Wir alle spielen zeitlebens Rollen, heißt es. Was das jenseits der Theorie ganz handfest bedeuten kann, zeigt die neueste Produktion des Zimmertheaters „Jacke wie Hose“ – ein packender Soloabend mit einer fulminanten Anne Hecht, die bei der Premiere bejubelt wurde.

Wann ist etwas authentisch, echt? Zum Beispiel eine Nachricht, ein Foto – oder auch ein Mensch. Diese Fragen werden derzeit intensiv verhandelt – nicht zuletzt, da die „künstliche Intelligenz“ immer mehr und immer überzeugender „Echtheit“ simulieren kann. Oder neue erschafft. Was letztlich zur Frage führt: Wem und was kann ich glauben und vertrauen?
Die neueste Inszenierung des Zimmertheaters, „Jacke wie Hose“ von Manfred Karge, trifft damit, obwohl 1982 entstanden, einen Nerv unserer Zeit. Erzählt wird – angelehnt an eine wahre Begebenheit – die Geschichte von Ella Gericke, die in den harten 1920er-Jahren in die Rolle ihres Mannes Max als Kranfahrerin schlüpft, als dieser stirbt. Alles nur, um dessen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, der das Überleben sichert.

Damit beginnt eine windungsreiche Geschichte von Täuschung und Ent-Täuschung. Als Max kann sie den Job behalten, als Ella der Einberufung durch das Dritte Reich entgehen. Und später dem Zwang, in den letzten Kriegstagen noch im russischen Kugelhagel zu sterben.
Was nach einem agilen Ausweichen klingen mag, ist jedoch beinhart. Als Max etwa muss Ella in den rauen Sitten eines Arbeiterlebens bestehen. Muss sozialem Druck standhalten, samt hohem Schnaps- und Bierpegel. Nein, das „Patriarchat“ des Mannseins war oft kein Privileg. Und das Frausein schon gar nicht.
Anne Hecht verkörpert – von Peter Staatsmann als Regisseur in ihren Stärken klug gefördert – Ella und Max mit großer Energie und facettenreicher Darstellungskunst. Man erlebt eine Vollblut-Schauspielerin, die im Gezeigten aufgeht. Die, auch weil sie schwäbisch spricht, ganz unverstellt wirkt, authentisch, echt. Und dabei besonders das Brüchige, Zwiespältige, das Hin- und-Her-Gerissene erlebbar macht. Etwa als Ella sich in eine Schwangerschaft herbei fantasiert – ein ungelebtes Leben, das ihr verwehrt bleibt.

Hecht schafft ein großes Kraftfeld, das den ganzen Abend trägt. Trotz des Monologs erlebt man keine Längen. Sondern folgt der Inszenierung gespannt. Dazu trägt ein pfiffiges Bühnenbild bei: Dutzende verschiedener Stühle auf der Bühne. Auf jeden könnte man sich setzen. Könnte ein anderes Leben leben, eine andere Rolle spielen.
Info: Weitere Vorstellungen von „Jacke wie Hose“ gibt es am 30. Oktober, am 7., 20. und 27. November sowie am 19. und 31. Dezember.