Der Rhein führt so wenig Wasser wie noch nie. Während Autofahrer die Folgen bislang kaum spüren, geraten immer mehr Unternehmen unter Druck. Eine bundesweite IHK-Umfrage zeigt: Höhere Kosten, umgestellte Lieferketten und sogar Produktionsdrosselungen sind inzwischen Realität.
Die Kraftstoffversorgung im Südwesten ist nach Angaben der Mineralölwirtschaft derzeit zwar gesichert. Für viele Unternehmen entlang des Rheins verschärft sich die Lage durch das historische Niedrigwasser jedoch zusehends.
Wie eine bundesweite Umfrage der Industrie- und Handelskammern entlang des Rheins zeigt, kämpfen inzwischen zahlreiche Betriebe mit erheblichen Einschränkungen. An der Befragung beteiligten sich 170 Unternehmen aus Logistik, Industrie und weiteren Wirtschaftszweigen zwischen dem 29. Juli und dem 4. August.
Das Ergebnis fällt deutlich aus: 78 Prozent der Unternehmen melden steigende Kosten infolge des Niedrigwassers. 72 Prozent mussten ihre Logistik bereits umstellen. Fast jedes dritte Unternehmen hat die Produktion eingeschränkt, sechs Prozent berichten sogar von einem vollständigen Produktionsstopp. 13 Prozent sehen nach eigenen Angaben ihren Standort gefährdet.
Schiffe fahren nur noch mit einem Bruchteil ihrer Ladung
Grund für die Probleme ist der extrem niedrige Wasserstand des Rheins. Am Pegel Kaub wurden zuletzt lediglich 23 Zentimeter gemessen – ein historischer Tiefstand.
Die geringe Fahrrinnentiefe zwingt Binnenschiffe dazu, ihre Ladung drastisch zu reduzieren. Statt mit voller Auslastung können viele Schiffe nur noch einen Bruchteil der üblichen Fracht aufnehmen. Manche Verbindungen mussten zeitweise sogar ganz eingestellt werden.
Die Folgen sind unmittelbar spürbar: Dieselben Warenmengen müssen auf mehrere Schiffe verteilt oder auf Bahn und Straße verlagert werden. Dadurch steigen die Transportkosten erheblich.
Mehr als jedes zweite befragte Unternehmen berichtet von einem Anstieg der Logistikkosten um mindestens 25 Prozent. Knapp ein Drittel verzeichnet sogar Kostensteigerungen von 50 Prozent oder mehr.
Kraftstoffversorgung bleibt stabil
Die Auswirkungen auf die Mineralölwirtschaft hatte die NRWZ bereits beleuchtet. Nach Angaben der Mineralölraffinerie Oberrhein (MiRO) in Karlsruhe können Tankschiffe derzeit nur noch rund ein Drittel ihrer üblichen Ladung aufnehmen.
Der Wirtschaftsverband en2x hatte gegenüber der NRWZ dennoch erklärt, dass die Kraftstoffversorgung derzeit gesichert sei. Durch eine laufende Anpassung der Logistik sowie zusätzliche Transporte auf Straße und Schiene würden Tankstellen weiterhin zuverlässig beliefert. Gleichzeitig räumt der Verband jedoch ein, dass die aufwendigere Logistik die Kosten erhöht und damit auch ein Faktor bei den Kraftstoffpreisen ist.
Stahlwerke schlagen Alarm
Besonders hart trifft das Niedrigwasser Unternehmen, die große Mengen an Rohstoffen oder Fertigprodukten transportieren.
Florian Glück, Geschäftsführer der Badischen Stahlwerke, beschreibt die Situation als äußerst kritisch. Rund 60 Prozent der Rohstoffe erreichen das Unternehmen normalerweise über den Rhein. Gleichzeitig werden etwa 50 Prozent der fertigen Produkte über die Wasserstraße abtransportiert – insgesamt mehr als 200.000 Tonnen pro Monat.
Ein kurzfristiges Ausweichen auf Straße oder Schiene sei aufgrund begrenzter Kapazitäten kaum möglich. Die Folge seien massiv steigende Logistikkosten.
Auch der Hafen Kehl leidet unter den Auswirkungen. Nach Angaben von Hafendirektor Volker Molz können Binnenschiffe den Hafen derzeit nur noch mit deutlich reduzierter Ladung anlaufen. Dadurch stauen sich wichtige Güter im Hafenbereich und die gewohnte Leistungsfähigkeit könne derzeit nicht aufrechterhalten werden.
Unternehmen ziehen Konsequenzen
Viele Betriebe reagieren bereits auf die wiederkehrenden Niedrigwasserphasen.
Rund ein Drittel der befragten Unternehmen plant, künftig weniger Transporte über den Rhein abzuwickeln. Etwa jedes vierte Unternehmen will seine Lagerhaltung anpassen, um Lieferengpässe künftig besser abfedern zu können.
IHK fordert schnellere Maßnahmen
Für die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein zeigt die aktuelle Lage, dass aus den Erfahrungen des Extrem-Niedrigwassers im Jahr 2018 zu wenig Konsequenzen gezogen wurden.
Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Alwin Wagner fordert deshalb, Engstellen im Rhein zügig auszubauen. Da die Transportkapazität eines Flusses immer von seiner flachsten Stelle abhänge, müsse insbesondere dort angesetzt werden. Auch die geplante Niedrigwasser-Taskforce für den Rhein bewertet die IHK positiv.
Denn nach den aktuellen Wetterprognosen dürfte sich die Lage zunächst nicht entspannen. Bleiben die Pegelstände weiter auf historischem Tiefstand, dürfte das Niedrigwasser die Wirtschaft noch längere Zeit beschäftigen – selbst wenn Autofahrer an den Tankstellen bislang kaum etwas davon bemerken.
