Berichten über die Bewerbungskosten für die Landesgartenschau 2028: Broß (links) und Ruf. Foto: Peter Arnegger

Rottweil hat die höchste Aussichtsplattform Deutschlands, eines Tages wenn nicht die längste, so doch eine ziemlich lange Fußgänger-Hängebrücke. Rottweil hat eine wunderschöne historische Innenstadt und bleibt bis ans Ende seiner Tage die älteste Stadt Baden-Württembergs. Warum jetzt auch noch die Landesgartenschau 2028? Ist das nicht ein bisschen zuviel des Guten? Oder, in einem Sprichwort ausgedrückt: Macht hier der Teufel mal wieder auf den größten Haufen? „Nein“, antwortet da Oberbürgermeister Ralf Broß. Er kann das begründen. 

Broß – weißes Hemd, eine Junghans-Max-Bill am Arm – wirkt an diesem Donnerstagmorgen völlig aufgeräumt. Wie an einem Donnerstag der vorvergangenen Woche, beispielsweise. Vielleicht ein bisschen entspannter, wirkt er, neuerdings geht er zu Fuß zur Arbeit, etwa mittwochs morgens über den Wochenmarkt.

Wenn einem so viel Gutes widerfährt …

Was sich seither wesentliches verändert hat, scheint keinerlei Spuren hinterlassen zu haben: Dass ihm, man muss es so sagen, nicht nur ein riesiger Aufzugstestturm und eine sehr lange Hängebrücke gleichsam in den Schoß gefallen sind, sondern Rottweil nun auch noch Landesgartenschau-Stadt 2028 geworden ist. Wenn einem so viel Gutes widerfährt – wie bleibt man da auf dem Boden? „Indem man nicht abhebt“, sagt Broß dazu. Und: Indem man sich auch um „die Niederungen des Alltags“ kümmere. Für ihn müssten das derzeit Themen sei wie die fehlende Gastronomie auf dem Berner Feld, die einerseits ein stark zeitversetztes Reagieren auf die Erfordernisse ist und andererseits ein Ringen um eine machbare Lösung. Eine zunächst eben kleine. Die auch nicht sofort kommt. Behördliches Dicke-Bretter-Bohren.

Laga-Liegestuhl und -Gießkanne, Hörl-Hund und Pürschgerichtskarten: Broß‘ Büro. Foto: Peter Arnegger

Nicht in den Schoß gefallen

Dass dem Stadtoberhaupt aber auch die Landesgartenschau in den Schoß gefallen wäre, das kann man offenbar nicht sagen. Dass der Zuschlag vom Land der Stadt quasi zugeflogen wäre, das verneint auch etwa Bürgermeister Dr. Christian Ruf. Dem sei harte Arbeit vorausgegangen. Broß und Ruf – blaues Hemd, Jackett – sitzen an diesem Morgen samt dem städtischen Pressesprecher Tobias Hermann im Büro des Oberbürgermeisters. Dort gibt es einen Blick von oben in den noch leeren Aufzugstestturmschlund an der Wand, eine Fotografie im Maßstab von 1:10, vielleicht. Und die Pürschgerichtskarte. Ottmar Hörls Rottweil. Einen Landesgartenschau-Liegestuhl. Es gibt hässlichere Büros in der Stadt.

200.000 ausgegeben – doch viele Millionen werden fließen

Broß, Ruf und Hermann wollen an diesem Morgen die Presse und damit die Bürger der Stadt über die Kosten für die Landesgartenschaubewerbung informieren, transparent, wie es immer wieder heißt. Es schwirren verschiedene Zahlen durch den Raum, man kann sie aber auf 200.000 Euro aufsummieren. So viel hat sich die Stadt sämtliche Aktionen kosten lassen, mit denen sie sich für die Landesgartenschau 2028 beworben hat. Um die Zahl einzuordnen: Das wäre genau ein Prozent von der derzeit geschätzten Gesamtinvestition in Höhe von 20 Millionen Euro, von denen zehn von der Stadt kommen sollen. Und welche, es gibt da bereits Gedankenspiele, einige weitere Millionen an privaten und unternehmerischen Investitionen nach sich ziehen werden. So viele, dass die Gesamtsumme am Ende locker verdoppelt sein könnte.

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50.000 Euro hat der Besuch der Bewertungskommission gekostet. Die Stadt hatte damals Transparente aufgestellt, im Stadtgraben und am Neckartal Visualisierungen aufgebaut, ein kleines Fest für die Kommissionsmitglieder ausgerichtet, die ja in Stimmung gebracht und für Rottweil eingenommen werden sollte.

Über die Kompetenz Geld ausgegeben

Gut investiertes Geld, findet offenbar auch der zuständige Gemeinderatsausschuss. Der genehmigte die Summe am Mittwoch nicht-öffentlich nach. 50.000 Euro waren schon im Haushalt für die Bewerbung drin, 105.000 weitere Euro hat sie bisher gekostet (wobei OB Broß deutlich über seine Kompetenzen gegangen sein muss, laut Hauptsatzung kann er nur bis zu 50.000 Euro auf die eigene Kappe nehmen).

Die Verwaltung habe aber nicht-öffentlich den Gemeinderatsausschuss mitgenommen, so Broß, es sei den Räten bekannt und von diesen auch mitgetragen gewesen, dass die Stadt deutlich mehr Geld ausgibt, als vorgesehen. Am Ende wird’s viermal so viel sein, denn bis zum Jahresende sollen weitere 45.000 Euro ausgegeben sein. Aber, wie gesagt, das ist ein Prozent vom Gesamtvolumen der Großveranstaltung, die so an den Start gebracht wird. Vielleicht nur ein halbes Prozent, das wird man erst nach 2028 errechnen können. Und die Stadträte tragen die Investitionen einmütig mit. Deshalb möchte übrigens OB Broß noch vor den nächsten Kommunalwahlen einen Grundsatzbeschluss im Gemeinderat fassen lassen, dass die Stadt die Landesgartenschau auch annehmen werde – ja, so etwa ist nötig. Broß jedenfalls will den Beschluss mit diesem Gremium, das hinter ihm steht.  

Ehrenamtliche haben mitgeschafft

Auch die Bürgerbeteiligung koste Geld – und lohne sich, so Broß. Dass die Bewerbung ohne das Engagement der Ehrenamtlichen nicht erfolgreich gewesen wäre, betonten beidem Ober- und Bürgermeister. Broß:

Es war ein hohes Risiko“, so viel Geld in die Hand zu nehmen, „aber es hat sich gelohnt. Die Situation, in der wir jetzt sind, gibt uns recht. Und die Kritik wäre größer, wenn wir nur halbherzig vorgegangen wären.“

„Über die vorhandenen Mängel gepunktet“

Es habe auch nicht die Stadt gewonnen, die das meiste Geld investiert habe – Rottweil habe sich immerhin in Konkurrenz mit leistungsstarken Städten wie Ludwigsburg und Ulm befunden, so Pressesprecher Hermann. Vielmehr – und jetzt kommt der Grund dafür, dass der Teufel halt nicht auf den größten Haufen gemacht hat – hätte Rottweil auch mit seinen Defiziten gepunktet, „auch über die vorhandenen Mängel“, so Broß. Hinter der Bewerbung stehe ein städtebauliches und landschaftliches Konzept. „Die Landesgartenschau wird die Projekte Testturm und Hängebrücke erst zur Blüte bringen“, so Hermann. Das ist das Verbindungsstück, das das Puzzle Rottweil komplett macht. In Hochglanz.

Erstes Projekt: die Dreher’sche Mühle 

Ein erstes Projekt soll jetzt angegangen werden – bei der Dreher’schen Mühle, unten am Neckar. Dort wird die Durchlässigkeit des Flusses eingefordert, weshalb die Stadt das Wehr in der Au abbauen lassen wird. Zugleich soll der Mühlkanal saniert werden, damit das Mühlrad auch bei dann weniger fließendem Wasser aktiv bleiben kann. Die Fließgeschwindigkeit des Neckars soll damit zunehmen, dessen Qualität sich aufwärts, etwa auf der Strecke zwischen der Au und Göllsdorf, deutlich verbessern, versprach Broß. 780.000 Euro sollte das kosten, weil die Baufirmen ausgelastet sind, hat nur eine geboten.

Auf 900.000 Euro wird die Gesamtmaßnahme taxiert, die in zwei Schritten erfolgen soll. Am Ende soll sogar eine Brücke über das bisherige Wehr führen – und damit ein Weg aus der Innenstadt, am Fuß des Viadukts entlang zur Mühleninsel und hinauf auf die alte B 27, rüber zum Testturm eröffnet. Ein für Fußgänger sicherer Weg, auf dem die B 27 nicht gequert werden muss. Eine Gesamtmaßnahme auch, die sich in dem dicken Landesgartenschau-Bewerbungsbuch findet, auf Seite 68. Ein Buch, das jetzt übrigens nachgedruckt werden soll, was alleine 5000 Euro kosten wird.

Von den Bürgern erwartet Broß viel, von den Gastronomen … naja 

Die Landesgartenschau Rottweil 2028 wird die Stadt deutlich verändern. Broß und Ruf sehen diese Veränderungen zunächst im immateriellen Bereich. „Die Bürger und die Gruppierungen in der Stadt rücken näher zusammen“, beobachtet etwa Ruf. Und Broß will „alles daran setzen“, dass die Euphorie, die jetzt aufgekommen sei, gehalten werden könne. Dass die Menschen sich öffneten, dass sie merkten, „wir können unsere Stadt und unsere Umwelt verändern, können uns einbringen, können auch alte Flächen, auf denen wir als Kinder gespielt haben, wieder reaktivieren.“ Und er will den „Spaß am Ehrenamt fördern.“

Rottweil werde sich auch gastronomisch weiter entwickeln. Aber hier dämpft das Stadtoberhaupt ein wenig die Euphorie, alles könne aus eigener Kraft kommen. „Wir werden Unternehmer und Gastronomen von außen brauchen“, sagte er. Es sei gut möglich, „dass die bisherigen, die vorhandenen sich nicht bewegen wollen.“

Der Einzelhandel, der ist allerdings offenbar am Start. Kommende Woche soll da was kommen, als Zusammenarbeit von Einzelhändlern und Stadtverwaltung. Am Testturm. Was gastronomisches. Ist noch geheim. Man wird sehen.