Großes Interesse am Thema. Fotos: him

SCHRAMBERG  –  Das The­ma beschäf­tigt die Men­schen – nicht erst seit den Miss­brauchs­skan­da­len in der Katho­li­schen Kir­che oder den Fäl­len aus Stau­fen: „Sexua­li­sier­te Gewalt im Kin­des- und Jugend­al­ter“.

Auf Ein­la­dung des JUKS³ sprach Pro­fes­sor Anja Teu­bert vor zahl­rei­chen Leh­re­rin­nen und Leh­rern, Erzie­he­rin­nen und päd­ago­gi­sche Fach­kräf­ten. Aber auch etli­che Eltern, Poli­zis­ten, Ver­eins­vor­stän­de und inter­es­sier­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger waren am Mon­tag­abend in die Men­sa des Gym­na­si­ums gekom­men, um die renom­mier­te Exper­tin für sexua­li­sier­te Gewalt, von der Dua­len Hoch­schu­le in Schwen­nin­gen zu hören.

In sei­ner Begrü­ßung beton­te Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Her­zog, auch die Stadt habe in der Ver­gan­gen­heit wohl zu wenig zur Auf­klä­rung bei die­sem The­ma getan. „Wir müs­sen mehr Öffent­lich­keits­ar­beit betrei­ben.“

Was ist sexualisierte Gewalt?

Pro­fes­sor Teu­bert ana­ly­sier­te zunächst, wor­um es bei jeder Art Gewalt geht: um Macht. Das sei auch bei sexua­li­sier­ter Gewalt gegen Kin­der nicht anders. Es gebe ganz unter­schied­li­che Täter­grup­pen. Man­che sei­en zärt­lich mit den Kin­dern. „Das erscheint dann oft nicht als Gewalt“, so Teu­bert. Da es aber gegen den Wil­len der Kin­der gesche­he, sei es Gewalt. 

Anja Teu­bert bei ihrem Vor­trag

Neben bru­ta­ler Gewalt zählt Teu­bert auch ver­ba­le Beläs­ti­gun­gen, Exhi­bi­tio­nis­mus, flüch­ti­ge Berüh­run­gen etwa beim Sport, Por­nos zei­gen oder gar Miß­brauchs­hand­lun­gen fil­men zu sol­chen Gewalt­ta­ten. Die Zahl der Opfer von sexua­li­sier­ter Gewalt in Deutsch­land schät­zen Exper­ten der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO auf  eine Mil­li­on. Das bedeu­te: In jeder Schul­klas­se sind ein bis zwei Kin­der betrof­fen.

Erschre­ckend: es dau­ert oft sehr lan­ge, bis einem Opfer geglaubt wird. Durch­schnitt­lich sie­ben Erwach­se­ne müs­se ein Kind oder Jugend­li­cher anspre­chen, bevor ihm geglaubt wer­de.

Täter und Tatorte

Die meis­ten Taten, näm­lich 80 bis 90 Pro­zent gesche­hen im enge­ren Fami­li­en- oder Bekann­ten­kreis, ähn­lich hoch ist auch der Pro­zent­an­teil der männ­li­chen Täter. „Sie stam­men aus allen Schich­ten der Gesell­schaft.“  Erschre­ckend: Die Hälf­te der betrof­fe­nen Kin­der und Jugend­li­chen lei­den spä­ter unter den Fol­gen der sexua­li­sier­ten Gewalt, bekom­men kör­per­li­che oder psy­chi­sche Erkran­kun­gen.

Beson­ders auch in Ein­rich­tun­gen für Kin­der und Jugend­li­che  gesche­he sexua­li­sier­te Gewalt: „Die Täter suchen sich sol­che Insti­tu­tio­nen, um an Kin­der her­an zu kom­men.“ Des­halb gel­te es Schutz­kon­zep­te zu ent­wi­ckeln. Beson­ders anfäl­lig sei­en Ein­rich­tun­gen, in denen es „eng” zugeht: Sowohl räum­lich als auch in der Per­so­nal­struk­tur: Hier­ar­chisch-auto­ri­tä­re Ver­hält­nis­se, Ein­rich­tun­gen ohne Pri­vat­sphä­re oder mit man­gel­haft qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal sei­en anfäl­lig, so Teu­berts Ana­ly­se. „Sol­che Ein­rich­tun­gen gren­zen sich nach außen ab.“  Sie arbei­te­ten nicht mit ande­ren zusam­men, lie­ßen sich nicht bera­ten. Hier sah Teu­bert die Haupt­ver­ant­wor­tung bei den Jugend­äm­tern.

Was tun?

Zur Vor­beu­gung sei wich­tig, dass Kin­der Posi­tiv-Bezie­hun­gen auf­bau­en kön­nen – und das zu meh­re­ren Bezugs­per­so­nen. Die Gesell­schaft dür­fe die sexua­li­sier­te Gewalt nicht baga­tel­li­sie­ren, man müs­se das The­ma ent­ta­bui­sie­ren.

In Ein­rich­tun­gen wie Schu­len oder Kin­der­gär­ten sei wich­tig, dass die Fach­kräf­te ihre päd­ago­gi­sche Arbeit stets über­den­ken, sich mit Feh­lern beschäf­ti­gen einen „grenz­ach­ten­den Umgang“ pfle­gen und gewalt­för­dern­de Struk­tu­ren sicht­bar machen. Auch das „gegen­sei­ti­ge Con­trol­ling“ sei wich­tig. In den Ein­rich­tun­gen müs­se jemand zustän­dig sein für den Kon­takt zur Fach­be­ra­tung. Mit einem Zitat von Jean Paul Sart­re schloss Teu­bert: „Gewalt lebt davon, dass sie von anstän­di­gen Leu­ten nicht für mög­lich gehal­ten wird.“

Im Anschluss stell­te Sozi­al­päd­ago­gin Rena­te Wei­ler vom Ver­ein Frau­en hel­fen Frau­en + Aus­we­ge die loka­le Anlauf­stel­le und Fach­be­ra­tung für Betrof­fe­ne und Ein­rich­tun­gen im Land­kreis Rott­weil vor. Auch ihr Rat: Offen sein, zuhö­ren Ver­trau­en schen­ken, nicht weg­schau­en, Betrof­fe­ne beglei­ten.

Rena­te Wel­ler

Info: Bera­tung und Unter­stüt­zung gibt es bei „Frau­en hel­fen Frau­en + Aus­we­ge“ in der Bera­tungs­stel­le in Rott­weil. Tele­fon: 0741 – 4 13 14. Die Sprech­zei­ten sind Mon­tag bis Frei­tag von 9 Uhr bis 12 Uhr und Don­ners­tag zusätz­lich von 13 Uhr  bis 17 Uhr, oder nach Ver­ein­ba­rung.

Zusätz­li­che Bera­tun­gen bie­tet der Ver­ein in Schram­berg, Obern­dorf und Sulz.

Adres­se: Frau­en hel­fen Frau­en + AUSWEGE e.V., Hoh­len­gra­ben­gas­se 7, 78628 Rott­weil, Tele­fon: 0741 – 4 13 14, Tele­fax: 0741 – 94 10 295 info@fhf-auswege.de

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