715 Quadratmetern von Euro 5,5 Millionen Dieser weicht von der Angabe in der oben genannten Kostenvergleichsrechnung (Euro 8,2 Millionen) mit 2,7 Millionen ab. Die Verwaltung wird aufgefordert, diese Abweichung zu erläutern.“

Brantner versicherte unter dem Beifall der Tennenbronner Gäste, die vier Fraktionen wollten keine weitere Verzögerung, aber die offenen Fragen geklärt haben.

Böses Erwachen

Daraufhin entspann sich eine recht heftige Debatte über die Kosten. Architekt Bosch versicherte ein ums andere Mal, seine Schätzung sei realistischer als die Zahlen der Architektenkammer. Und: „Wir können Ihnen das auch so hinrechnen, aber dann kommt später das böse Erwachen.“ Er werde der Stadt keine Halle für 3100 Euro pro Quadratmeter anbieten. „Da müssen Sie sich jemand anderes holen.“ Er wolle keine goldenen Wasserhähne verkaufen und kein „Architekturdenkmal in Tennenbronn errichten, das habe ich nicht nötig.“

Udo Neudeck (Freie Liste) polterte zurück: Der Rat habe auch viel Erfahrung, und wenn eine Zahl erst einmal festgelegt sei, dann werde das „ein Selbstläufer“. Nach der Intervention des Rats sei der Wert bei Bosch plötzlich von 4700 auf 4200 Euro gefallen. Bosch verwies auf die „starke Spreizung“ aller Zahlen. Beim niedrigeren Wert verzichte man auf den Teuerungszuschlag von 16 Prozent. Im Übrigen sei jede Halle anders.

Reinhard Günter (SPD-Buntspecht) ging auf die Raumplanung ein. Seiner Meinung nach reiche die Halle mit 500 Plätzen. Wichtig wäre eine mögliche Erweiterung mit zu planen. Dass die Halle so rasch als möglich kommen müsse, begründete Günter mit dem „katastrophalen energetischen Zustand“ der alten Halle.

Clemens Maurer (CDU) versicherte, die Halle sei im Haushaltsplan finanziert. Sein Fraktionskollege Jürgen Winter sprach von einem „Signal nach draußen“. Der Rat sei aber auch Kindern, Lehrerinnen und Lehrern und Eltern gegenüber verpflichtet, den Schulcampus voran zu bringen. Wenn der Rat die Zahlen des Architekten nicht hinterfrage, habe er „seine Arbeit nicht gemacht“.

Wieviele Goßveranstaltungen gibt es denn wirklich?

Maurer bohrte in Punkto Großveranstaltungen nach. Wenn es um ein oder zwei solcher Veranstaltungen mit mehr als 500 Besuchern gehe, könne man sich auch überlegen, “die Veranstaltung woanders abzuhalten“. Seine Mahnung, das gebiete auch die Fairness anderen Ortsteilen gegenüber, ging im lautstarken Gejohle der Tennenbronner fast unter.

Ein Verhalten, das im Rat für einiges Stirnrunzeln und Kopfschütteln geführt hat. So besitzt die Talstadt keine eigene Halle, und der Hallenförderverein löst sich gerade nach 45 Jahren vergeblicher Bemühungen auf. Auch Sulgen wartet seit vielen Jahren auf die Sanierung der Halle.

Tennenbronner Landrecht

Tennenbronns Ortsvorsteher betonte, bei den Hallenplänen sei man „aufs Mindeste“ gegangen. Er schätze, es gebe sechs Großveranstaltungen mit mehr als 500 Besuchern im Jahr. Manfred Moosmann nannte aber nur die Fasnet, einen „Tanz in den Mai“ und einen Lokalkampf des KSV Tennenbronn im Ringen. Der Ortschaftsrat sei mit der Variante 5 zufrieden, die Ortschaft werde sich selbst um die Sondergenehmigungen und die zusätzlichen Toilettenwagen kümmern.

Es gelte, wie der frühere OB Thomas Herzog gelegentlich gescherzt habe, eben immer noch Tennenbronner Landrecht. Moosmann: „Wir regeln den Rest.“

Der Rat hat den Bericht zur Kenntnis genommen. Ende März soll der Beschluss fassen.
Die Aufforderung von OB Eisenlohr, die Gäste dürften auch gern weiter der Sitzung beiwohnen, nahmen die Tennenbronner nicht wahr. Die Aula leerte sich rasch.

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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.