Erst das gerissene Schaf am Eckhof, dann eine mögliche Wolfsspur bei Trichtingen: Seit Wochen beschäftigt die Frage nach dem ersten Wolf im Kreis Rottweil die Region. Glossenautor Thomas C. Breuer nimmt die Debatte aufs Korn – und zeigt, wie aus einem Tier längst ein lokales Mythoswesen geworden ist. Ein Gastbeitrag.
Erst wurde ein gerissenes Schaf im Bereich Eckhof aufgefunden, dann soll ein Wolf mit überhöhter Geschwindigkeit von einer Wildtierkamera bei Trichtingen erfasst worden sein. Auf den Bußgeldbescheid hat er bislang nicht reagiert. Was das Schaf beim Eckhof angeht: So gerissen sind Schafe gar nicht, jedenfalls nicht bei der Begegnung mit Wölfen.
Aber endlich ist er da, der Wolf, möchte man meinen. Man konnte ja geradezu beleidigt sein angesichts der Ignoranz, die er gegenüber dem Landkreis Rottweil an den Tag legte. Hier hat sich keiner mehr gezeigt seit Guido Wolfs gloriosem Wahlkampf 2016 – bis jetzt, zum aktuellen Wiedereintritt in die Biosphäre. Überall hat er uns eine lange Nase gedreht, ob im Zollernalbkreis oder im Schwarzwald-Baar-Kreis. In der Ortenau gibt es sogar ein Städtchen namens Wolfach. Jahrelang sind wir den Nachbarn hinterhergedackelt wie Schafe mit Moderhinke. In den Nachbarkreisen machte man sich schon lustig über uns. Zum Glück ist das nun vorbei. Bei Trichtingen wurde jetzt auch Tierlosung entdeckt, die uns der Lösung näherbringen und nebenbei auf Trichtingen untersucht werden soll.
In den Partnerstädten von Rottweil lachten sie ebenfalls hinter vorgehaltener Hand über uns, Wolfs-Loser, die wir waren. In der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, in der Hyères beheimatet ist, sind sie schon lange heimisch, die Wölfe, und seit Februar leichter zum Abschuss freigegeben. In den Milser Feldern nahe Imst wurden im vergangenen Jahr drei Rehe gerissen – gleich drei, drunter machen sie es wohl nicht. Auf der Webseite der Italienischen Föderation Parks und Naturreservate Federparchi wurden 2026 schon 18 Wolfstötungen im Naturpark Abruzzen beklagt, was einen allerdings nicht wirklich überraschen kann: Auf der rechten Seite der Homepage von Federparchi finden sich die Testergebnisse für Gewehre und Zielfernrohre. Die Italiener pflegen eben eine pragmatische Beziehung mit der Tierwelt.
Der Kanton Aargau indes taugt dem Wolf lediglich als Durchlauferhitzer, als Transitstrecke. Aber immerhin: Wolfssichtungen sind deshalb an der Tagesordnung. Das Verhältnis der Eidgenossen zu Wölfen ist bekanntermaßen schwierig. Eigentlich verbindet die Schweiz eine Menge mit dem Wolf, darauf weisen Gemeinden wie Wolfenschiessen (Nidwalden), Wolfwil (Solothurn), Wolfhalden (Appenzell Ausserrhoden) oder Wölflinswil (Aargau) hin. Gut, Wolfenschiessen vielleicht weniger. Hermann Hesse hat einen Großteil seines Erfolgsromans „Der Suppenwolf“ im Hotel Krafft in Basel geschrieben. Eine alte aargauische Bauernregel besagt: „Der März soll kommen wie ein Wolf und gehen wie ein Lamm.“ Ein Abschuss ist erst bei zehn Schafen oder Ziegen innerhalb von vier Monaten oder zwei Stück Großvieh durch einen einzelnen Wolf möglich. In manchen Kantonen prüfen Ämter, ob Wolfsrudel wegen Bandenkriminalität belangt werden können.
Mit diesen Themen beschäftigt sich die sog. „Lupuphobie“. Vielen Bürgern bedeutet der Wolf das nackte Grauen, obwohl er gar nicht nackt ist, der Wolf, sondern tatsächlich ein Fell besitzt, welches ihm aber nicht wenige über die Ohren ziehen wollen. Allen voran die Schafzüchterverbände. Längst bewegt sich der Wolf in einer Grauzone. Grauzonen kennt man eher aus der Wirtschaft: Wer z. B. Schwarzgeld mit Weißgeld mischt, landet in einer Grauzone. Der Wolf ist dem Menschen ein Wolf, und für viele bleibt der Wolf ein Fremder, obwohl er schon seit Jahrhunderten in Mitteleuropa ansässig ist.
Trotzdem ist der Reißwolf gefährdet durch ein erhöhtes Aufkommen von Transparenz und Ehrlichkeit in der Politik. Das war natürlich ein Scherz. Tatsache ist, dass es einfach weniger Nahrung für Reißwölfe gibt in Zeiten, da in den Amtsstuben etwas weniger ausgedruckt wird. Der Fleischwolf wiederum hat mit der vermehrten Ausbreitung des Veganismus zu kämpfen. Aber wenigstens Canis lupus ist ungefährdet. Dank vermehrter Wolfskopulationen legen die Wolfspopulationen bundesweit zu. Sogar auf St. Pauli wurde neulich einer gesichtet, vermutlich ein Rüde. Jedenfalls benahm er sich so.
Zurück in den Kreis. Wolfsbarsche wurden bei uns noch keine ausgemacht, im Neckar nicht oder in der Eschach. Wolfsspinnen sind vereinzelt heimisch, Wolfsspinner hingegen gibt es massenhaft. Vielleicht lässt sich der Wolf in die Landesgartenschau einbinden, in einem eigenen Gehege. Oder man transferiert das Wolfweez-Festival für dieses eine Mal von Irslingen in die Neckarauen. Allerdings müssten dringend neue Wolfsnamen her. Der bei Baiersbronn heißt GW 5057m, das geht gar nicht. Wieso bekommt hierzulande ein havarierter Buckelwal einen herzerwärmenden Namen verpasst, der abgesehen davon das Geschlecht verfehlt? Dem Wolf muss Gerechtigkeit widerfahren, man muss ihn ja nicht gleich Guido nennen.
© Thomas C. Breuer 06.06.2026
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