Ob evangelisch oder katholisch – beide großen Konfessionen verlieren in Deutschland merklich Menschen, zahlende Mitglieder. Bezirke werden in der Folge neu zugeschnitten, Zuständigkeiten umverteilt. Wie gehen die Kirchengemeinden in Rottweil damit um?
Der evangelische Kirchenbezirk Rottweil ist einer von 37 Kirchenbezirken der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er entstand zum 1. Januar 2025 durch Fusion des Kirchenbezirks Tuttlingen und großer Teile des Kirchenbezirks Sulz am Neckar. Teil des Bezirks ist die fusionierte evangelische Kirchengemeinde Rottweil-Flözlingen mit rund 6.600 Gemeindemitgliedern, die sich auf die Fläche Rottweils und Umgebung erstreckt.
Dazu zählen neben Rottweil und Flözlingen die Ortsteile und kommunalen Gemeinden Bösingen, Bühlingen, Dietingen, Feckenhausen, Göllsdorf, Gößlingen, Hausen, Herrenzimmern, Horgen, Lackendorf, Neufra, Neukirch, Stetten, Villingendorf, Wellendingen, Wilflingen, Zimmern o.R. und Zepfenhan.
Verwaltet wird die Kirchengemeinde heute in drei untergliederten Bezirken, dem Pfarramt Rottweil-Mitte samt Dekanat, dem Pfarramt Rottweil West-Flözlingen und dem Pfarramt Rottweil-Nord. Wo die Kirchengemeinde Rottweil vor einem Jahrzehnt noch vier Vollzeit-Pfarrstellen umfasste, müssen heute zweieinhalb Pfarrstellen für ein wesentlich größeres Gebiet reichen.
Mehr Aufgaben für weniger Stellen
Der personelle Aderlass bei gleichzeitig größerem (Aufgaben-)Gebiet wirkt sich auf die Zahl der Gottesdienste vor Ort ebenso aus wie auf die Belastung der Pfarrpersonen, die seit einiger Zeit durchgehend Doppeldienste mit verschiedenen Gottesdiensten übernehmen. Im Urlaub oder Krankheitsfall springen vertretungshalber auch Pfarrer*innen des gesamten Distrikts ein, der die Kirchengemeinden Rottweil-Flözlingen, Wehingen und Deißlingen umfasst – und das gilt natürlich auch umgekehrt.
Hier trifft Struktur auf Lebensrealität, spiegeln Dekan Ulrich Dewitz und die Pfarrerinnen Anja Forberg und Annegret Künstel im Gespräch deutlich – längst ist nicht mehr ein*e Pfarrer*in für eine Gemeinde zuständig, querbeet oder besser querfeldein werden alle Aufgaben „zurechtgeruckelt“, und das passt mit den Erwartungen der Menschen naturgemäß nicht immer zusammen. Da kann es passieren, dass jemand in Bühlingen stirbt und die Familie dann „ihre“ Ansprechperson vor Ort sehen will, stattdessen kommt ein Pfarrer aus Deisslingen.
Ungewohnt und teils befremdlich ist die Neuordnung naturgemäß für all die Bürger*innen, die noch der Kirche angehören und oft seit Jahrzehnten aktiv am Kirchenleben teilnehmen. Nur bleibt den Kirchen bei wegbrechenden Finanzmitteln und Personalmangel oft gar keine Wahl.
Wer im Gemeindeleben aktiv sei, wünsche sich natürlich eine lebendige Gemeinde vor Ort – und habe dabei oft die Zeit vor zwanzig Jahren vor Augen, betont Dewitz. Im Abgleich mit der heutigen Situation müsse dann die veränderte Struktur dafür herhalten, dass Kirchenleben nicht mehr so sei, „wie es war“ – dabei war die letzten Jahre schon keine lebendiges Gemeindeleben mehr vorhanden. „Wir müssen da aus unserer Verteidigungshaltung herauskommen“, so der Dekan, „und fragen ‚was braucht ihr‘, und was davon können wir auch geben.“
„Wir müssen Menschen auch enttäuschen“, ist das pragmatische Fazit des Dekans, der wie seine Kolleginnen den Wechsel der eigenen Aufgaben hin zur stärkeren Begleitung ehrenamtlicher Teams für unumgänglich hält. Zumal, wie seine Kolleginnen feststellen, es hier kein vorgegebenes Modell “von oben“ gebe, vieles einfach ausprobiert werden müsse. Und ökumenische Zusammenarbeit bietet zusätzliche Perspektiven: „Auch da sehe ich Zukunft“, unterstreicht Anja Forberg, „dass wir nicht mehr doppelgleisig bauen in ganz vielen Dingen.“


Neuordnung katholischer Seelsorgeeinheiten geplant
Auf katholischer Seite steht der Umbau der Seelsorgeeinheiten noch bevor, sieben Regionalkonferenzen mit rund 1.800 Teilnehmenden hielt die Diözese Rottenburg-Stuttgart in den letzten Monaten zur „Kirche der Zukunft“ ab. Auftakt war in Rottweil im März, ein entsprechender Gottesdienst aller Rottweiler Gemeinden Ende Juni stimmte die Gemeindemitglieder auf das Thema ein.
Auch in Rottweil soll künftig ebenfalls in größeren Strukturen gearbeitet werden, als Untergrenze werden rund 10.000 Katholik*innen je Cluster angenommen. Ein heftig spürbarer Strukturwandel, und so ziemlich „der größte Umbruch seit Napoleon 1804“, wie der geschäftsführende Pfarrer Timo Weber und Joachim Bauer, Kirchengemeinderatsvorsitzender der Münstergemeinde Heilig Kreuz, resümieren.
Vermutlich wird in Rottweil die Gesamtkirchengemeinde mit weiteren Gemeinden zusammengeführt, dazu kommen jeweils die italienischen, kroatischen und polnischen muttersprachlichen Gemeinden. Noch sind die Planungen nicht beendet, doch eins ist gewiss: „Weniger Gottesdienste“ werde die Neuordnung in jedem Fall bedeuten, da sind sich Weber und Bauer einig. Zudem müssen sich die Kirchengemeinden von etlichen Liegenschaften trennen: Etwa 30 Prozent der Flächen werden weichen, der Rest muss bis 2035 klimaneutral gestellt sein. Das geht nur ohne Scheuklappen und durch pragmatischen Umgang mit Althergebrachtem.
Eine Mammutaufgabe, die nicht nur die katholische Kirche umtreibt. Zumal sich die eine oder andere Immobilie durchaus konfessionsübergreifend nutzen ließe. Gesagt, getan: Am 6. November wird sich eine große Konferenz beider christlichen Konfessionen in Rottweil mit genau diesem Thema und weiteren Möglichkeiten der Zusammenarbeit beschäftigen.
Fotos:
v.l.n.r.: Dekan Ulrich Dewitz, Pfarrerinnen Annegret Künstel und Anja Forberg – Rottweil, Johannes Dürr
v.l.n.r.: Timo Weber, leitender Pfarrer, und Joachim Bauer, Vorsitzender des Kirchengemeinderats der Münstergemeinde Heilig Kreuz
