Mehr als 25.000 Ehrenamtskarten hat Baden-Württemberg seit 2025 ausgegeben. Das Sozialministerium will weitere Kommunen für das Angebot gewinnen und erhöht dafür die Förderung. Der Landkreis Rottweil bleibt dennoch bei seinem Nein. Er verweist auf den Verwaltungsaufwand, unsichere Folgekosten und mögliche Einnahmeausfälle bei kommunalen Einrichtungen.
Kreis Rottweil/Stuttgart. Das Land Baden-Württemberg feiert seine Ehrenamtskarte als Erfolgsmodell. Seit dem Start im vergangenen Jahr seien bereits mehr als 25.000 Karten ausgegeben worden, rund die Hälfte davon allein 2026. Sozialminister Oliver Hildenbrand wirbt deshalb dafür, dass weitere Stadt- und Landkreise mitmachen.
Der Landkreis Rottweil wird diesem Aufruf allerdings nicht folgen. Das Landratsamt bestätigte auf Anfrage der NRWZ, dass die bereits 2025 getroffene Entscheidung gegen eine Einführung weiterhin gilt – trotz der inzwischen angekündigten besseren finanziellen Förderung durch das Land.
Land sieht wachsendes Interesse
„Die Ehrenamtskarte entwickelt sich zum Erfolgsmodell“, erklärte Hildenbrand am Mittwoch, 2. September, in Stuttgart. Menschen, die sich „mit viel Zeit und Herzblut für andere“ einsetzten, verdienten Anerkennung und Wertschätzung. Sein Ziel sei es, dass sich mehr Kommunen beteiligen und dadurch weitere Ehrenamtliche von den Vergünstigungen profitieren könnten.
Baden-Württemberg führt die Karte seit 2025 schrittweise landesweit ein. Nach Angaben des Sozialministeriums beteiligen sich inzwischen fast alle Stadtkreise sowie die Landkreise Böblingen, Calw, Esslingen und Ostalb.
Karteninhaber können mittlerweile rund 300 Angebote aus den Bereichen Bildung, Kultur und Sport nutzen. Dazu gehören kostenlose oder ermäßigte Eintritte und besondere Aktionen. Neu als Partner hinzugekommen sind die Landeszentrale für politische Bildung und das Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Im Haus der Geschichte in Stuttgart ist der Eintritt in sämtliche Ausstellungen für Karteninhaber frei.
Auch eine App gehört zum Angebot. Sie wurde nach Angaben des Landes bislang knapp 2000-mal heruntergeladen.
Vom 11. bis 20. September gibt es zudem eine Sonderaktion: Während der Woche des bürgerschaftlichen Engagements erhalten Inhaber der Ehrenamtskarte freien Eintritt zur Landesgartenschau in Ellwangen.
Entscheidung nach Rücksprache mit Bürgermeistern
Im Kreis Rottweil wird es die Karte dennoch nicht geben. Die Entscheidung sei bereits im vergangenen Jahr nach Rücksprache mit den Bürgermeistern gefallen, teilt das Landratsamt mit.
Ein Grund sei seinerzeit die begrenzte Landesförderung gewesen, die ursprünglich 2027 auslaufen sollte. Daneben hätten viele Städte und Gemeinden im Landkreis bereits eigene Möglichkeiten entwickelt, um ehrenamtliches Engagement anzuerkennen.
Das Land hat bei der Finanzierung inzwischen nachgebessert. Der bisherige Zuschuss von 46.600 Euro für Personalkosten soll ab 2027 jährlich um zwei Prozent erhöht werden. Damit solle insbesondere die Entwicklung der Tarifkosten berücksichtigt werden, erklärt das Sozialministerium.
Zusätzlich können teilnehmende Kommunen 2026 einen Sonderzuschuss von bis zu 30.000 Euro erhalten. Das Geld ist für Werbung und weitere Maßnahmen zur Förderung des Ehrenamts vorgesehen.
Kreis sieht erheblichen Verwaltungsaufwand
Für den Landkreis Rottweil ändert die angekündigte Erhöhung jedoch nichts an der grundsätzlichen Entscheidung. Das Thema Finanzierung scheine damit zwar vorerst entschärft, heißt es aus dem Landratsamt. Dennoch bleibe der Kreis bei seinem Nein.
Der Landeszuschuss könne nur beantragt werden, wenn zusätzliches Personal für die Einführung der Karte eingestellt werde. Aus Sicht des Landkreises ist die Umsetzung keineswegs mit einem einmaligen Verwaltungsakt erledigt. Akzeptanzpartner müssten fortlaufend gewonnen, das Angebot regelmäßig beworben und die Daten verwaltet werden. Zudem müsse es eine Anlaufstelle für Fragen von Ehrenamtlichen, Vereinen und teilnehmenden Einrichtungen geben.
Ob die Finanzierung dauerhaft gesichert sei, bleibe aus Sicht des Landratsamts offen. In Zeiten „extrem knapper Kassen“ seien solche freiwilligen Leistungen nur schwer zu rechtfertigen.
Sorge vor Einnahmeausfällen
Der Landkreis führt noch ein weiteres Argument an: die finanzielle Lage der Städte und Gemeinden. Vor allem Kommunen mit touristischen und kulturellen Einrichtungen könnten durch eine landesweit gültige Ehrenamtskarte Einnahmen verlieren.
Als Beispiel nennt das Landratsamt die Stadt Rottweil, die 2028 die Landesgartenschau ausrichtet. Würden Karteninhaber dort Vergünstigungen oder freien Eintritt erhalten, könnten sich die Einnahmen verringern. Einen finanziellen Ausgleich für solche Einbußen gebe es nicht; die jeweilige Kommune müsse sie selbst tragen.
Viele öffentliche Einrichtungen, darunter Schwimmbäder und Museen, seien bereits heute nicht kostendeckend zu betreiben. Zusätzliche kostenlose oder vergünstigte Eintritte könnten das Defizit weiter erhöhen, argumentiert der Landkreis.
Dabei ist die Ehrenamtskarte nicht automatisch mit kostenlosem Eintritt bei sämtlichen öffentlichen Einrichtungen verbunden. Die konkreten Vergünstigungen hängen von den jeweiligen Akzeptanzpartnern ab. Der Landkreis sieht dennoch das Risiko, dass insbesondere kommunale Einrichtungen unter Erwartungsdruck geraten könnten, sich am Programm zu beteiligen.
Anerkennung auch ohne landesweite Karte
Das Landratsamt betont, die Absage sei nicht Ausdruck mangelnder Wertschätzung. Ehrenamtlich Tätige seien „die Pfeiler unserer Gesellschaft“ und leisteten vor Ort eine unschätzbare Arbeit.
Aus Sicht des Kreises hängt die Anerkennung jedoch nicht von einer landesweit gültigen Karte ab. Entscheidend sei vielmehr, wie das Engagement insgesamt und unmittelbar vor Ort gewürdigt werde. Dabei verweist das Landratsamt auch auf die bislang geringe Beteiligung der Landkreise: Von den 35 Landkreisen in Baden-Württemberg hätten erst vier die Ehrenamtskarte eingeführt. Der Kreis Rottweil stehe mit seiner skeptischen Haltung daher nicht allein.
Damit treffen zwei unterschiedliche Ansätze aufeinander: Das Land setzt auf ein einheitliches Instrument, das Ehrenamtlichen landesweit sichtbare Vergünstigungen verschafft. Der Landkreis Rottweil bevorzugt dagegen örtliche Formen der Anerkennung und will keine neue, dauerhaft personal- und kostenintensive Verwaltungsstruktur schaffen.
Wer die Ehrenamtskarte erhalten kann
In teilnehmenden Stadt- und Landkreisen kann die Ehrenamtskarte beantragen, wer sich mindestens 200 Stunden pro Jahr freiwillig und unentgeltlich in einer gemeinwohlorientierten Organisation engagiert. Für die Mitarbeit in einem gemeinwohlorientierten Projekt reichen mindestens 100 Stunden pro Jahr.
Als Nachweis genügt eine Bescheinigung des jeweiligen Vereins, der Organisation oder der Einrichtung. Wer mehrere Ehrenämter ausübt, kann die dafür geleisteten Stunden zusammenrechnen.
Für Ehrenamtliche aus dem Kreis Rottweil bleibt diese Möglichkeit vorerst verschlossen. Ob der Landkreis seine Haltung zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal überprüft, lässt das Landratsamt offen. Aktuell gilt jedoch: Rottweil macht bei der Ehrenamtskarte nicht mit.