20260720 2000x1500px nm6j xl

Klimafreundliche Mobilität kann mehr als nur Elektro

Während sich die politische Debatte in Europa seit Jahren vor allem auf die Elektromobilität konzentriert, mehren sich aktuell die Zeichen für einen technologieoffenen Ansatz seitens der Autoindustrie

Autor / Quelle:
Lesezeit 6 Min.

Während sich die politische Debatte in Europa seit Jahren vor allem auf die Elektromobilität konzentriert, mehren sich aktuell die Zeichen für einen technologieoffenen Ansatz seitens der Autoindustrie. In der vergangenen Woche haben BMW, Toyota, Bosch und Repsol ein gemeinsames Pilotprojekt gestartet, bei dem Serienfahrzeuge erstmals unter Alltagsbedingungen mit dem zu 100 Prozent erneuerbaren Kraftstoff Nexa 95 betrieben werden. Parallel halten führende Hersteller an der Entwicklung von Wasserstofffahrzeugen fest. Hyundai entwickelt den Nexo konsequent weiter, BMW plant gemeinsam mit Toyota den Marktstart eines Brennstoffzellenfahrzeugs ab 2028 und auch im Nutzfahrzeugbereich investieren Hersteller wie Daimler, MAN oder Volvo Truck weiterhin in wasserstoffbasierte Antriebssysteme.

  • Synthetische und Bio-Kraftstoffe oder Wasserstoff sind Alternativen
  • Autoindustrie geht technologieoffen mehrere klimafreundliche Wege
  • AvD für bezahlbare und alltagstaugliche Mobilität

Aus Sicht des Automobilclub von Deutschland (AvD) zeigen diese Entwicklungen vor allem eines: Der Weg zur klimaneutralen Mobilität wird vielfältiger. Elektromobilität ist eine große Chance für die Zukunft, aber Klimaschutz darf sich deshalb nicht auf eine einzige Technologie beschränken. Entscheidend ist vielmehr, welche Lösungen möglichst schnell, wirtschaftlich und in großem Maßstab CO₂ einsparen können. Die Verbraucher sollten dabei auch künftig selbst entscheiden können, welche Antriebstechnologie am besten zu ihrem Alltag passt.

In Deutschland sind deutlich über 49 Millionen Pkw zugelassen. Laut Kraftfahrtbundesamt sind aktuell weniger als 5 Prozent davon rein elektrisch unterwegs. Mit einem stetig steigenden Durchschnittsalter von derzeit 10,9 Jahren wird also, selbst bei einem dynamischen Hochlauf der Elektromobilität, ein erheblicher Teil dieser überwiegend herkömmlich angetriebenen Fahrzeuge noch lange Zeit auf den Straßen unterwegs sein. Wer die Klimaziele ernst nimmt, sollte deshalb nicht ausschließlich auf den Austausch der Fahrzeugflotte setzen, sondern auch Lösungen fördern, mit denen bestehende Fahrzeuge klimafreundlicher betrieben werden können. Moderne Biokraftstoffe, höhere Ethanolbeimischungen wie E20, synthetische Kraftstoffe sowie Wasserstoff können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten und die Elektromobilität sinnvoll ergänzen.

Der Mix macht‘s

Bereits heute ermöglicht der Kraftstoff E10 nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen von 6 bis 9 Prozent gegenüber rein fossilem Benzin. Mit einer weiteren Anhebung auf E20 könnten bestehende Verbrennungsmotoren einen zusätzlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sofern Fahrzeugverträglichkeit und Kraftstoffnormen entsprechend weiterentwickelt werden. Der große Vorteil liegt darin, dass die bestehende Tankstelleninfrastruktur weitgehend erhalten bleibt und Millionen Bestandsfahrzeuge unmittelbar profitieren könnten.

Klimaschutz und individuelle Mobilität dürfen kein Widerspruch sein. Unser Ziel muss sein, CO₂ möglichst schnell und wirksam einzusparen und dies unabhängig davon, welche Technologie dazu den größten Beitrag leistet. Die Menschen brauchen bezahlbare, alltagstaugliche Mobilität und keine Einschränkung ihrer Wahlfreiheit. Technologieoffenheit ist deshalb kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für eine erfolgreiche und gesellschaftlich akzeptierte Verkehrswende.

AvD-Präsident Lutz Leif Linden

Ein weiteres Zukunftsfeld sind synthetische Kraftstoffe (E-Fuels). Sie werden mithilfe von erneuerbarem Strom, Wasser und CO₂ hergestellt. Stammt der benötigte Strom vollständig aus erneuerbaren Energien und wird das verwendete Kohlendioxid der Atmosphäre oder unvermeidbaren Industrieprozessen entnommen, können E-Fuels bilanziell nahezu CO₂-neutral hergestellt werden. Zwar ist ihr energetischer Wirkungsgrad geringer als bei batterieelektrischen Fahrzeugen, dennoch sehen Wissenschaftler unter anderem des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) insbesondere im Luftverkehr, der Schifffahrt und für Teile der Bestandsflotte sinnvolle Einsatzmöglichkeiten.

Auch Wasserstoff bleibt ein wichtiger Bestandteil einer klimaneutralen Mobilität. Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse aus Wasser hergestellt, wobei ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien eingesetzt wird. In Brennstoffzellenfahrzeugen entsteht während des Fahrbetriebs lediglich Wasserdampf. Gleichzeitig wird Wasserstoff auch als Kraftstoff für speziell entwickelte Verbrennungsmotoren erprobt. Zahlreiche Hersteller entwickeln ihre Technologien konsequent weiter und angesichts der seit Monaten hohen Spritpreise wird auch der Einwand teurer Herstellungskosten relativiert. Ziel ist es, nachzuweisen, dass sich klimafreundliche Kraftstoffe ohne technische Änderungen am Fahrzeug und ohne neue Tankstelleninfrastruktur einsetzen lassen.

Kosten-Nutzen-Verhältnis

Die Bundesregierung verfolgt mit der Nationalen Wasserstoffstrategie sowie ihrer Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie selbst einen technologieoffenen Ansatz und sieht erneuerbare Kraftstoffe als Ergänzung zur Elektromobilität vor. Auch zahlreiche wissenschaftliche Institute betonen, dass es nicht den einen Königsweg zur Dekarbonisierung des Verkehrs gibt. Entscheidend sind die jeweiligen Einsatzbereiche, die Verfügbarkeit erneuerbarer Energien, der Ausbau der Infrastruktur und nicht zuletzt die wirtschaftliche Umsetzbarkeit.

Für viele Verbraucher sind die Anschaffungskosten eines Elektrofahrzeugs, fehlende Lademöglichkeiten oder lange Fahrstrecken nach wie vor Herausforderungen. Gerade im ländlichen Raum unterscheiden sich die Voraussetzungen erheblich von denen in Ballungsgebieten. Klimaschutz wird nur dann dauerhaft Akzeptanz finden, wenn er praktikabel, bezahlbar und für möglichst viele Menschen umsetzbar bleibt.

Klimaschutz und Mobilität

Der AvD begrüßt daher ausdrücklich die dynamische Entwicklung erneuerbarer Kraftstoffe, von Wasserstoff sowie weiterer klimafreundlicher Technologien. Die Innovationsgeschwindigkeit nimmt spürbar zu, und ihr flächendeckender Einsatz in den verschiedenen Verkehrsbereichen wird zunehmend greifbar. Umso wichtiger ist es, dass Politik und Industrie die Innovationskraft aller klimafreundlichen Lösungen entschlossen fördern und nutzen. Der Verkehrssektor braucht keine ideologischen Vorgaben, sondern verlässliche Rahmenbedingungen, Investitionen in Infrastruktur und den Mut, unterschiedliche Technologien parallel weiterzuentwickeln. Nur so kann die CO₂-Reduktion schnell, wirtschaftlich und sozial verträglich gelingen.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet

Danke, dass Sie die NRWZ lesen.

NRWZ.de ist kostenlos. Damit das so bleibt, brauchen wir Werbeeinnahmen — die funktionieren besser mit Ihrer Einwilligung. Nutzen Sie NRWZ kostenlos mit Werbung oder unterstützen Sie unsere Redaktion mit einer Steady-Mitgliedschaft und lesen dafür werbefrei.

Kostenlos mit Werbung

Der kostenlose Zugang wird durch Werbung finanziert. Dafür bitten wir um Ihre Einwilligung in die dafür notwendigen Cookies und Dienste.

Bereits Mitglied? Dann können Sie sich direkt einloggen:

Werbefrei mit Steady

Mit Steady unterstützen Sie unabhängigen Lokaljournalismus aus der Region und lesen NRWZ ohne Werbung*.

*Frei von Werbung über die externen Anbieter Google und Taboola. Lokale Werbung zeigen wir im Interesse unserer Direktkunden weiterhin an.

Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und im Impressum.